„Ich kann Euch heute nichts anderes sagen, als ich damals gesagt habe, edle Frau,“ versetzte Barbara betroffen — die unerwartete Anrede brachte sie aus der Fassung und hemmte die gewohnte Redefertigkeit.
„Was wurde aus dem Kinde, das Klaus auf dem Wege gefunden und dir gebracht hatte?“ fragte Frau Kunigunde und sah die andre forschend an.
Frau Bärbels purpurne Wangen wurden bleich vor Schrecken, sie ließ sich zitternd auf einen Schemel fallen. „Ihr wißt ....“ stotterte sie.
„Du siehst, ich weiß alles, also leugne nicht länger.“
Die Wirtin bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schwieg einige Sekunden, dann stand sie entschlossen auf und sagte ruhig: „Edle Gebieterin, ich habe damals ein großes Unrecht begangen, als ich von dem gefundenen Kinde schwieg. Es war ein elendes Würmchen, das kaum noch atmete, als ich es in Händen hielt. Es starb alsbald, und um keinen Lärm zu machen, habe ich es in der Stille im Garten verscharrt und niemand etwas davon gesagt. Als unsre kleine Irmgard dann so wunderbar genas und alles voll Dank und Freude war, habe ich an das arme Ding kaum noch gedacht, und ich begreife nicht, wie Ihr nach so langer Zeit noch etwas davon erfahren habt.“
Frau Kunigunde sah ein, daß es vergeblich sein würde, noch weiter in Barbara zu dringen; entweder sie sprach die Wahrheit, oder sie erzählte eine höchst wahrscheinliche Geschichte, deren Unrichtigkeit niemand nachzuweisen vermochte. Doch überredete sie sich gern, daß sie jetzt die volle Wahrheit erfahren habe und sich dabei beruhigen dürfe.
Klar und sonnig zog der nächste Morgen am Himmel herauf, — was fragte die Natur nach dem Schmerz, der ein Mutterherz durchschnitt, welches sein Liebstes in die Fremde ziehen ließ? Monate konnten vergehen, ehe auch nur eine Kunde von ihm an ihr Ohr drang, Jahre, ehe ihr Auge ihn wieder erblickte! Die Mutter nahm in ihrer Kammer von dem Sohne Abschied und warf sich dann weinend und betend vor dem Kruzifix nieder; die andern umstanden den Abreisenden auf dem Hofe und hatten ihm noch unzählige Abschiedsworte zuzurufen. Sein letzter Händedruck galt Margareten. „Vergiß mein nicht!“ sagte er leise, „ich werde deiner treu gedenken!“ Sie nickte unter Thränen und lief nach dem Erker hinauf, um ihm nachzublicken, wenn er die Straße erreichte. Wie stattlich sah er aus in dem dunklen, enganliegenden Wams von flandrischem Tuch, dem kurzen, pelzverbrämten Mantel, mit dem langen Schwert an der Seite, den Pistolen im Gürtel und dem Barett mit den wehenden Federn auf den goldenen Locken! Er grüßte hinauf und schwang sein Hütlein im frischen Morgenwinde, dann trieb er das Pferd an und sprengte mit seinem Begleiter davon. Noch einmal, an der Ecke, wendete er den Blick zurück, sah die Tücher flattern und zerdrückte eine Thräne im Auge. „Vorwärts mit Gott und Sankt Augustin!“ rief er entschlossen, und bald lag die Stadt mit ihren Häusern und Thoren weit hinter ihm. —
Kurz darauf verabschiedeten sich auch Frau Kunigunde und Irmgard vom Ebnerhause und kehrten auf ihre einsame Burg zurück. Der Mutter erschien sie öde und leer, und mit Gewalt mußte sie sich zu Erfüllung der gewohnten Pflichten zwingen, während Irmgard sich durch das Entzücken ihres Vaters über ihre Heimkehr einigermaßen trösten ließ.
Als die Gäste fort waren, kam Herr Wilibald Ebner mit einem Ausdruck des Triumphes zu seiner Gattin. „Wünsche mir Glück, Ursula, Hohenheiligen ist mein! mühelos, wie eine reife Frucht ist mir’s in den Schoß gefallen.“
„Macht Euch das so froh, lieber Herr?“