Ausser der Hauptkirche besuche man die Bergkirche, die einzige Sachsens, und die Hospital- oder Trinitatiskirche sammt dem dahinter liegenden Gottesacker. An der Hospitalkirche ist aussen, nach dem Friedhofe zu, eine Kanzel angebracht, von welcher am Trinitatisfest die Predigt gehalten wird. In dem vordern Theile des Kirchhofes steht ein Kruzifix, dessen Umgebung früher in hohem Ansehen stand, weil man annahm, dass bei der Einweihung des Gottesackers (1519) die aus Rom geholte heilige Erde daselbst verstreut worden sei (vergl. jedoch: »Der Gottesacker zu Annaberg« von Dr. Spiess, S. 131). Rechts davon sieht man die weitberühmte Linde, deren flachgewachsene Aeste durch 23 Pfeiler gestützt sind. Der Sage nach soll dieser Baum vormals umgekehrt gepflanzt worden sein, um einen Zweifler zum Glauben an die Auferstehung zu bekehren. Etwas vor dem Kruzifix steht das Denkmal der Barbara Uttmann, der Erfinderin des Spitzenklöppelns. Dasselbe ist der unvergesslichen Wohlthäterin des Erzgebirges im Jahre 1834 durch August Eisenstuck, damaligen Chef der Eisenstuckschen Handlung, errichtet worden und trägt die Inschrift:

Ein thätiger Geist, eine sinnige Hand,
Sie ziehen den Segen ins Vaterland.

Von dem ehemaligen Franziskaner-Kloster, welches 1502 gegründet und 1540 aufgehoben worden ist, stehen nur noch geringe Ueberreste zwischen der Oberforstmeisterei und dem neuen Bezirksgericht. – Zu Annaberg hat auch von 1515–59, anfangs als Probirer und dann als Gegenschreiber, der weltbekannte Rechenmeister Adam Riese[11] gelebt, und noch jetzt heisst das Gut in der Nähe der Stadt, das er besessen, die »Riesenburg.« Ebenso ward allda 1726 der Kinderfreund Ch. F. Weisse geboren, zu dessen Ehren man bei seinem hundertjährigen Geburtstage eine milde Stiftung errichtet hat.

Ausflüge: Der Pöhlberg gewährt auf seinem Plateau eine gute Aussicht und zeigt an seinem Nordostabhange mächtige Basaltsäulen, von dem Volke »die Butterfässer« genannt. Ausser Besteigung dieses Bergkegels sind Spaziergänge nach der Wolfshöhle und der Wäsche, nach dem Markus Röhling und dem Schreckenberge, nach der Bäuerin und dem Teufelsfelsen, sowie in die Umgebung von Buchholz (s. weiter unten) anzurathen; als weiterer Ausflug empfiehlt sich ein Besuch des Greifensteins (s. [S. 93]) oder des unteren Pressnitzthales, von Finsterau bis Schmalzgrube (s. [T. XVIII.] S. 53).

Buchholz. – Nur zehn Minuten von Annaberg, am linken Ufer der Sehma, den östlichen Abhang des Schottenberges bedeckend, liegt die Stadt Buchholz, eigentlich St. Katharinenberg im Buchholz geheissen, 1793´ ü. M., mit 4854 E. Sehenswerth sind hier: Die gothisch gebaute Hauptkirche und die Begräbnisskapelle, beide mit werthvollen Gemälden aus der Wohlgemuth'schen Schule. Auch verdienen die Waldanlagen und das Waldschlösschen einen Besuch.

Die Nähe der beiden Städte Annaberg und Buchholz erklärt sich daraus, dass bei der Ländertheilung 1485 die Sehma einen Theil der Grenze zwischen dem albertinischen und ernestinischen Sachsen bildete, so dass die Gegend von Annaberg herzoglich und die von Buchholz kurfürstlich war.[12] Der angegebene Umstand ist auch der Grund, warum in Buchholz die Reformation früher (1523) als in Annaberg (1539) eingeführt wurde. Im Allgemeinen aber haben beide Städte, die fast gleichzeitig (A. 1496; B. 1504) und aus gleichem Anlass (wegen Auffindung von Silber) entstanden sind, eine gleichmässige Entwicklung gehabt. Wie Buchholz die Heimath für die Posamentirerei, so ist Annaberg die für das Spitzenklöppeln gewesen, und noch heute gelten beide für einen gemeinsamen Vorort der Spitzen- und Posamentenfabrikation.

Spitzenklöppeln: Ueber das Spitzenklöppeln sagt der Verfasser der Lebensbilder vom sächsischen Erzgebirge ungefähr Folgendes: »Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster eifrige Klöpplerinnen; in der schönen Jahreszeit trifft man ganze Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien; im Winter kommen die Klöppelmädchen Abends zusammen und arbeiten gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der Klöpplerin ist allerdings nicht sonderlich anmuthig, indem sie beim Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugt; die reizenden Bewegungen ihrer Hände aber lassen sich eben so schwer darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers. Wirklich erinnert das federleichte und blitzschnelle Spiel der klöppelnden Hände ebenso sehr an die Fingerfertigkeit der musikalischen Virtuosen, als an die der Taschenspieler. Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleich zum Gebrauch der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Und die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äusserst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuss langen, mit Kattun umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelkissen (Klöppelsack), das mit einer grossen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 4–5 Zoll langes, zur Form eines Trommelklöppels gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 2 Z. Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige Pfennige. Zu schmalen Spitzen gehören 2–4, zu breiten wohl Hundert Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchem das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden so viele Fäden, als das Muster erfordert, auf ebenso viele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln, welches im Wesentlichen nichts ist, als eine kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin fasst mit den Fingerspitzen bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten. Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben gebraucht wurden und bis auf Weiteres entbehrlich sind, dadurch, dass sie dieselben mit einer grossen Aufstecknadel seitlich am Kissen feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter zu arbeiten. – Es ist begreiflich, dass die Fertigkeit, mit welcher die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur durch Uebung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch Kinder schon im 4. und 5. Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst ausser den Familien mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.«

XVIII. Route: Von Annaberg über Satzungen nach Kommotau.

Bei'm Annaberger Schiesshause, rechts auf dem Fahrwege, zu dem vorliegenden Höhenrücken empor und dann auf einem Fusspfade hinab nach dem grossen, an den Ufern der Pöhla gelegenen Dorfe Königswalde (2454 E.). Nach Ueberschreitung der Brücke geht man links um die Kirche und steigt auf einem Feldwege das anstehende Gelände hinan; oben gelangt man in einen jungen Fichtenwald und, in diesem sich links haltend, auf die Jöhstadt-Grumbacher Chaussee, welche bald nach Grumbach (1291 E.) hineinleitet. Ohne Aufenthalt wird dieses kahle Gebirgsdorf durchwandert, um, mit einer Wendung nach rechts, zu dem malerisch an der Pressnitz gelegenen Dorfe Schmalzgrube (327 E.) hinabzusteigen. Dieser Ort erfüllt den engen, aber reizenden Thalkessel, der durch Einmündung des von Jöhstadt kommenden Schwarzwassers in die Pressnitz gebildet und fast ringsum von trefflich bewaldeten Bergwänden umgeben wird. Nunmehr wendet man sich dem Dorfe Satzungen (1088 E.) zu. Der Weg dahin, eine Halbchaussee, geht von Schmalzgrube links den Abhang hinan und ist wegen Steilheit und Länge der Berglehne anfangs etwas beschwerlich, wird aber nach Erklimmung der Höhe, wo er durch einen schönen Buchenwald führt, wieder bequemer. Von Satzungen, in dessen Nähe man den Hirtstein und Hassberg gut sehen kann, begiebt man sich, das Dorf Ulmbach links lassend, nach der böhmischen Grenzstadt Sebastiansberg (Bassberg) und erreicht hier die Reitzenhainer Strasse, welche über Krima, Domina, Schönlind und Oberdorf nach Kommotau führt und eine prächtige Aussicht auf das böhmische Mittelgebirge und die reiche Gegend zwischen Saatz und Postelberg gewährt. – Wer einen Erlaubnissschein löst, kann von Krima auch der Weipert-Kommotauer Eisenbahn folgen und so die Windungen beobachten, welche der Schienenstrang überhaupt und besonders am Borberge machen muss, um von dem Bassberger Plateau nach dem Kommotauer Flachlande hinabzusteigen.