Geschichtliches von Chemnitz und dessen Industrie. – Chemnitz ist eine alte sorbische Niederlassung und heisst ursprünglich »Kampnitz«, d. i. Steinheim. Die Stadt wurde von Kaiser Heinrich I. zur freien Reichsstadt erhoben, kam aber 1308 als Pfand und 1324 als erblicher Besitz an die Markgrafen von Meissen. Seit dem 12. Jahrhundert war sie stark befestigt; auch widerstanden ihre (25) Mauerthürme 1429 und 1430 mit Erfolg den sie belagernden Hussiten. Schon im früheren Mittelalter zeichnete sich Chemnitz durch Leinweberei und Bleicherei aus, wozu im 15. Jahrhundert noch die durch Niederländer eingeführte Tuchmacherei kam. Aber der 30jährige Krieg zerstörte wie den Wohlstand mancher anderen, so auch den dieser Stadt, und noch vier Jahrzehnte nach dem westphälischen Friedensschluss zählte sie kaum 5000 E. Mit Ende des 17. Jahrhunderts jedoch that Chemnitz einen glücklichen Griff, indem es früher, als andere deutsche Städte, die Verarbeitung der Baumwolle im Grossen begann und sich so einen grosser Steigerung fähigen Erwerbszweig verschaffte. Nun begann eine emsige Thätigkeit. Tausende von Händen rührten sich, um mittelst der Spindel – später benutzte man dazu die Handmühlen mit je 10 bis 30 Spulen – den Baumwollenfaden herzustellen und mittelst des Weberschiffleins das erhaltene Garn zu Barchent (1715), Musselin (1725) und Kattun zu verweben. Man kann behaupten, dass 50 Jahre nach Betreten der neuen industriellen Bahn in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit waren. Dazu kam, dass sich schon 1728 zu der Weberei die Strumpfwirkerei gesellt hatte, wenn diese ihre grosse Bedeutung auch erst gewann, als es dem Kaufmann Esche in Limbach (1776) gelungen war, den von dem Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen. (S. o. Seite 22).

Allein der grossartige Aufschwung, welchen sammt stufenmässiger Entwickelung wir heute an Chemnitz und dessen Industrie gewahren, datirt erst von Beginn dieses Jahrhunderts. Ausser dem rüstigen Fleisse und der unverwüstlichen Thatkraft der Bewohner trugen dazu folgende 5 Ursachen bei:

1) Die Ersetzung der Handarbeit durch Maschinen, wodurch eine raschere Produktion ermöglicht wurde.

2) Die von Napoleon 1806 angeordnete Kontinentalsperre, welche wenigstens für einige Zeit Chemnitz von seinem gefährlichsten Rivalen, von England, befreite.

3) Die Benutzung der Dampfkraft, wodurch der Industrie ein ganz neuer Motor zugeführt wurde.

4) Der Anschluss Sachsens an den Zollverein, welcher (1834) den Chemnitzer Fabrikaten ein weites Absatzgebiet eröffnete, und

5) Die Anlegung von Eisenbahnen, wodurch Chemnitz zum Centralpunkte Sachsens erhoben und nach allen Richtungen hin mit bequemen Handelsstrassen versehen wurde.

Unter den Chemnitzer Industrien, die sich indess nicht auf die Stadt beschränkt, sondern auch in die Umgegend verbreitet haben, steht nach wie vor die Bearbeitung der Baumwolle oben an. Man unterscheidet drei dahin einschlagende Branchen: Spinnerei, Weberei und Strumpfwirkerei.

Als man bei Beginn dieses Jahrhunderts die 1775 von dem Engländer Richard Arkwright erfundene Spinnmaschine bei und in Chemnitz einführte, da wurden die üblichen Baumwollenräder und Handmaschinen zur Ruhe gewiesen und für den Augenblick Tausende von Arbeitern brodlos gemacht. Aber die Zahl der Spinnmühlen nahm mit der Zeit zu, indem man die Wasser der Zschopau, der Flöha, des Wilischbaches u. s. w. zum Treiben der Spindeln benutzte und, wo die Wasserkraft nicht genügte oder fehlte, später auch die Dampfkraft anwandte. So hat Sachsen nach und nach über 250 Spinnereien – die grösste ist die Aktienspinnerei in Chemnitz – mit 1,200,000 Spindeln erhalten und beschäftigt nun bei der Maschinenspinnerei mehr Arbeiter, als sonst beim Handgespinnst thätig waren. – Die enorme Leistungsfähigkeit der Spinnmühlen hat zugleich Chemnitz zum Sitz eines grossartigen Garnhandels gemacht.