„Ich war an Leib und Seele gebrochen und krank, erst nach Wochen kam ich wieder zum Bewußtsein. Meine Mutter hat mir später gesagt, daß in der Nacht nach unsrer Ankunft ein heftiger Schneefall und starke Kälte eingetreten seien, da wäre alles Suchen nach dem kleinen Kinde vergeblich gewesen. Und doch ist meine Tochter gerettet worden, ich habe sie endlich wiedergesehen, und Euch, edle Frau, habe ich dafür zu danken, daß Ihr mir meinen Liebling so treu behütet habt.“ Sie sank vor Frau Kunigunden auf die Kniee und bedeckte ihre Hände mit Küssen und Thränen.

Die Edelfrau stand befremdet auf und entzog der Schluchzenden ihre Hände. „Ich verstehe Euch nicht, Afra Fiedlerin, wovon sprecht Ihr?“

„Von meiner Matthäa — Ihr nennt sie Irmgard —, die hier auf Eurer Burg aufgenommen und erzogen wurde, und die doch, so wahr Gott lebt, mein eignes, verlornes Kind ist!“

Frau Kunigunde legte verwirrt die Hand an die Stirn, als müsse sie sich mühsam besinnen, was sie sagen und denken solle; dann ging sie auf die Thür zu und rief: „Irmgard!“

Das Mädchen erschien, warf einen entsetzten Blick auf Afra, streckte abwehrend die Hände aus und rief angstvoll: „Laß mich, laß mich, Mutter! schicke diese fort, ich mag sie nicht sehen, und sie hat keinen Teil an mir!“ Damit stürzte sie hinaus in Herrn Werners Zimmer warf sich neben seinem Lehnstuhl auf die Erde, verbarg ihr Antlitz in seinem Schoß und rief, an allen Gliedern bebend: „Schütze mich, mein Vater, gieb nicht zu, daß eine Fremde mich dir entreiße! Ich bin dein Kind und will es bleiben, o halte mich fest, laß mich dir nicht rauben!“

Der alte Ritter zog die Zitternde empor und drückte sie zärtlich an seine Brust. „Was hast du, mein Edelfalke, meine weiße Rose, was ängstigt dich so? Du bist ja bei deinem Vater, da bist du doch sicher vor allen räuberischen Angriffen. Richte dein Köpfchen auf und lache mich an, mein Mäuschen, du hast wohl einen bösen Traum gehabt?“

Seine Liebkosungen beruhigten ihre Aufregung soweit, daß sie, eng an ihn geschmiegt, ihm das neuliche Erlebnis auf dem Annenhof und die heutige Begegnung erzählen konnte. „Das Weib ist wahnsinnig, oder Walburg hat sie aufgehetzt!“ sagte der alte Herr mit großer Entrüstung; „sie soll sich nie wieder hier blicken lassen, oder ich lasse sie mit Hunden vom Hofe jagen! Wie kann sie es wagen, einen Anspruch auf meine Tochter zu erheben! Es ist zum Lachen, mein Liebling, laß uns nie wieder daran denken.“

Unterdessen stand seine Gattin ratlos vor Afra; ihr sagte im tiefsten Innern eine Stimme, daß jene recht habe, und doch fühlte sie auch zugleich, wie fest ihr eignes Herz Irmgard umschlossen hielte, und daß sie nicht ohne heißen Kampf dies Kind einer andern abtreten könne. „Ihr seid in einem großen Irrtum, arme Frau,“ sagte sie endlich freundlich. „Freilich, darin mögt Ihr recht haben, daß es Euer Kind war, das damals von einem reisenden Kriegsknecht gefunden und hierher gebracht wurde, aber es war ein elendes Würmchen, das in den letzten Zügen lag und an demselben Tage starb. Wie hätte es auch all diese Fährlichkeiten in so zartem Alter überstehen können! Ich selbst habe nichts davon gesehen, erst nach Jahren davon gehört; wollt Ihr aber Gewißheit haben, so wendet Euch an die Wirtin zum blauen Affen in Nürnberg, in deren Armen Euer Kind gestorben ist. Und nun geht, gute Afra, und sucht nicht noch einmal den Frieden dieses Hauses durch Eure fälschlichen Ansprüche zu stören.“

Traurig senkte Afra das Haupt; ohne noch einmal aufzusehn, schritt sie hinaus; ohne die dargebotene Erfrischung anzunehmen, verließ sie die Burg. Sie pilgerte langsam, todesmüde heimwärts, wo ihre Mutter sie schon mit Sorge erwartete. „Wo warst du nur so lange?“ fragte sie und sah teilnehmend in ihr schmerzverzogenes Gesicht.

„Bei einem Begräbnis, Mutter — ich habe meine Matthäa begraben. — — Doch nein, nein, sie lebt,“ fügte sie mit erhobenem Haupte hinzu, „die Überzeugung in meiner Brust ist nicht zu töten!“