„Ist’s möglich? — entsetzlich! — solch ein großmächtiger Herr — Hochmut kommt vor dem Fall“ — so scholl es von allen Seiten durcheinander.

„Aber erzählt uns alles ordentlich der Reihe nach,“ rief einer; „man munkelte schon im Herbst von großen Niederlagen, aber so schlimm hat man sich’s doch nicht gedacht.“

„Ja, ja, erzählt, Freund Nepomuk,“ riefen viele, „besser, als von Euch, der Ihr alles selbst erlebt habt, können wir’s nicht erfahren.“

Der Kriegsknecht that einen tiefen Zug und begann: „Um Lichtmeß vorigen Jahres war’s, da zog das burgundische Heer über das Juragebirge ins Waadtland, um die Schweizer zu bekriegen, die dem Herzog viel Schaden zugefügt hatten. Es war ein stattlicher Heereszug, eine prächtige Reiterei in stolzen Waffen, die stärksten Kanonen, die noch die Welt gesehen, und wir alle dachten, mit den armen Hirten schnell fertig zu werden. Wir rückten auf Bern zu und standen am Neuenburger See, als uns die Eidgenossen entgegenkamen, alle zu Fuß, mit Schwert und Lanze bewaffnet, kaum etliche hundert Reiter darunter. Beim Anblick unsres gewaltigen Heeres, das durch den See und die Berge, durch furchtbare Geschütze und eine starke Wagenburg nach allen Seiten gedeckt war, fiel das Bauernvolk auf die Kniee und hob die Hände zum Himmel empor; sie riefen nach der Väter Sitte zum Herrn der Heerscharen, wir aber glaubten, sie flehten um Gnade, und mit Hohngelächter drang unsere Reiterei vor. Aber die Ebene war zu schmal, die Lanzen der Schweizer starrten den Pferden entgegen wie ein undurchdringlicher Wall. Der Herzog befahl den Rückzug, um einen besseren Kampfplatz zu gewinnen, es gelang, — die stramme Ordnung der Eidgenossen lockerte sich — schon drängten wir sie nach dem See — da erschien plötzlich auf der Höhe neues Kriegsvolk — die gewaltigen Schlachthörner, der Stier von Uri und die Kuh von Unterwalden, erfüllten die Luft mit furchtbarem Getön, und wie die Sonne die Waffen der Ankommenden bestrahlte, da war es, als stiege ein Heer von Riesen von den Bergen herab. Ein panischer Schrecken befiel das Burgunderheer, alles schrie: rette sich, wer kann! und ergriff die Flucht; wie der Rauch vom Nordwind, so waren bald die Scharen nach allen Richtungen versprengt. Vergebens schwang der Herzog das blanke Schwert und suchte die Seinen zu halten — da half kein Drohen, kein Bitten und Befehlen; er selbst mußte eilends seinen besten Renner besteigen und fliehen. Unser fünfe waren es, die ihn begleiteten, und einen schärferen Ritt habe ich mein Lebtag nicht gemacht; erst sechzehn Stunden von Granson machten wir Halt. Die Prachtgezelte des Fürsten und seiner Edlen, die herrlich gestickten Decken und Gewänder, die Masse von goldenen und silbernen Gefäßen, die kostbaren Reliquien, die Flut von Edelsteinen und gemünztem Gelde — das alles fiel den Eidgenossen in die Hände, die es kaum zu schätzen wußten. Man sagt, sie hätten Gold und Silber mit Hüten ausgemessen und verteilt, und gestickte Seide und feinste Leinwand wie in einem Kramladen nach der Elle zerschnitten.“

Mit angehaltenem Atem lauschte der Kreis der Zuhörer, auch Trudel und Nelleke hatten sich ganz nah herangedrängt, um kein Wort zu verlieren. Die Beschreibung der Schlacht hörten alle in gespanntem Schweigen zu, aber bei der Schilderung der Schätze wurde es lebhaft; da war keiner, der nicht gewünscht hätte, bei der Plünderung gewesen zu sein und seinen Teil an der reichen Beute gehabt zu haben. „Habt Ihr all die Herrlichkeiten selbst gesehen? — erzählt uns doch mehr davon — warum nahm der Herzog so viel Schätze mit auf den Kriegszug? — o diese glücklichen Schweizer! ich hätte die Seide wohl besser zu schätzen gewußt — ach, nur ein Hütlein voll Gold oder Silber —“ so klang es wirr durcheinander.

„Schweigt still!“ rief eine starke Stimme dazwischen, „und laßt den Nepomuk weiter erzählen, er ist noch lange nicht zu Ende. Trudel, mein Täubchen, bring dem wackern Gesellen einen frischen Krug vom besten Bier, damit er sich die Kehle anfeuchte, und schreib’s auf meine Rechnung!“

Wieder herrschte tiefe Stille, und der Kriegsmann begann von neuem: „Das war am ersten März. Wie schwer auch der Herzog getroffen war, so verlor er doch nicht den Mut, sondern rüstete sofort mit allen Kräften, um die Scharte blutig auszuwetzen. Im Mai hielt er Heerschau bei Lausanne — es war immer noch ein prächtiges Heer, aber er war nicht mehr derselbe, der er gewesen; seine Wangen waren fahl, sein Blick unstet und düster, seine Stimme drang hohl aus beklommener Brust. Alle Fürsten und Könige hatten ihm abgeraten, den Kampf zu erneuern, aber er schlug alle Mahnungen in den Wind — er wollte um jeden Preis seine kriegerische Ehre retten. Im Juni stießen wir bei Murten auf den Feind; unser Fußvolk stand in gewaltigen Haufen, auf den Flügeln die Reiterei, das Geschütz in der Front, durch einen starken Verhau gedeckt, davor ein tiefer Graben. Der Himmel war mit schweren Wolken verhangen, als aber die Eidgenossen zum Gebet niederknieten, brach die Sonne in voller Pracht hindurch. Da erhoben sie sich, und mit dem Schlachtruf: Granson, Granson! stürzten sie mit entsetzlichem Anprall auf uns los. Unsre Geschütze rissen ihre Reihen nieder, die Reiterei brach in ihr festes Viereck ein, bald türmte sich ein Wall von Leichen vor dem Verhau auf. Aber plötzlich gab es mitten in unserer Schlachtordnung einen grausen Tumult: ein Trupp Schweizer hatte den Verhau umschlichen und fiel uns mit lautem Geschrei in die Flanke, — während der herrschenden Bestürzung drangen die Eidgenossen vorn vor, stürzten sich in den Graben und bauten mit ihren Leibern eine Brücke, zerrissen den Verhau und richteten unsre eignen Geschütze auf uns. Da war’s denn aus mit all unsrer Siegeshoffnung.

Wieder mußte der Herzog fliehen, tausende von burgundischen und flandrischen Edelleuten blieben tot auf dem Schlachtfelde, die zersprengten Heerhaufen irrten im Jura, im Waadtlande umher und suchten sich vergebens vor der Wut der Schweizer zu retten. Die gaben keinen Pardon und machten keine Gefangnen; ohne Ansehen ward alles getötet, was in ihre Hände fiel. Wie Raben und Krähen schossen sie die Flüchtlinge von den Nußbäumen herab, in deren dichten Kronen jene sich verborgen hatten; wie die wilden Enten jagten sie dieselben aus dem Schilf des Murtener Sees auf und trieben sie ins Wasser, bis sie untersanken. Wie ich mit dem Leben davongekommen bin, weiß ich nicht zu sagen; drei Pferde wurden mir unter dem Leibe erstochen, mich selbst traf keine Kugel und keine Hellebarde — Sankt Sebald, mein Schutzpatron, hielt seine Hand über mir und führte mich nach dem blutigen Tage von Nanzig sicher und unversehrt heim in die alte Vaterstadt.“

Längst war Hans der Stift entfallen, er hatte seine Zeichnung vergessen und horchte mit allen Sinnen auf die Erzählung des Kriegsknechtes. Mit welcher greifbaren Deutlichkeit stiegen die Erlebnisse seiner Kindheit vor ihm auf! Er sah sich mit den Eltern und hunderten anderer Flüchtlinge im Ardennerwald umherirren, aus jeder Ruhe aufgescheucht durch die wilden Söldner des Burgunderherzogs; er hörte vor seinem Ohr die entsetzlichen Flüche und Verwünschungen wiederklingen, welche die Gehetzten gegen den blutigen, unbarmherzigen Herrn ausstießen, das Röcheln der Sterbenden, den Jammer der Überlebenden. Nun hatte die Rache des Höchsten ihn erreicht, der so hoch und unerschütterlich fest zu stehen schien; nun hatte er selbst all das Elend zertrümmerter Hoffnungen, die Angst der Flucht und zuletzt den jammervollsten Tod erleiden müssen! Hans fühlte sich in tiefster Seele erschüttert; es zog ihn plötzlich unwiderstehlich zu seiner Mutter hin, die er in der letzten Zeit selten besucht hatte; ihre immer gleiche, starre Ruhe, das dumpfe Schweigen, das sie in Jahren und Jahren nicht gebrochen, hatten seine kindliche Liebe gedämpft und sein Vertrauen von ihr abgewendet; aber in dieser Stunde durchlebte er im Geiste alles, was sie einst erduldet hatte, und es kam ihm nicht mehr so unbegreiflich vor, daß sie daran versteinert war. Er erbat sich bei Meister Adam Urlaub für die nächsten Tage und begab sich am folgenden Morgen auf die Wanderung nach dem Annenhof.

Es wanderte sich prächtig durch den stillen Wald; war die Luft auch noch herb und kühl, so stand doch eine helle Sonne am wolkenlosen Himmel, und zeigte die Landstraße noch unergründliche Tiefen und große Wasserlachen, so waren doch die Raine und Fußpfade fest und trocken; grüne Gräser und die ersten Blumen wuchsen zu Füßen, muntre Vöglein zwitscherten zu Häupten des Wanderers. Er schritt rüstig zu und war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er weder nach rechts noch links sah. Plötzlich blickte er befremdet auf: vor ihm lichtete sich der Wald, durch die auseinandertretenden Stämme schimmerten Mauern — das war nimmer der Annenhof! es war kein Zweifel, er war falsch gegangen. Ärgerlich lief er eine Strecke weiter, um sich Gewißheit über die Örtlichkeit zu verschaffen; ein alter Turm zeigte sich, von unregelmäßigen Mauern umgeben, eine aufgezogene Zugbrücke, in der Ferne die dürftigen Hütten eines Dorfes: es konnte nur Burg Hohenheiligen sein, die vor ihm lag.