Das Tröpflein lag nachdenklich im Glase. Es war gestorben und wieder auferstanden, und sein innerstes Wesen war ihm hier enthüllt worden, denn woraus es eigentlich bestand, darüber hatte es bisher noch niemals nachgedacht. Aber lange Zeit zum Überlegen hatte es nicht, denn die Stunde war aus, und alle verließen den Saal. Da kam denn auch der Diener und goß das Wasser in das Leitungsbecken, und da rollte es wieder durch viele Röhren und kam endlich außerhalb der Stadt wieder zum Vorschein, floß in einem breiten Graben dahin, der durch Wiesen ging, und endlich endete ein Teil des Wassers in einem Dorfpfuhl, mitten zwischen Gärten und Feldern und Scheunen.
Hier riecht es wenig vornehm, dachte das Tröpflein, und ein furchtbares Lumpengesindel treibt sich herum. Da schwamm eine leere Medizinflasche einher, ein paar Weinkorke, die sehr aufgeblasen taten, dann trieb ein zerrissener Kinderschuh vorüber, Seiten aus einem Lesebuch, und Strohhalme und dürre Blätter. Ratten liefen am Rande hin, und ein paar Enten schnatterten umher. Am schlimmsten aber waren die vielen winzigen Tierchen, die da im Wasser umherwirbelten und so klein waren, daß Hunderte in einem einzigen Tropfen herumschwimmen konnten. Zwei Buben kamen daher, die waren auf einer Landpartie, und da es heiß war, füllten sie hier ihre Flaschen, und tranken von dem Wasser. Wenn sie gewußt hätten, was alles für Gesindel darin umherwirbelte, hätten sie es wohl gelassen, wie es ihnen ihr Lehrer schon oft geraten. Aber Buben sind allemal Taugenichtse und wissen alles besser!
Das war kein schönes Leben hier für unseren Wicht. „Da sieht man,“ sagte er zu sich selbst, „wie man herunterkommen kann, ohne eigene Schuld! Vor wenig Stunden noch in einer gelehrten Gesellschaft auf der Universität, und nun unter diesem Lumpengesindel, das aus allen schmutzigen Gossen zusammengelaufen ist. Pfui Deubel!“
Aber auch das nahm ein Ende, denn der Reinliche und Anständige kommt doch schließlich immer wieder auf die Beine, wenn er auch mal Unglück haben kann. Da kam eines schönen Morgens der Weinbauer Jochen daher, mit seiner großen Wassertonne, die der Braune mit Hüh und Hott langsam ins Dorf zog. Am Teich machten sie halt, und ein Eimer von dem trüben Wasser nach dem anderen wanderte in die Tonne, bis sie voll war. Und dann trabte Bauer Jochen mit seinem Braunen wieder mit Hüh und Hott von dannen, hinaus zu den Weinpflanzungen. Da goß der Jochen das Wasser zwischen die Weinstöcke, und es sickerte in den Boden zwischen all dem Wurzelwerk, das von der Hitze ganz ausgedörrt war.
Da drang unser Tropfen durch die feinen Poren der Weinstockwurzeln langsam hoch empor in den Stamm, in die feinen Stiele, und endlich in die noch winzigen grünen Weinbeeren, durch die das helle Sonnenlicht hindurchschien. Da drinnen aber war es ganz merkwürdig. Wie in einer chemischen Fabrik. Das Sonnenlicht und die Sonnenwärme zersetzten das Wasser und die Stoffe, die es aus dem Erdboden mit heraufgebracht hatte, und ganz feine Ströme von Säften zogen hin und her und lösten endlich auch unseren Tropfen mit auf, so daß er Weinsaft wurde.
Und dann kam der Herbst! Da wurden die Blätter bunt, und überall wehten Fahnen, und geputzte Burschen und Mädel zogen in die Weinberge, und die Musikanten spielten einen lustigen Ländler nach dem anderen, denn es war Weinernte, und in ungeheuren Massen wanderten die vollen, süßen, reifen Trauben hinab von den sonnigen Höhen zu den Pressen, wo ihnen der Saft entzogen wurde, um in die Weinbottiche zu wandern, und endlich in die Fässer und später dann in die Flaschen.
So hatte auch unser Tropfen sich unter den Zauberkräften der Sonne in Wein verwandelt, und dann lag er lange Jahre in einer staubigen Flasche tief unten im Keller, wo die Spinnen ihre kunstvollen Netze zogen und die Mäuse wisperten. Dann aber hatte auch das ein Ende, denn der alte Doktor Ulebuhle schrieb an seinen Freund, den Weinhändler drunten am Rhein, er möchte ihm noch so ein Dutzend Flaschen senden von dem guten alten Rheinwein, und da wurde denn auch die Flasche mit herausgenommen, in der unser Tröpfchen so lange gefangen saß. Hier ist sie, ihr Racker, nun seht sie euch an!»
Damit langte der Doktor Ulebuhle hinter sich auf den Tisch und stellte eine verstaubte Weinflasche vor uns hin.
«So,» sagte er, zog schnalzend den Pfropfen aus dem grünen Flaschenhals und goß sein Gläschen voll, «nun habe ich mir die Zunge wund und den Gaumen trocken geredet, über den Wassertropfen und seine Abenteuer, und nun soll er selbst mich wieder laben und meinen Durst stillen, denn hier funkelt er golden im Glase. Wer’s aber nicht glaubt, der läßt es bleiben und trollt von dannen!»