„Ei der Deubel,“ riefen die Bauern, „das waren die Irrwische. Die haben manchen schon betrogen, die Teufelsdinger. Sie lockten ihn vom rechten Pfade ab, führten ihn immer weiter ins Moor, und da ist er lautlos ersoffen. Die Leute sagen, vor vielen hundert Jahren hätten hartherzige Bauern im Dorf gewohnt, und es seien einmal in einer Regennacht hungrige Musikanten gekommen, die hätten um Nahrung und Obdach gebeten, und die Bauern hätten sie davongejagt. Da seien die Musikanten in das Moor geraten und seien ertrunken, und nun tanzten ihre Seelen da des Abends umher, um die Bauern auch ins Moor zu locken und zu verderben. – So sagen die Leute, aber der Pfarrer und der Lehrer meint, das sei dummes Zeug, und mit den Irrwischen ginge das ganz natürlich zu!“

„Tausenddonner, es sind vermaledeite Gespenster und Türkenteufel, sage ich!“ schrie noch immer erbost der Heinrich, „die Polizei muß sich darum kümmern, aber die kommt nur, wenn man mal ein Gläschen über den Durst getrunken hat und des Nachts ein Liedchen singt auf der Gasse!“

„Ja, ja,“ meinten die Bauern, „so is dat!“ Aber dann riefen sie „Hüh“ und „Hott“, und die Pferde setzten sich in Trab und bogen in die Dorfstraße ein. Der Heinrich aber hütete sich, dem Doktor sein Erlebnis mitzuteilen, denn er wußte, daß jener ihn doch nur auslachen würde ...»

«Solche Lichter habe ich auch schon gesehen,» sagte eines der Kinder, «aber die flogen im Sommer des Abends draußen zwischen den Bäumen herum und waren sehr spaßig, wie lauter kleine grünliche Laternchen, nicht größer als ein Nadelkopf.»

«Oho, das waren nicht solche Irrwische, wie sie dem Gespenster-Heinrich begegnet sind, das waren sogenannte Glühwürmchen oder Johanniswürmchen,» antwortete Ulebuhle. «Die fliegen in warmen Sommernächten um die Büsche oder liegen im Grase, und jeder freut sich über diese seltsamen leuchtenden Kerle. Aber die Irrwische, die sind von ganz anderer Art, und daß durch sie Leute in Sümpfe und Moore in der Irre umhergeführt worden sind, das kann wohl vorgekommen sein, denn nur an solchen feuchten Stellen, wo im Boden viele Pflanzen verwesen, bilden sich die hüpfenden Flämmchen. Aber das geht alles natürlich zu, und es ist nichts Gespenstisches dabei! Seht! überall da, wo etwas verwest, bilden sich Gase, und die verwesenden Pflanzenmassen der Wiesenmoore erzeugen ebenfalls solche Gase. Wenn man bei ruhigem Wetter in der Abendstille durch ein solches Gelände schreitet, dann hört man es merkwürdig leise wispern und zischeln, ganz so, wie es der Gespenster-Heinrich gehört hat, aber das sind nicht irgendwelche Geister, sondern das Singen und Zerspringen von Millionen winziger Gasbläschen, die aus dem Boden emporsteigen. Diese Gase aber haben zuweilen die Eigentümlichkeit, daß sie sich von selbst entzünden und in Gestalt von kleinen Flämmchen über dem Sumpf- und Moorboden schweben. Das sind die Irrlichter oder Irrwische. – Ihr seht, Gespenster sind es nicht, und doch sind sie geheimnisvoll, denn die gelehrten Herren haben noch nicht ganz sicher herausgebracht, wie sich diese Gase entzünden, denn richtige Flammen, wie die Gasflammen in den Laternen, sind es nicht, sondern sie leuchten nur so ähnlich wie der Phosphor an alten Zündhölzern, in einem kalten, merkwürdigen Schein, der wie ein leichter Nebelbausch beim leisesten Windhauch hin und her treibt, so daß es aussieht, als hüpfe er tanzend über das Moor.

Ja Kinder, es gibt sonderbare Dinge in der Welt, und man darf es den Leuten, die nicht viel haben zur Schule gehen können, nicht verargen, wenn sie bei manchen Dingen an Wunder und Zauberei glauben, aber immer, wenn man die Dinge genau ansieht und erforscht, dann zeigt es sich, daß sie nicht wunderbarer sind als die Wolken, die am Himmel schweben, oder als die Kornähre, die aus einem winzigen Samenkörnchen wächst. – Der Gespenster-Heinrich war aber darin ein schnurriger Kauz! Er blieb bei seinem Gespensterglauben und ließ sich nicht belehren, auch als alter Knabe, und da aller guten Dinge drei sind, so will ich euch noch ein Stücklein von ihm erzählen!

Da ging er einstmals im Spätsommer des Abends durch den dunklen Wald zurück von Hahnenklee nach Goslar. Es war eine schöne laue Nacht, aber es war sehr finster im Tann, und der Himmel dunkel und verhangen. Es knackte überall so seltsam in den Zweigen, und dem guten Heinrich, dem immer das Gruseln nahe war, kamen wieder allerlei dumme Gedanken.

Plötzlich hörte er ein erschrecktes Kreischen und einen schweren Flügelschlag, und da sah er dicht vor sich im Tann ein seltsames Ding stehen.

Es war gut mannshoch und leuchtete in einem seltsam gelbgrünen Licht vom Kopf bis zu den Füßen. Der Kopf war dick und unförmig, man sah in ihm nur ein paar dunkle mächtige Augenflecke und breite Haarbüschel fielen bis in die Stirn. Die wehten ständig hin und her, obgleich kein bißchen Wind im Walde ging. Auch starke Arme waren zu sehen, sie waren kohlschwarz und weit ausgespannt, als ob sie den Heinrich beim Vorbeischreiten festhalten wollten. Dazu miaute das unheimliche Wesen in schrecklichster Weise. Bald wimmerte es wie ein kleines Kind, bald stöhnte und krächzte es gottserbärmlich.

Je länger der Gespenster-Heinrich hinschaute, je stärker sah er den greulichen Spuk leuchten in der tiefen Dunkelheit, und er blieb wie angenagelt stehen, weil er sich nicht vorbeitraute.