Aber schaut her, es ist eine Veränderung mit der kleinen Welt vor sich gegangen! Ja, seht, sie ist kleiner geworden. Die Wärme des Zimmers hat langsam ein wenig von dem Wasser des Tropfens verdunstet. Es ist eine schlimme Geschichte. Nun müssen sich die Bewohner der Wasserwelt auf einen immer kleineren Raum zusammendrängen, die Welt ist für sie zu eng geworden, und es gibt Mord und Totschlag da unten. Ja, es würde auf Erden mit den Menschen nicht anders sein, wenn der Erdball plötzlich auf die Hälfte zusammenschrumpfte. Nun drängen sich die armen Teufel alle bei der kleinen Insel zusammen. Seht, wie sie kämpfen, wie sie einander verjagen. Alles strömt der Mitte des Tropfens zu, denn keiner will aufs Trockne geraten und sterben. Ja, es ist eine schlimme Geschichte, Krieg und Revolution ist in der Wasserwelt ausgebrochen.
Aber die Natur kümmert sich nicht um das Elend im Wassertropfen. Die Wärme trocknet den Tropfen immer mehr zusammen. Jetzt ist er nur noch ganz winzig. In einem wilden Knäuel wirbeln die Bewohner durcheinander, immer mehr sieht man eingetrocknet und bewegungslos als winzige Stäubchen am Rande im Trockenen liegen, indes die andern noch immer um ihr Leben ringen. Es hilft ihnen doch nichts, und wenn sie auch noch eine Minute länger im letzten Tümpelchen sich halten. Der Gevatter Tod hat auch hier in dem kleinen Wassertropfen Allmacht und erwischt sie alle, die flinken Schiffchen und die zierlichen Rädertiere.
Schluß und aus! Seht, das ist das Ende. Nun ist der Tropfen eingetrocknet. Nur ein graues Staubfleckchen sieht man noch im Allerwelts-Vergrößerungsglas. All die munteren Burschen, die da hausten, sind nur noch Stäubchen. Kein Schiffchen schießt mehr durch den Ozean des Wassertropfens, kein Rädchen kreist mehr und wirbelt Nahrung herbei. Es war ein kurzes Vergnügen.
Ja, da sahen wir nun einen Weltuntergang!
Freilich, es war nur eine kleine Welt, nur ein Wassertropfen, aber für seine Bewohner war er doch die ganze Welt. Kein Hahn kräht danach, daß die Geschichte dieser Welt ein Ende genommen hat, aber wenn morgen die Erdkugel untergehen würde, dann würden sich die Menschen auf den anderen Sternen auch weiter nicht darum kümmern, denn die Erde ist auch nur eine kleine Welt, die Sonne ist viele millionenmal größer, und des Abends seht ihr viel hunderttausend Sterne und Erden da oben am Himmel blinken, mindestens soviele, wie es Wassertropfen gibt im Gartenteich. Der liebe Gott taucht einen Finger ein und spritzt einen neuen Erdenstern in den Himmelsraum, und wenn der alte Ulebuhle will, taucht er seinen Finger in das Kribbel-Krabbelwasser und tupft eine neue Wasserwelt unter das Vergrößerungsglas, aber das tut er nicht, denn ein Weltuntergang am Tage ist genug!»
John Dolland, der Taucher
Das Haus des alten Ulebuhle am Frankenberger Plan zu Goslar, das so putzig aussah mit seinem Jahrhunderte alten, spitzen Schieferdach, dem bunten Holzwerk und den kleinen Fensterchen, war wie ein Museum. Bücher und Instrumente und Sammlungen aller Art füllten es vom Keller bis zum hohen Giebel. Überall standen uralte Truhen mit eisernen Bändern und Messingschlössern, und sie waren angefüllt „mit tausend Schnurrpfeifereien“, wie die alte Christine sagte, aber die verstand nichts davon. Da gab es Kästen mit seltsamen Muscheln und Käfern, mit versteinerten Tieren, mit Totengebein und ausgestopften Vögeln. Alte Uhren und Seefahrerinstrumente, Vergrößerungsgläser, seltsame Münzen und Briefmarken, Eier von indischen Vögeln, Bogen, Pfeile und Messer wilder Völker füllten Kisten und Kasten.
Und noch ein ganz besonderer Schrank stand im Studierzimmer des seltsamen Alten. Hinter den Scheiben war eine grüne Gardine; man konnte die Dinge, die da lagen und standen, nicht sehen, aber zuweilen – wenn wir Kinder kamen – kramte der gelehrte Mann zwischen diesen Raritäten herum, und da sahen wir denn allerlei krauses Zeug. Ein paar ganz merkwürdige Tabakspfeifen, riesige Schlüssel, einen rostigen Säbel, eine zerbrochene bunte Tasse, eine reichverzierte Schnupftabaksdose, einen alten Gänsekiel, der früher als Schreibfeder gedient hatte, eine grüne Weste, eine leere braune Bouteille, Knochen, Metallteile von einem Sargdeckel, vergilbte Briefe, Lorbeerkränzlein und vieles andere.
«Das ist des Doktor Ulebuhle Erinnerungsschrein,» sagte die alte Christine, wenn wir sie fragten. «Ihr dürft ihn nicht stören, wenn er in dieser Raritätenkiste herumkramt, denn jedes Stück ist irgend ein Zeuge seltsamer Erlebnisse oder stammt von berühmten Männern, die längst im Grabe ruhen.»
Als wir eines Tages wieder bei ihm erschienen, stand er vor dem alten Schrein und betrachtete mit seiner mächtigen Hornbrille einen eisernen, rostigen Riegel. Wir standen still daneben, um ihn nicht zu erzürnen, und begriffen nicht, was es an dem alten Eisenstück zu sehen gäbe. Da drehte sich der Alte plötzlich um und sagte: