An die Spinnerei schliesst sich naturgemäss die Weberei an, die als Hausindustrie und Fabrikindustrie betrieben wird, wenn auch die neuere Zeit immermehr letzterer den Vorzug zu geben scheint. Grosse Fortschritte sind in der Weberei durch Anwendung des Jaquardstuhles gemacht worden, weil dieser mittelst künstlicher Mechanismen allerlei Muster und Figuren in die Zeuge zu weben vermag. Der Verbrauch der hierbei nöthigen Pappdeckel, deren Löcher das Muster vorzeichnen, ist so gross, dass die »Kartenschläger« in Chemnitz eine besondere Arbeiterklasse bilden. Dazu kommt noch, dass man jetzt mechanische Webstühle construirt, bei denen die Schifflein ohne Beihülfe der Menschenhand hin- und herfliegen und rasch und präcis arbeiten. – Während Chemnitz früher fast nur Kattun und Buntwaaren lieferte, so fertigt es seit Einführung des Jacquardstuhles auch prächtig-gemusterte Möbelstoffe, Tischdecken und Tücher.
Die Weberei rief wiederum die mit ihr in Zusammenhang stehenden Färbereien, Appreturanstalten und Druckereien hervor. Im Zeug- und Kattundruck wird die Menschenhand gleichfalls von der Maschine bekämpft. Und wie beim Buchdrucken die Handpresse vor der Schnellpresse das Feld räumen musste, so wird im Zeugdruck bald auch die Handarbeit durch die Maschinenarbeit verdrängt sein.
Die Strumpfwirkerei wird zwar in Chemnitz selbst nicht mehr betrieben, hat sich vielmehr nach dem umliegenden Gebiet gewandt, so dass fast in allen Orten von Zschopau bis Waldenburg und von Lössnitz bis Mittweida das eigenthümliche Schnarren des Wirkerstuhles ertönt. Nichts desto weniger ist Chemnitz für das gelieferte Fabrikat der Hauptstapelplatz; denn dieses kommt zum grössten Theile von hier in den Handel. – Auch in der Strumpfwirkerei sucht man die Handstühle durch Strumpfmaschinen, sogenannte Rundstühle, zu ersetzen, weil diese ihre Maschen ohne Unterbrechung knüpfen und darum schneller produciren.
Ein zweiter wichtiger Industriezweig, welchen Chemnitz bei sich heimisch gemacht hat, ist der Maschinenbau. Des Ortes grosser Bedarf an Spinn- u. Webemaschinen forderte dazu auf, ihre Herstellung nicht auf immer dem Auslande zu überlassen. Und so wurde denn 1826 die Maschinenfabrikation begonnen und nach und nach durch Rührigkeit, Ausdauer und Intelligenz zu voller Blüthe entwickelt. Die Stadt hat jetzt mehr als 50 Werkstätten und fertigt darin alle Arten von Maschinen: als Lokomotiven, Locomobilen, Kalorische Maschinen, Spinnmühlen, Rundstühle, Förderzeuge für Bergwerke, Pumpwerke, Feuerspritzen, Nähmaschinen, Werkzeugmaschinen, landwirthschaftliche Maschinen und dergl. mehr. Das Verzeichniss aller in Chemnitz gebauten Maschinen füllt mehrere Bogen und wird nichts Wichtiges aus der bezüglichen Branche vermissen lassen. Am grössten und vielseitigsten ist die Sächs. Maschinenbau-Anstalt (früher Richard Hartmann). Selbst dem, welcher an anderen Orten bereits Etablissements ähnlicher Art gesehen hat, ist ihr Besuch anzurathen. Was wird da geschmolzen und geschweisst, gefeilt, geschliffen und polirt! Was sind da für Bohr- und Stossapparate, für Drechsel- und Hobelmaschinen in Thätigkeit! Wird doch durch sinnreiche Mechanismen das Eisen hier mit einer Leichtigkeit bearbeitet, als wäre es weiches Holz! Am meisten staunt man aber über die Ruhe und Sicherheit, mit welcher all' diese cyklopischen Kräfte angestellt und geleitet werden. Unter den Tausenden von Beschäftigten verrichtet Jeder, unbekümmert um den Nachbar, nur seine eigene, besondere Arbeit, und dennoch entsteht, wenn ein Beauftragter die vielerlei Stücke und Stangen, Walzen und Räder, Schrauben, Nieten und Nägel planmässig mit einander verbindet, ein Werk, das von einem einzigen Manne gearbeitet zu sein scheint. Wer am Maschinenbau Interesse hat, thut wohl, auch den andern Anstalten, besonders der Chemnitzer Werkzeug-Maschinen-Fabrik (früher Zimmermann) einen Besuch zu machen.
Neben den vier genannten Hauptindustrien besitzt Chemnitz noch viele andere ansehnliche Fabriken: wie Wachstuch-, Blumen-, Lampen-, Regenschirm-, Spielkarten- und Harmonikafabriken, dann Drahtflechtereien, Nagelmaschinen und chemische Fabriken. »Ueberhaupt führt« – um mit dem Verfasser der Lebensbilder vom Sächs. Erzgebirge zu reden – »das Chemnitzer Adressbuch die reichste Musterkarte von Geschäften. Vom Bandage- und Billardfabrikanten geht es durch die Cigarre u. s. w. bis zum Zwirn fast durch alle Buchstaben des Alphabets.«
Durch dies Alles ist Chemnitz zum Mittelpunkte des industriellen Erzgebirges geworden. Wie der Körper vom Herzen die belebenden Pulsschläge erhält, so empfängt von Chemnitz aus der Gewerbfleiss unserer Gaugenossen die befruchtenden Anregungen. Die Stadt spart aber auch nicht Kosten, Mühen und Einrichtungen, um sich auf der Höhe ihrer Sendung zu behaupten. Dafür zeugen ihre technischen Schulen und die für Belebung und Veredelung der Industrie gestifteten Vereine. Denn Chemnitz hat eine höhere Gewerbschule, eine Webschule, eine Baugewerken- und Werkmeisterschule, eine Handelsschule und eine Sonntagsschule, welche sämmtlich für die Jugend bestimmt sind, und daneben den »Industrieverein«, die Permanente Ausstellung und die Kunsthütte, welche auf die Erwachsenen wirken sollen. – Möge Chemnitz auch fürder gedeihen! das der Wunsch, mit dem wir von des Erzgebirges industrieller Hauptstadt scheiden.
XXXIV. Route: Von Geyer über Stollberg nach Chemnitz.
Von Geyer (s. o. [S. 94]) wandert man ins Thal der Greifenbach und dann an der »Gifthütte« vorbei nach Hormersdorf (1311 E.); um sich hier links nach Dorf-Chemnitz (1050 E.) zu wenden, von woaus die Strasse über Brünlos (831 E.) nach Stollberg führt. Der Weg von Stollberg nach Stadt Chemnitz geht über Pfaffenhain und Neukirchen (3322 E.), wird aber besser mit Post, denn zu Fusse zurückgelegt. Freunde des Kohlenbergbaues werden von Stollberg aus die Lugauer-Niederwürschnitzer Kohlenwerke besuchen und sich dann erst nach Chemnitz begeben. Im Ganzen zählt die Würschnitzer Gegend 14 Schächte, von denen jährlich über 3 Millionen Ctr. Kohlen ausgebracht werden. Das mächtigste, wohl 40´ starke Flötz befindet sich im Hedwigschacht bei Oelsnitz, freilich in einer Tiefe von 2000´. Die »Neue Fundgrube« bei Lugau, welche 1867 einstürzte und über 100 Menschen verschüttete, wird jetzt erst wieder aufgewältigt. – Die Würschnitzer Kohlenfelder sind durch Eisenbahn mit Chemnitz verbunden.
Stollberg, Stadt a. d. Gablenz, 1285´ ü. M. mit 5788 E. Nächst Chemnitz Hauptort für das Strumpf-Geschäft. – Auf dem nahen Schlosse Hoheneck befindet sich seit 1864 eine Strafanstalt für Frauen.
Chemnitz, s. [R. XXXIII.] S. 145.