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Unglückseliges Weib, was hast du gethan?


GRÖSSERES BILD

Zehntes Kapitel.
Die Mahnung.

Starr ist der Kirche Gebot; hier gilt kein Markten und Deuteln:

Was sie einmal erfaßt, hält sie mit eisernem Griff.

In der Woche vor Ostern war die Frau Ratsherrin Ebner, wie sie pflegte, in früher Morgenstunde nach der Frauenkirche gegangen, um zu beichten. Als sie zurückkehrte, hatte sie das Ansehen einer schwer Kranken, ihr Antlitz war totenbleich, ihr Blick erloschen, ihr Gang schwankend und unsicher. In ihrem Zimmer angekommen, hatte sie kaum noch Kraft, Mantel und Hut abzulegen, dann warf sie sich auf ihr Bett und drückte das Gesicht tief in die Kissen. So fand sie ihre Tochter Margarete, welche, beunruhigt durch ihr langes Ausbleiben, sie aufzusuchen kam. „Bist du müde, Mütterchen?“ fragte sie sanft. „Berthold wollte dir lebewohl sagen, ehe er auf den Annenhof reitet, und fragen, ob du dort etwas zu bestellen hast; darf er zu dir kommen?“

Ein krampfhafter Schauer schüttelte Frau Ursulas Gestalt. „Nein, nein,“ stöhnte sie fast unverständlich, „ich kann ihn nicht sehen!“