„Sehen Sie, junger Mann! Was habe ich Ihnen prophezeit!“ schnarrte die Schere. „Übermut tut selten gut. Wer nicht hört, muß fühlen, und Jugend hat keine Tugend!“

„Es ist schade,“ meinte die Flamme, „aber vielleicht kommt ein anderer.“

„Sie sind ein herzloses Frauenzimmer, und außerdem rauchen Sie schon wieder!“ Mit diesen Worten sprang die Lichtputzschere empor, klappte das Maul auf und biß herzhaft ein Stück von dem brennenden Zopf ab. Sie konnte das tun, denn sie war von Eisen.

Die alte Uhr sagte zehn, und dann elf, und endlich zwölf. Die Kerze wurde kleiner und kleiner und die Schatten im Zimmer immer länger und länger. Alles tauchte immer mehr in Finsternis, und die Welt wurde so beängstigend stille. Der Bohrwurm in der Tischplatte schlief, und der kleine Schmetterling hatte sich traurig hinter den Büchern verkrochen. Auch die Schere war eingenickt. Als die alte Uhr zwölf gesagt hatte, brummte sie noch lange ganz leise vor sich hin, denn das war ihre größte Arbeit, und nun mußte sie wieder mit eins anfangen, aber dann schliefen die Leute schon, und keiner hörte zu.

Da erhob sich endlich der junge Mann, der das schöne Mädchen liebte. Er seufzte noch einmal, und dann ging er ganz leise hinaus, hinüber in sein Schlafzimmer. Aber der alte Gustav, sein Kammerdiener, hatte ihn doch gehört. Er stellte die Pantoffeln zurecht und den Stiefelknecht, und dann ging er hinüber in das Studierzimmer seines Herrn, um nach Ordnung zu sehen. Da stand die Kerze noch auf dem Tisch und brannte noch. Aber wie sah sie aus! Alt und häßlich! Ganz winzig klein war sie geworden und flackerte ängstlich hin und her. Ihr Spitzenkleid war angesengt. Sie weinte dicke, dicke Tränen und sagte einmal über das andere Mal: „Nun ist es aus! Wie ist das Leben so kurz!“

Der alte Gustav nahm den winzigen Kerzenstumpf mit der Schere aus dem Leuchter heraus. Aber seine alten zittrigen Finger zerdrückten ihn.

„Autsch!“ sagte die Kerze, und dann verlöschte sie, und es war rabenschwarze Nacht. Das winzige Wachsstümpfchen rollte in die Ofenecke, und als der alte Gustav mit seinen Filzschuhen davongeschlurft war, kamen die kleinen Mäuse hinter dem Ofen vor, strichen ihre Schnurrbärte, schnupperten umher und verzehrten das Wachs. Nur den kleinen Zopf ließen sie liegen.

Die Lichtputzschere erwachte, riß das Maul auf und gähnte. Alles schon dunkel, dachte sie, die Jungfer Kerze ist inzwischen gestorben, wie es scheint. Ja, das Leben ist kurz. Schnedderengteng, die Welt ist eng! – Einmal werde auch ich in die Grube fahren, ich spüre es doch schon in den Gelenken, daß ich hundert Jahre alt bin. Es ist das Zipperlein.

Der alte Tisch knackte, und da schwieg die Schere, denn sie wußte, er war ein alter Brummbär und liebte das Reden nicht.

Seht, Kinder,» sagte der alte Doktor Ulebuhle und stopfte noch eine Pfeife, «das war die Geschichte vom Zündholz und der Kerze. Die Kerze glaubte wunder wie langlebig sie sei, aber die Schere und der Tisch, die schon ein Jahrhundert lang im Dienste des Hauses waren, für die war die Kerze so vergänglich wie das Zündhölzchen. Die Hauptsache ist, daß man sich schlecht und recht durchs Leben schlägt und seine Pflicht tut, damit einem die Lichtputzschere nicht fortwährend in den Zopf beißt.»