„Ja, das ist aber so,“ meinte der Brummbaß der Steinkohle, „wenn’s Ihnen auch unangenehm ist. Wir alle drei stammen aus derselben Familie, unser aller Vater ist der Kohlenstoff. Sie sind nichts weiter als kristallisierter Kohlenstoff, und der Bleistift, der ja eigentlich Graphit heißt, ist ebenfalls Kohlenstoff, genau so wie ich, nur daß in meinem Körper noch mancherlei andere Stoffe enthalten sind.“
„Das verstehe ich nicht,“ sagte der Diamant.
„Das ist aber ganz einfach,“ antwortete die Kohle. „Sehen Sie, da vor Ihnen auf dem Tisch stehen Blumen im Wasser, und da an der Fensterscheibe sitzt Eis, und da draußen fährt eben eine Lokomotive vorbei, aus der weiße Wasserdampfwolken aufsteigen. Nun, das sind auch drei Brüder wie wir. Da im Glase ist flüssiges Wasser, am Fenster ist zu Eis kristallisiertes Wasser, und die weiße Lokomotivwolke ist verdampftes Wasser. Aber aus Wasser bestehen sie alle drei, und genau so bestehen wir drei hier aus Kohlenstoff und sind also Brüder!“
„So, so,“ meinte der vornehme Mann schon recht kleinlaut, aber doch noch immer von oben herab, „dann müßte ich doch aber genau so im Feuer verbrennen wie Sie, und dann müßte man doch aus Kohlen Diamanten herstellen können!“
„Ei freilich, Sie vornehmer Bruder, das kann man auch, und die Menschen haben es auch schon getan! In einer sehr heißen Flamme verbrennen Sie genau so wie ich, mein Lieber, und man hat auch schon aus Kohle kleine künstliche Diamanten hergestellt, wenn das auch sehr schwierig ist, denn die Menschen haben das Küchenkochbuch der Natur, die uns alle drei gebraut hat, noch nicht gefunden. – Ja sehn Sie, so ist es mit Ihrer Vornehmheit. Wenn man genau hinsieht, ist sie eine windige Sache, und auf alle Fälle sind Sie höchst unnütz. Nur einer aus Ihrer Sippe ist ein braver und fleißiger Mann, das ist der Diamant, mit dem der Glaser seine Scheiben zerschneidet, und der ist eine ganz biedere gemütliche Seele. Er riecht zwar immer ein bißchen nach Fensterkitt, und Sie würden ihn sicher nicht als Ihren Bruder anerkennen, aber mir ist er lieber als Sie!“
„Nun,“ entgegnete der schwerbeleidigte Baron von Diamant, „Sie mögen ja über die Verwandtschaftsverhältnisse in meiner Familie besser unterrichtet sein als ich, aber wenn wir selbst so ganz weitläufig miteinander eine Stammesgenossenschaft bilden sollten, eins können Sie doch nicht bestreiten, nämlich daß ich eben der Vornehmste unserer Familie bin und bleibe!“
„Bester Herr,“ meinte gutmütig brummend der schwarze Arbeiter da vom Kamin her, „glauben Sie ja nicht, daß es ein Vergnügen ist, mit Ihnen verwandt zu sein. Schöner sind Sie gewiß als ich und mein Bruder, der Bleistift, aber Sie sind eine höchst anrüchige Person, die in üble Mord- und Raubtaten verwickelt worden ist, und ich lege keinen Wert darauf, mit Ihnen verwandt zu sein. Ob ich aber trotz meines schwarzen Rockes nicht in Wahrheit doch vornehmer bin als Sie, das ist noch sehr die Frage, denn ohne uns Steinkohlen ginge bei den Menschen alles zum Teufel, und wenn wir auch nur einen Tag streiken würden, verlöre unser Herr zehnmal mehr, als Sie samt Ihrer Frau, der geborenen Gräfin Perle, wert sind. Wir treiben mit unserer Kraft die tausend Fabriken, beleuchten und heizen die Riesenstädte der Menschen, wir ziehen die unablässig ein- und ausfahrenden Eisenbahnzüge von Land zu Land, wir sind es, die die Schiffe durch die Wasserwüste des Ozeans treiben. Kaiser und Könige, Herren und Knechte, Millionäre und Bettler sind auf unsere Kraft angewiesen, alles stände still, wenn wir feiern würden. – Wenn man aber heute alle Diamanten der Welt ins Wasser werfen würde, nun, dann wäre auch weiter nichts, und kein Rädchen in der Welt drehte sich deshalb schneller oder langsamer. – Aber still jetzt, ich höre unsern Herrn kommen, und der liebt das Schwätzen nicht. Leben Sie wohl, Sie eitler Fratz, und grüßen Sie Ihre Frau von mir, die geborene Gräfin Perle!“
Die Steinkohle lachte im tiefen Baß ‚Hahaha‘, der spitzige Bleistift kicherte schadenfroh ‚Hihihi‘, und der Baron von Diamant konnte vor Wut kein Wort herausbringen. Dann war er mäuschenstill. Die Gebrüder Kohlenstoff schwiegen.
Da ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat ins Zimmer. Er rief seinen Diener. „Legen Sie noch Kohlen auf,“ sagte er, „es ist kalt, und ich habe noch lange zu arbeiten!“ Und dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm den Bleistift und fing an emsig zu schreiben.
Den Diamantring aber schob er achtlos beiseite. Den brauchte er nicht!