Aber wie war die Masse dort oben ins Rollen gekommen? O, sehr einfach! Ein Raubvogel hatte sich nur einen Augenblick ganz hoch oben niedergelassen, und als er wieder abstrich, da rollten unter seinen Krallen lose Eisstückchen bergab, um die sich der weiche Schnee herumrollte zu einem Ball, der immer größer und größer wurde, und als der Ball dann die mächtige überhängende Schneeschicht erreichte, in der unser Wassertropfen gefangen lag, da riß er sie mit sich, und nun wuchs und wuchs die Masse ins Ungeheure und stürzte als Lawine donnernd zu Tal.
Unser Wicht hatte natürlich von all dem nichts gesehen, und es dauerte lange, ehe er aus seinem Gefängnis befreit wurde. Erst als die Sonne Tag um Tag immer länger und wärmer schien, taute die Schneemasse hinweg, und endlich kam auch des Wichtes Befreiungsstunde! Da war wieder der blaue Himmel über ihm, und die liebe Sonne streichelte den erfrorenen Gesellen mit ihren Strahlenfingern. Da taute sein Herz auf, er wurde wieder der Wassertropfen und rann in den unter ihm murmelnden Bach, der frisch und klar dahinfloß.
Das war fürwahr ein lustigeres Leben, als so still und gebunden im Eise zu stecken! Das Bächlein hüpfte von Stein zu Stein, durchfloß das Dorf, kam durch saftige Wiesen und dann in einen lieblichen Talgrund. Da war es ganz reizend, und eine Wassermühle klapperte zwischen grünenden Buchen. Der alte Müller hatte eine weiße Mütze auf und nagelte hinter dem Hause an einer Schiebkarre, vorn aber, am Mühlenwehr, stand sein Gesell und seine Tochter, und die beiden hatten sich so viel schöne Dinge zu sagen, daß sie Gott und die Welt und die Mühle drüber vergaßen. Das Wassertröpfchen floß durch die dicke Holzrinne, die zum Mühlrad führte, stürzte rauschend in dessen breite, mit Moos bewachsene Speichen, so daß es sich knarrend drehte und drinnen die Mahlsteine die Weizenkörner knirschend zu Mehl zerrieben, und lief dann unten wieder hurtig im Bach davon. Es konnte grade noch sehen, wie der Müllerbursch die schmucke Dirn fest an seine rotsamtene Weste drückte, und wollte gern zuschauen, wie die Geschichte weiter gehen würde, aber da bekam ihn ein Strudel beim Schopf zu fassen und wirbelte ihn hinweg. – So geht es immer in der Welt! Wenn es anfängt interessant zu werden, müssen wir von dannen, und die Geschichten haben dann keinen Schluß!
Der Tropfen rann noch manchen guten Kilometer im Bach dahin, dann aber wurde der dünner und dünner, denn er lief über brüchiges Gestein hinweg, und das Wasser sickerte durch tausend Ritzen hinab in den Erdboden. Da war es stockdunkle Nacht und wenig interessant. Die Tropfen wanden sich mühsam durch tausend feine Kanäle und Löcher und sanken tiefer und tiefer in die Felsenmassen. Allerlei Gestein durchrieselten sie, kamen an Eisenlagern und Silberadern vorüber und lösten allerlei Salze auf, die da im Schoß der Berge ruhten. Schließlich aber traten all die versickerten Tröpfchen als Quelle wieder ans Tageslicht. Kühl und klar war das Wasser, und es schmeckte ein wenig nach den Salzen, die es gelöst, weshalb die Ärzte meinten, es sei gut für die Leute, die sich ein zu rundes Bäuchlein angemästet hätten.
Da, wo die Quelle aus dem Gebirge austrat, war eine schöne Stadt, und der Magistrat dieser Stadt hatte deshalb die Quelle auffangen lassen und leitete das Wasser durch viele tausend Röhren in alle Häuser. So kam denn auch unser Tropfen, kaum daß er das Tageslicht wieder gesehen hatte, abermals ins Dunkle und durchsauste all die Eisenröhren, bis er schließlich in einem großen Hause vor einem blanken Messinghahn stehen blieb, der hier wie ein Portier auf Posten stand und niemand durchließ. Dieses große Haus war aber eine Universität, und da war es wie in einer Schule. Es waren viele Zimmer darinnen, mit Bänken, und davor stand ein Pult, und bei dem Pult war eine große schwarze Tafel, auf der die Lehrer lauter gelehrte Dinge aufschrieben. Diese Lehrer aber hießen Professoren und mußten ohne Rohrstock lehren, denn ihre Schüler waren junge Herren, von denen manche schon einen stattlichen Schnurrbart hatten. Sie trugen bunte Mützen und hießen Studenten, und darauf waren sie sehr stolz.
In einer dieser Lehrstuben ging es ganz besonders gelehrt zu. Da stand ein berühmter Professor an seinem Pult. Er war so gelehrt, daß die Gedanken, die aus seinem Kopfe gekommen waren, im Laufe der Jahre sämtliche Haare mitgenommen hatten, aber das war für den Professor ein Glück, denn wenn er weniger kahlköpfig gewesen wäre, hätten ihn die Leute für weit weniger gelehrt gehalten. Und dieser Professor hielt eine Rede und sagte:
„Meine Herren! Alle Menschen brauchen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Lebens Wasser, aber die wenigsten wissen, woraus das Wasser eigentlich besteht. Vor hundertfünfzig Jahren wußte es überhaupt noch kein Mensch, aber damals haben es ein paar englische Gelehrte herausbekommen. Das Wasser besteht aus zwei unsichtbaren luftigen Körpern, oder wie die Gelehrten sagen, aus zwei Gasen, nämlich aus Wasserstoff und aus Sauerstoff. Beide allein sind so unsichtbar wie die Luft, die wir einatmen, aber wenn man sie miteinander vereinigt, dann entsteht Wasser. Damit Sie mir das auch glauben, will ich hier vor Ihren Augen das Wasser in seine beiden Luftarten auflösen, und nachher will ich aus den beiden Luftarten wieder Wasser machen.“
Der Professor winkte seinem Gehilfen, und der ging an den Hahn der Wasserleitung und ließ das Wasser in ein seltsam geformtes Gefäß hineinlaufen. So kam denn auch unser Wassertröpfchen mit hinein in die gelehrte Versammlung. Es war sehr stolz darauf, denn es ist immer eine Ehre, der Wissenschaft zu dienen, aber bald wurde ihm schlimm und weh zumute, so ähnlich wie damals, als es im Dampfkessel des Schiffes gewaltsam in seine Bestandteile zerrissen wurde. Der Professor steckte nämlich zwei Drähte in das Gefäß und schickte durch diese einen elektrischen Strom, und da wurde die Sache sehr unangenehm. Der elektrische Strom zersetzte das Wasser, so daß an den beiden Drähten unablässig Gasblasen aufstiegen, am einen Draht Wasserstoff und am anderen Sauerstoff. So wurde unser Tröpfchen ein Opfer der Wissenschaft. Es wurde gewissermaßen auf elektrischem Wege hingerichtet, wie die Mörder in Amerika. Es hätte gern geweint, da es aber nur aus einer Träne bestand, so wäre es Selbstmord gewesen. So sehr sich der Wicht auch zu verkriechen suchte, wie die Buben im Wartezimmer des Zahnarztes, endlich war auch die Reihe an ihm, und er verwandelte sich in zwei Gase, die emporstiegen in dem Glasgefäß. Schließlich aber war alles zu Ende. Es war keine Spur Wasser mehr in dem Glase zu sehen, es hatte sich in Wasserstoff und Sauerstoff verwandelt, die unsichtbar da oben schwebten.
Aber was ein richtiger Gelehrter ist, der macht nichts halb, und so ging denn auch unser Professor daran, aus den beiden Gasen wieder Wasser herzustellen. Er ließ die beiden Gase zusammenströmen im Glasgefäß, und dann sandte er mit Hilfe einer Elektrisiermaschine starke elektrische Funken hindurch. Da verbanden sich die Gase wieder zu Wassertropfen und rannen zu Boden.
Die Zuschauer fanden das sehr nett, und sie gaben ihren lebhaften Beifall kund, indem sie gewaltig mit den Füßen trampelten. Der gelehrte Professor aber machte eine kleine Verbeugung und schritt erhobenen Hauptes von dannen.