Wenn wir zum alten Ulebuhle wollten, dann mußten wir durch eine stille, dunkle Gasse, und in der lag ein uralter Klosterfriedhof mit windschiefen Kreuzen und hohen alten Bäumen, in denen klagend der Wind harfte. Das war denn am Abend immer so ein bißchen gruselig, wenn wir Größeren auch so taten, als ob wir uns vor Hölle und Teufel nicht fürchteten. Wir gingen dann immer nahe beieinander und auch merklich schneller, denn so ganz behaglich war es uns doch nicht da in der Dunkelheit. Einmal aber war ein kleines Mädchen hinter uns zurückgeblieben. Und wie sie nun so dahintrappte, kam etwas Weißes über die Kirchhofsmauer geflattert. Es war nichts weiter als ein Leinentuch, das der Pförtnerin von der Wäscheleine geflogen war, aber es genügte, um die kleine Urschel in Todesangst zu versetzen, weil sie glaubte, ein Gespenst sei hinter ihr her. Da lief sie denn laut kreischend und weinend nach und kam noch immer weinend bei der alten Christine und dem Doktor Ulebuhle an.
Die alte Christine brachte Tee und Kuchen und tröstete unsere ängstliche Kameradin, aber der Doktor Ulebuhle ging knurrend und brummend auf seinen mächtigen Filzschuhen im Zimmer umher und schimpfte über das unvernünftige „Weiberzeug“ und über die Mägde und Ammen, die den Kindern Gespenstergeschichten erzählen und sie so verängstigen, daß sie in kein dunkles Zimmer zu gehen wagen.
«Kinder,» sagte er, «die Toten kommen nicht wieder heraus aus ihren Gräbern, um kleine Mädchen zu erschrecken. Sie schlafen da unten im Frieden und bewegen kein Zehenspitzchen mehr. Gespenster gibt es nicht, aber es gibt allerlei Angstmeier, die an Gespenster glauben, und von so einem will ich euch jetzt etwas erzählen. Er wohnte auch hier in dieser Stadt und war Kutscher und Diener beim alten Doktor Horn. Mit dem mußte er dann und wann über Land fahren, zu den Kranken, oder er mußte ihnen die Medizin bringen. Aber überall sah er in der Dunkelheit Gespenster, so daß ihn die Leute ‚Gespenster-Heinrich‘ nannten.
Der gute Doktor hatte seine Plage mit dem dummen Heinrich, und so oft er ihm auch zeigte, daß all seine Gespenster ganz harmlose Dinge waren, er fand immer neue Gespenstersorten. Von einigen seiner Schreckbilder aber will ich euch hier erzählen, damit ihr selber nicht so töricht werdet, an solchen Schnickschnack zu glauben!
Einmal, im Winter, war droben auf dem Steinberge der Bergwirt krank geworden, und der Doktor Horn schickte den Heinrich mit einer Flasche Medizin noch spät am Abend hinauf in den Tann. Anfangs war es noch ein wenig schummrig, und der Schnee leuchtete genügend, aber langsam wurde es dunkel. Da steckte denn der Heinrich seine große Stallaterne an und trabte weiter, immer bergan. Das ging eine Weile ganz gut, und nichts konnte dem Burschen beängstigend in den Weg treten. Schließlich aber kam er aus den Tannen heraus auf eine freie Hochfläche, über der dichter Nebel zog.
Es war bitter kalt, und Heinrich stellte einen Augenblick seine Laterne hinter sich in den Schnee, um sich die Handschuhe anzuziehen. Wie er eben damit fertig ist und wieder aufschaut, erschrickt er derart, daß ihm die Haare wie Stricknadeln in die Höhe fahren! Vor ihm, nicht weit fort, steht ein riesenhafter Kerl, ganz schwarz und körperlos, wie aus dunkler Pappe geschnitten. Er ist gut ein Haus hoch und in dem Nebel nur undeutlich zu sehen, aber es ist wahr und wahrhaftig keine Täuschung, er steht leibhaftig da!
„Heiliger Gottseibeiuns!“ sagt der Gespenster-Heinrich und bleibt wie angewurzelt stehen, aus Angst, der Riesenkerl könnte eine harmlose Bewegung als eine Drohung auffassen, und auf ihn losfahren. „Heiliger Gottseibeiuns! Was für ein gottvermaledeiter Türkenteufel ist jetzt das nun wieder! Da wünscht’ ich doch, der Doktor Horn stände zur Stund’ an meiner Stelle, damit er endlich einmal sieht, was für ein unchristliches Lumpenvolk sich nachts in den Wäldern und Bergen herumtreibt, denn wenn ich’s ihm morgen erzähle, dann lacht er mich wieder aus und sagt: Jochen Päsel, wat büst du für’n Esel!“
Verstohlen guckt sich Heinrich den schwarzen Spuk vor ihm an. Der steht vollkommen still und scheint zu warten, was der gute Heinrich beginnen wird. Kaum hebt der aber vorsichtig ein wenig den Arm, da nimmt auch der schwarze Kerl schon zum Angriff den seinen hoch, so daß der Heinrich schleunigst kehrt macht, in seiner Angst gegen die hinter ihm stehende Laterne rennt, so daß sie umfällt und verlischt, und dann saust er wie ein Hase mit seiner Medizinflasche den Berg wieder herunter.
Am Waldrande bleibt er endlich pustend und schnappend stehen und schaut sich um. Der Riese ist ihm nicht nachgekommen; keine Spur ist von ihm zu sehen. – Schwerenot, denkt der Heinrich, wenn ich nur meine Laterne mitgenommen hätte, denn nun so durch den dunklen Tann stapfen, das ist auch wieder nicht das rechte. Ob du noch einmal ganz vorsichtig hinaufgehst und sie wieder aufklaubst? Der Heinrich nimmt seinen gesamten Mut auf einen Haufen zusammen und stapft wieder ganz vorsichtig zu der Hochfläche hinauf. Er findet seine Spur im Schnee leicht wieder, und ... da liegt auch wirklich die Laterne noch, der elende Höllenbraten hat sie also nicht mitgenommen, und von ihm selbst ist nichts mehr zu sehen, nur der dicke Nebel zieht noch immer wie eine weiße Wand daher.
Der Gespenster-Heinrich zieht sein Feuerzeug hervor, um die Laterne wieder zu entzünden. Dabei überlegt er, wie sie wieder auf ihn schimpfen werden, wenn er unverrichteter Sache nach Hause kommt und der Bergwirt auf dem Steinberge seine Medizin nicht zu schlucken kriegt. Ob er’s wohl noch einmal versucht? Es ist ja nur eine Viertelstunde Wegs noch, und der Schwarze ist vielleicht inzwischen auf und davon.