Hans war sehr ungehalten über sich selbst, er hatte mindestens eine Stunde verlaufen, und es verlangte ihn doch so dringend, der Mutter und Großmutter alles mitzuteilen, was ihn bewegte. Obgleich er müde war, mochte er doch hier nicht rasten; die Nähe der verfallnen Burg hatte etwas Unheimliches, und man erzählte sich im Volke allerhand grausige Dinge darüber. Junker Veit war freilich mit seiner Gattin schon vor Jahren daraus verschwunden, denn mit der Zeit war ihm der Boden unter den Füßen doch zu heiß geworden, und eines Tages war das Raubnest leer gewesen. Und doch nicht ganz leer: irgend jemand hauste dort, aber ob es ein Mensch, oder ein böser Geist sei, darüber konnte man nicht ins klare kommen. Die Zugbrücke war aufgezogen, das deutete auf einen Bewohner; in mondhellen Nächten hörte man mitunter im Walde eine Büchse knallen, und der städtische Jäger fand manchmal kunstreiche Fallen aufgestellt, in denen sich gewiß manches Stück Wild fing. Unter den Dorfleuten wollten einige den lahmen Miklot erkannt haben, der urplötzlich im Walde in den Boden versank oder ebenso plötzlich aus der Erde auftauchte, aber vielleicht war es der Gottseibeiuns selber, der hinkte auch auf seinem Pferdefuß. Kurz, alle diese Gerüchte bauten eine stärkere Schutzwehr um die öde Burg, als ihre alten Mauern, und niemand hätte es gewagt, dort tollkühn einzudringen.
Auch Hans wandte ihr schnell den Rücken und ging mit kräftigen Schritten tiefer in den Wald hinein, um nur erst den Kreuzweg zu erreichen, an dem er die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Da hörte er einen gellenden Schrei, wie er nur aus einer geängstigten Menschenbrust kommen konnte; er lauschte aufmerksam, eine tiefe Stimme tönte dazwischen, es klang wie ein Streit. Die Stimmen kamen auf ihn zu, er verbarg sich hinter einem mächtigen Stamm und hielt seinen derben Knotenstock bereit. Jetzt knackte es zwischen den Büschen, eine breite Männergestalt ward sichtbar, die ein Etwas auf den Armen trug, — noch ein paar Augenblicke höchster Spannung, dann erkannte der Lauscher, daß es ein Mädchen sei, das augenscheinlich mit Gewalt fortgeschleppt wurde, denn es schrie von Zeit zu Zeit laut auf und suchte sich loszumachen. Jetzt ging der Mann dicht an Hans vorüber, mit fester Hand ergriff derselbe seinen Stock, der in der nächsten Sekunde mit energischer Wucht auf den Hinterkopf des Räubers niederfiel. Er taumelte — noch ein Schlag, und er stürzte zu Boden; im Nu hatte Hans die zarte Gestalt an sich gerissen und floh mit ihr davon, so schnell seine Füße ihn tragen wollten. Endlich hielt er erschöpft inne und ließ das Mädchen herabgleiten; mit einem staunenden Blick betrachtete er sie: „Fräulein Irmgard, Ihr seid es? wie kommt Ihr allein hierher und in die Gewalt jenes Schurken?“
„Hans — Hans Fiedler, bist du es? welcher gütige Heilige hat dich gerade diesen Weg geführt? habe Dank für dein tapfres Einschreiten, aber laß uns weiter eilen, damit jener Elende mich nicht finde!“ so rief Irmgard, mühsam ihre Thränen bezwingend. „Hätte ich nur einen Dolch oder eine Pistole gehabt, um mich zu verteidigen, aber ich hatte nichts, als meine Reitgerte, und die zerbrach beim ersten Schlage, den ich gegen des Räubers Hände führte. Wenn wir nur mein Pferd fänden, es muß hier in der Nähe sein.“
Sie rief den Namen: Bayard! laut in den Wald hinein, und wirklich kam nach einiger Zeit das kluge Rößlein durch die Büsche getrabt; Irmgard schwang sich hinauf, Hans ging daneben, und so eilten sie weiter, so schnell es gehen wollte. „Ich lasse Euch nicht allein reiten, Fräulein,“ sagte Hans entschieden, „Ihr solltet Euch überhaupt niemals ohne Begleitung in den Wald wagen. Aber bis Maltheim kann ich nicht in einem Zuge wandern; habt daher die Güte, für eine Weile im Annenhofe einzusprechen. Ihr selbst werdet auch der Ruhe bedürfen, und nach ein paar Stunden geleite ich Euch sicher nach Hause.“
Irmgard mußte das Verständige dieses Vorschlags einsehen, obgleich ihr bange war, was ihre Eltern von ihrem langen Ausbleiben denken würden; hatte sie sich doch ohnehin viel weiter in den Wald vertieft, als es ihr erlaubt war. Der Knappe, der sie begleiten sollte, war mit dem Pferde gestürzt und hatte sich verletzt, sie hatte ihn nach Hause geschickt und war allein weiter geritten, ohne genau auf den Weg zu achten; dann war sie abgestiegen, um einige seltne Blumen zu pflücken, und plötzlich hatte jener wilde, lahme Mann neben ihr gestanden und ihr mit teuflischem Grinsen gesagt, sie müsse mit ihm, solch ein kostbares Wild habe er lange nicht gefangen. „Und dann packte er mich, trotz meines Sträubens, und die heilige Jungfrau mag wissen, wohin er mich geschleppt hätte, wärst du nicht dazwischen gekommen, guter Hans!“
Die alte Crescenz war gerade in der Küche beschäftigt, als die beiden den Annenhof erreichten; Afra saß allein im Zimmer und spann; sie begrüßte Hans mit einem freundlichen Blick und stummen Händedruck und sah kaum auf, als er ihr Irmgards Erscheinen erklärte. Da fiel ihr Blick von ungefähr auf das Mädchen, ihr Gesicht belebte sich, sie stand hastig auf, ging auf den Gast zu, und indem sie die Arme ausbreitete, rief sie im Tone höchsten Entzückens: „Matthäa!“
Das kleine Fräulein wich einen Schritt zurück und sah fragend auf Afra, diese aber schloß sie in ihre Arme, drückte sie an ihre Brust, küßte sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und rief dazwischen immer wieder unter Jauchzen und Thränen: „Matthäa, mein verlornes, mein wiedergefundenes Kind, o Matthäa, kennst du deine Mutter nicht mehr?“
Starr vor Erstaunen sah Hans die beiden an, und es war ihm plötzlich, als gewahre er eine wunderbare Ähnlichkeit zwischen ihnen. Das waren dieselben großen, dunklen Augen mit den hochgewölbten Brauen, dieselbe schneeweiße Farbe der Wangen; auch das feine, glanzlose Haar war ähnlich, wenn auch das seiner Mutter dunkler und mit weißen Fäden durchschossen war. Irmgard hatte sich inzwischen mit Gewalt aus Afras Umarmung gelöst; sie richtete sich hoch auf und sagte mit großer Würde: „Ihr irrt Euch, gute Frau; ich bin Irmgard von Maltheim, Herrn Werners und Frau Kunigundens einzige Tochter, und Ihr habt keinen Teil an mir. Ich werde reiten, Hans,“ fügte sie in entschiedenem Tone hinzu, „dies Mißverständnis peinigt mich.“
Hans faßte Afras Hand und führte sie auf ihren gewohnten Platz zurück. „Laßt Euch durch eine flüchtige Ähnlichkeit nicht täuschen, liebe Mutter,“ sagte er herzlich, „ich kenne das Fräulein von ihrer frühesten Kindheit an und weiß, daß sie mit unsrer kleinen Matthäa nichts gemein hat. Die ist lange tot, und Ihr werdet sie erst im Paradiese wiederfinden.“
Afra ließ sich geduldig auf ihrem Sitz nieder und versuchte keine weitere Annäherung, aber ihr Blick blieb an Irmgard haften, und leise murmelte sie vor sich hin: „Sie ist es doch! Matthäa, mein geliebtes Kind! ein Mutterherz läßt sich nicht täuschen!“ Hans beruhigte das Fräulein und bat sie leise, sich nicht stören zu lassen; seine Mutter sei seit langer Zeit krank, der Verlust ihres Kindes habe ihren Geist getrübt, doch thäte sie niemand ein Leid. Während er noch sprach, erscholl draußen Pferdegetrappel; ein Knappe von der Burg fragte voller Angst an, ob jemand das Fräulein gesehen habe, es herrsche daheim die größte Sorge um sie. Irmgard sprang hocherfreut auf; nun hatte sie einen Begleiter und durfte nicht auf Hans warten. Sie dankte ihm nochmals in warmen Worten für seine rechtzeitige Hilfe, bat ihn, recht bald auf der Burg vorzusprechen, nickte Crescenz huldreich zu und sprengte eilig davon, als wolle sie all die wunderbaren Erlebnisse dieses Tages weit hinter sich lassen.