Aber innerlich schimpfte er um so mehr auf diese „vermaledeite Türkenteufelei“ und das ganze „polizeiwidrige Gespenster-Lumpengesindel“. Das Ding stand da und rührte kein Glied, nur die Haare auf seinem Kopf sah man auf der hellen Stirn hin und her fliegen. Die Arme aber hielt es noch immer weit ausgespannt.
Plötzlich ließ der zitternde Heinrich seinen Wanderstock fallen. Da kreischte der Spuk vor ihm laut auf, und es rauschte etwas miauzend auf den Gespenster-Heinrich zu. Dieser aber sah und hörte schon nichts mehr! Er drehte kurz um und stürzte laut schreiend durch den Tann, daß ihm die Zweige nur so das Gesicht peitschten. Erst als er weit fort war, hielt er schnaufend inne und ging über den nächsten Holzfällerweg in einem weiten Bogen um das Waldstück herum und kam sehr spät erst, müde und ausgehungert daheim an.
„Diesmal,“ sagte er, „will ich’s aber doch dem Doktor gehörig auseinandersetzen! Ich werde ihm sagen, was da wieder für eine elende Himmelhöllenschwerenot im Tann gewesen ist, und daß ich meinen schönen Krückstock eingebüßt habe, und daß ich überhaupt nicht mehr nachts allein zu solchen Botengängen herhalten will. Da bin ich doch gespannt, was er nun wieder für Ausreden hat für diesen neuen Spuk!“
Das tat der Heinrich denn auch, und der alte Doktor, der ihn schon genügend kannte, und der den sonst so braven Kerl nicht noch mehr verärgern wollte, sagte zu ihm:
„Gut, mein bester Heinrich! Heut abend werden wir zusammen den Weg gehn, denn ich muß sowieso einmal nach dem kranken Lehrer in Hahnenklee schauen. Wenn ich dir die Sache nicht an Ort und Stelle ganz harmlos erklären kann, dann sollst du recht behalten und brauchst nicht wieder nachts Medizin durch die Wälder zu tragen. Wenn du aber wieder ein Hasenfuß gewesen bist, dann kann ich nichts weiter tun als sagen: Jochen Päsel, wat bist du für’n Esel!“
Am Abend gingen sie denn richtig los, und sie kamen auch bald an die Stelle, wo unser Freund gestern solche Angst ausgestanden. Da lag auch noch unberührt auf dem Waldwege der Krückstock, und zehn Schritt davon stand ein abgebrochener, ganz vermorschter hoher Baumstumpf, von dem nur noch die Hälfte übrig war. Hinter ihm stand eine kleine Fichte, die seitwärts ihre Arme hinter dem faulenden Stumpf hervorstreckte, und oben auf dem morschen Stumpf wuchsen Farnkräuter, die weit herniederhingen. An allerlei Unrat und Federn sah aber der Doktor, daß oben auf diesem Stumpf wohl dann und wann ein Käuzchen[2] zu rasten pflegte.
Aha! sagte der Doktor bei sich, das ist das Gespenst. Zum Heinrich aber bemerkte er lachend: „Da schau’ her, mein Lieber, das ist der greuliche Spuk, der dich genarrt. Faules Holz leuchtet sehr häufig stark im Dunkeln, und wenn wir heute nacht, wenn es ganz finster sein wird, zurückkehren, dann wirst du den Stamm auch wieder leuchten sehen. Die Augen waren nichts als diese beiden Moosbüschel, die da wachsen, und die Haare waren die Farnkräuter. Was du für Arme gehalten hast, sind die beiden großen Zweige der Fichte da hinter dem Stumpf, und das Miauze und Gewimmer kam von einem Käuzchen, das oben auf dem Stumpfe saß, und auch die Farnkräuter, die Haare deines Gespenstes, bewegte. – Als du deinen Stock fallen ließest, hat sich der Vogel erschreckt, und flog kreischend davon! – So, das ist die ganze Geschichte!“
Der Heinrich war halb schon überzeugt, aber ein wenig mußte er sein Gespenst doch noch verteidigen. „Es leuchtete gar zu gruselig,“ bemerkte er, „aber wenn es heute nacht wirklich ebenso flimmert an dem alten Wurzen da, so will ich es wohl glauben, daß ich mich geirrt!“
Als der Doktor seine Geschäfte erledigt und sie zu später Stunde wieder beim Heimweg an den morschen Stamm kamen, da schimmerte und flimmerte er wirklich so stark, wie es auch der Doktor noch selten erlebt. „Siehst du es nun, ungläubiger Thomas, daß ich recht hatte!“ sagte er. „Brich ein wenig ab und nimm es mit nach Hause, es leuchtet so stark, daß du nachts die Taschenuhr bei dem Lichte ablesen kannst. – Ich will dir auch sagen, wie das Leuchten zustande kommt! Es gibt eine ganze Anzahl leuchtender Bazillen und Pilze. Faulende Fische und faulendes Fleisch leuchten in dunklen Räumen sehr stark, besonders wenn es warm ist, denn auf ihnen haben sich Millionen solcher leuchtenden Bazillen angesiedelt. In den Wäldern Südamerikas trifft man Pilze, die leuchten gar gespenstisch aus dem Walddunkel hervor. Dieser alte Baumstamm aber ist durchwachsen von unendlich vielen ganz winzigen Pilzsträngen, die das Faulen des Holzes hervorrufen und die verwesende Masse zum Leuchten bringen. – Nicht wahr, das ist nicht so schwer zu begreifen, alter Knabe, aber es wird alles nichts helfen, und du wirst immer wieder neue Gespenster sehen. Darum aber bleibe ich dabei und sage: Jochen Päsel, wat bist du für’n Esel!“»