Erst, als Crescenz mit ihren häuslichen Arbeiten fertig war und sich auch an ihr Spinnrad gesetzt hatte, fing Hans an, von dem zu erzählen, was seine ganze Seele erfüllte, von dem Sturz und Tode des Herzogs von Burgund. Er richtete seine Worte vornehmlich an die Großmutter und sah darüber gar nicht, welchen Eindruck seine Erzählung auf Afra machte. Ihre bleichen Wangen röteten sich, ihre Augen funkelten vor leidenschaftlicher Erregung, die halb geöffneten Lippen schienen jedes Wort begierig einzusaugen. Als Hans geendet hatte, hob sie die gefalteten Hände hoch empor und rief mit Begeisterung: „Großer, allmächtiger Gott im Himmel, ich danke dir, daß du dich mir wieder offenbart hast! Ich meinte, du wärest tot, oder du hättest dein Antlitz vor der Welt verborgen, weil der Mächtige ungestraft deiner spotten, weil er die Schwachen unter seine Füße treten durfte, ohne daß du ihr Flehen hörtest und zu ihrer Hilfe einschrittest! Aber du lebst und hast dich gewaltig aufgemacht, um den Menschen deine Gerechtigkeit zu zeigen, um dem Tyrannen zu beweisen, daß du größer bist, als er. Du hast ihn von seiner Höhe hinabgestürzt, wie ein Wurm lag er zu deinen Füßen. O Gott, ich danke dir und preise deinen heiligen Namen!“
Mit höchster Überraschung sahen Hans und Crescenz auf Afra, die wie eine Seherin anzuschauen war; unwillkürlich hatten beide die Hände gefaltet und die letzten Worte leise nachgesprochen. Dann kniete der Jüngling neben der Mutter nieder und schlang seinen Arm um sie. „O liebe, liebe Mutter!“ sagte er im innigsten Tone, „bist du endlich erwacht aus deinem langen, traurigen Schlaf? willst du wieder um dich sehen und das erkennen, was dir noch geblieben ist, deine treue Mutter und deinen Sohn? O wie oft habe ich zu allen Heiligen für dich gebetet, und nun haben sie mich endlich erhört und den Schleier zerrissen, der über deinem Geiste lag! Gott und allen Himmlischen sei Dank dafür!“
Sie küßte ihn zärtlich auf die Stirn und reichte Crescenz die Hand. „Ja, dies ist ein großer Tag für mich, und ich fühle ein neues Leben in mir. Ich habe meinen Glauben an den Gott dort droben wiedergefunden — und meine Matthäa!“
„Mütterchen,“ sagte Hans bekümmert, „willst du diesen Wahn nicht fahren lassen, der dir und dem Fräulein nur Leid und Pein bereiten kann? Ergieb dich drein, daß du deine Tochter verloren hast, daß dir nur dein Sohn geblieben ist; ich will dir’s durch doppelte Liebe zu ersetzen suchen.“
Sie lächelte geheimnisvoll. „Bist du denn blind, mein Hans? kannst du nicht sehen, daß sie mein Fleisch und Blut ist? Und wenn Ihr Euch alle verblenden laßt — Mutteraugen sind nicht zu betrügen. Aber sei ohne Sorge; ich werde Matthäa nicht mit Gewalt in meine Arme zwingen, ich weiß ja, daß sie lebt und wo sie weilt — das ist fürs erste Glücks genug.“
Mit diesem Tage begann in der That ein neues Leben für Afra. Zwar blieb sie immer still und in sich gekehrt, aber die starre Ruhe war gebrochen; sie hörte und sprach, sie half ihrer alternden Mutter im Hause und in der Wirtschaft, sie weilte jeden Morgen und Abend in inbrünstigem Gebet im Annenkapellchen, sie ging sogar zur Messe in die nahe Dorfkirche, und Pater Anselmus sah seine jahrelangen Bemühungen um ihre Seele endlich von Erfolg gekrönt.
Mit emsiger Hand nähte Afra jetzt an einem neuen Sonntagsstaat für sich, während sie sich früher nie um ihre Kleidung bekümmert hatte. Als er vollendet war, legte sie ihn eines Morgens an und rüstete sich zum Fortgehen. „Wohin, Afra?“ fragte Crescenz. „Laß mich, gute Mutter,“ erwiderte sie, „ich sage es dir nachher.“ Sie küßte die Alte und ging hinaus; kopfschüttelnd sah die andre ihr nach. „Was hat sie nur?“ sagte sie zu sich selbst, „sie sah so feierlich aus, und es ist doch Alltag heut’ und nirgend Gottesdienst.“
Afra schlug die Richtung nach Maltheim ein; anfangs schritt sie rüstig vorwärts, von ihren Gedanken getrieben, aber die Aprilsonne brannte heiß, und sie war des Gehens gänzlich ungewohnt, denn seit zehn Jahren hatte sie die engen Grenzen des Hofes nicht überschritten. So kam sie müde und erschöpft auf der Burg an, doch gönnte sie sich kaum Zeit zum Aufatmen, sondern bat sogleich eine Magd, sie der Herrin zu melden, der sie etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Nach kurzem Warten ward sie in Frau Kunigundens Gemach geführt. Die Edelfrau musterte die Ankommende mit einigem Erstaunen. „Wer seid Ihr, gute Frau, und was begehrt Ihr von mir?“
„Ich bin Afra, Matthias Fiedlers, des Goldschmieds Witwe und die Tochter der alten Schaffnerin auf dem Annenhof; wollt Ihr mir huldreich gestatten, gnädige Frau, Euch in kurzen Worten meine Geschichte zu erzählen?“
Die Dame nickte; sie wußte nicht, was sie von Afra halten sollte. Eine Bittende war sie schwerlich; ihre Erscheinung hatte etwas Ungewöhnliches, die innere Erregung hauchte ein sanftes Rot auf die bleichen Wangen und gab ihren Augen einen dunklen Glanz, der ihr wunderbar bekannt erschien. In gedrängter Kürze berichtete Afra von ihren Leiden und dem Verlust der kleinen Matthäa. „Warum ließt Ihr nicht sogleich Nachforschungen nach dem Kinde anstellen?“ fragte Frau Kunigunde, die gespannt zugehört hatte.