So schwamm denn das Tröpflein mit den Wellen dahin und erholte sich von den ausgestandenen Schrecken, denn es war ganz vergnüglich, so an den sonnigen Küsten des Südens, mit ihren Orangen- und Olivenhainen, dahinzutrollen und den Italienern und Spaniern beim Singen ihrer Nationallieder zu lauschen. Um die Mittagszeit brannte die Sonne aber derart auf die See nieder, daß viel Wasser verdunstete und als feiner bläulicher Schleier träge über Meer und Küste lag. Die Leute, die draußen auf den Feldern und in den Gärten arbeiteten, bekamen rote Köpfe; fortwährend wischten sie den Schweiß von der Stirne und sagten ein über das andere Mal: „Puh, wie ist es schwül!“

Auch unser Wicht schwebte wieder mit in dem warmen Dunst, und es war recht langweilig, denn auch der Wind schlief, und so blieb die ganze Gesellschaft immer an derselben Stelle, in öder Eintönigkeit. Erst gegen Abend erwachte der Wind, und langsam trieb er den Wasserdampf vom Meere hinweg, hinüber zur afrikanischen Küste. Hier war der weiße Sand von der Sonnenglut erhitzt wie eine Ofenplatte, und die Hitze trieb den blauen Dunst empor wie einen Luftballon, bis er hoch im Blauen schwebte. Hier aber war es eisig kalt, und aus den Wasserteilchen schuf der Frost winzige spitze Eisnadelchen, bis eine ganze Wolke von Eisnadeln entstanden war. Das geschah in sehr großer Höhe, wohl zehntausend Meter über der Erde, und nur die allerhöchsten Wolken schweben so fern vom Erdboden, wo kein Flieger und kein Luftschiff mehr hinaufsteigt. Es waren aber auch ganz besondere Wolken. Die Leute, die sie von der Erde aus sahen, sagten erfreut: „Ei seht, was für seltsame Wolkenfederchen da oben hinziehen. Es sieht aus, als habe der alte Petrus seine Bettdecke ausgeschüttelt!“

Der scharfe Wind trieb die Eisnadelwolken nach Norden, bis sie über hohen, schneebedeckten Bergen standen, und das waren die Alpen. Tief drunten waren wunderschöne grüne Wiesen, auf denen bei den Almhütten Kühe weideten, und noch tiefer niedliche Dörfchen. Droben aber glitzerten die Gipfel von Eis und Schnee, und es war ganz einsam und still.

Langsam senkte sich die Wolke infolge ihrer eigenen Schwere immer tiefer, und die winzigen Eisnadeln drängten sich aneinander und wurden zu wundervollen Sternchen, so schön, wie sie der größte Künstler nicht zierlicher hätte herstellen können, und dann fielen sie langsam, langsam zur Erde nieder: Es schneite!

So war aus unserem Wassertropfen ein kunstvolles Wunderwerkchen geworden, ein Schneesternchen, und das hatte der Künstler Frost geschaffen, ohne alle Werkzeuge, und zu Millionen in einer einzigen Minute! Das Sternchen wirbelte nieder, andere gesellten sich unterwegs zu ihm, legten sich daneben, darauf und darunter, und so entstand eine Schneeflocke, und mitten darinnen hauste unser winziger Wicht.

Die Schneeflocke fiel hoch oben in den Bergen zu Boden, und da lag sie mit Milliarden zusammen, und Milliarden neue kamen hinzu und legten sich darüber. Da lag nun die ganze feuchte Gesellschaft, und es war eine höchst langweilige Geschichte, denn es war da oben öde und kalt, und man war gefangen. Das Wassertröpfchen seufzte sehr und dachte darüber nach, wie schön es doch war, da oben im Blauen umherzusegeln, und wie warm die Sonne da drunten an den Gestaden des Mittelmeeres gewärmt hatte, wo lustige Menschen in bunten Gewändern lustige Lieder sangen, und wie wechselreich doch überhaupt das Leben war.

Aber nichts ist ewig, und alles nimmt einmal ein Ende! Eines Tages, als das zu Eis erstarrte Wichtlein da oben in den Bergen monatelang gelegen hatte, kam der Frühling ins Land gezogen, und vor ihm her zog mit brausenden Liedern sein Herold, der Tauwind. Der kam auch in die Berge und machte die Schneemassen weich und schmiegsam. Sie kamen langsam ins Rutschen und wurden nur noch durch eine schräge Gesteinsplatte notdürftig festgehalten, aber das Tröpfchen sah ein, daß sie da wohl nicht lange würden hängen bleiben, und daß die geringste Kleinigkeit hinreichen würde, sie allesamt hinabzuschleudern in die Tiefe. Das war eine gefährliche Sache, aber unser Wicht konnte nichts daran tun, sie zu ändern, denn er war einfach in der Masse gefangen.

Unten im Tal lag ein Dörfchen mit niedlichen Tiroler Häuschen und freundlichen biederen Leuten darin. Zuweilen, wenn der Frühlingswind so recht übermütig durch die Gassen pfiff, nahmen die Bauern die Pfeife aus dem Munde, guckten bedächtig herauf zu den Berghängen droben, und sagten: „No, jetzt muß ma fein Obacht gebn. Dös is die Zeit, wo die Lähn[1] zu Tal kimmen!“

Eines Tages, als wieder neuer Schnee gefallen war und die Luft besonders still und warm erschien, zog der Schmölzler-Seppl seine langen Stiefel an und stieg hinauf zur kleinen Sennhütte auf den Bergwiesen. Und wie er so dahinstapfte und bald oben war, da sauste es plötzlich hoch droben gar sonderbar, und eh der Seppl noch recht zur Besinnung kam, da brauste eine ungeheure weiße Masse auf ihn zu: eine Lähn oder Lawine! Wäre der Schmölzler-Seppl grade mitten davor gewesen, so war’s um ihn geschehen, so aber war er etwas seitwärts. Die riesigen Schneemassen warfen den guten Seppl um, drehten ihn siebenmal umeinand, so daß seine Arme und Beine wie Windmühlenflügel umherwirbelten, und dann war er plötzlich mitten in der zu Tal sausenden Schneekugel eingebacken wie eine Speckgriebe in einem Kartoffelknödel. Da rollte er denn schneller, als er hinaufgekommen war, mitten in der weichen Masse wieder hinab ins Dorf. Sie prallte gegen einen Heuschober und zerfiel, und die erschreckten Leut, die angsterfüllt aus ihren Häuschen herausgestürzt waren, sahen, wie sich der gute Schmölzler aus dem weichen Grab, das ihn nur wenige Minuten beherbergt hatte, herausarbeitete und humpelnd und fluchend in der Lawinenkugel seine Pfeife suchte.

Die Hauptmasse der Lawine aber hatte Gott sei Dank das Dorf seitwärts liegen lassen. Fauchend und krachend, riesige Bäume wie Zündhölzer abknickend, kam sie angestürmt, und ein heftiger Sturmwind ging ihr voraus. Sie verwüstete einen großen Teil des Waldes, schlug eine große Scheune wie eine Zigarrenkiste zusammen, und dann kamen ihre Massen endlich an einer Berglehne, wo ein Bach floß, zum Halten. Da waren denn die guten Tiroler Leut von Herzen froh, denn vor ein paar Jahren erst hatte eine solche Lawine den ganzen Ort begraben und Menschen und Vieh, Häuser und Scheunen vernichtet.