«Seht her, ihr Racker! Dieses Eisenstück ist weit her. Einst lag es auf dem Grunde des Meeres. Da hat es einem Menschen das Leben gerettet. Dieser Mensch war meines Vaters Freund. Er hieß John Dolland und war ein Taucher. Und weil ihr mir so brav von den Bergwiesen Kräuter gesammelt habt, will ich euch heute die Geschichte, die mit dem alten rostigen Riegel zusammenhängt, erzählen, so wie sie John Dolland uns selbst erzählte.»
Der Alte schlurfte zu seinem hochlehnigen Sorgenstuhl, nahm umständlich eine Prise, nieste zweimal, wie es bei ihm alter Brauch, und dann begann er seine Geschichte.
«Damals, als John Dolland der Taucher zu uns kam, war ich selbst noch ein Bub. Mein Vater hatte ihn auf einer langen Seereise, die ihn als Arzt bis herunter nach Südafrika geführt, kennengelernt. Zu jener Zeit gab es noch keine Eisenbahnen und kein Dampfschiff und all das andere Teufelszeug, mit dem sich der moderne Mensch herumärgern muß, und allein die großen Segelschiffe fuhren nach fernen Ländern. – John Dolland war ein echter rechter Seemann nach altem Schlag. Groß und breit und wetterhart. Blaue Augen saßen in dem braunen Gesicht, und im linken Ohrläppchen trug er einen Goldring. Das war ein alter Brauch.
Drei Tage und Nächte wohnte er in unserem Hause und erzählte mit meinem Vater von alten Seefahrten. Und eines Abends, als der Regen rauschte und der Wind durch die Schlüssellöcher winselte, als die gute Mutter bei uns saß und strickte, die Männer einen heißen Grog tranken, zog der Taucher den alten Eisenriegel hervor und wickelte sein Garn ab, wie die Seeleute sagen, wenn sie eine Geschichte erzählen.
„Herr Doktor,“ sagte er, „ich habe Ihnen gestern versprochen, mein Erlebnis mit der ‚Isabella‘ zu erzählen. Heut, so kalkuliere ich, ist der rechte Augenblick dazu, und so will ich das Ding abrollen. Also das war im Jahr 1822, und ich trieb damals so zwischen Gibraltar und den Kap-Verdeschen Inseln mein Handwerk. Das war eine vielbefahrene Wasserstraße, und manches gute Schiff kam bei den Azoren, bei Madeira, den Kanarischen Inseln oder den Kap-Verden auf Grund, und ein guter Taucher konnte da immer einen Beutel Silberlinge verdienen. Eines Abends, ich arbeitete gerade im Hafen von Funchal auf der schönen Insel Madeira, wo unter Wasser an den Hafenanlagen große Ausbesserungen nötig waren, kam ein Bote zu mir, den der alte berühmte Tauchermeister Cook gesandt hatte. – Ein großer Segler, der von Lissabon, der Hauptstadt Portugals, nach hier unterwegs war, sei draußen auf See, nordöstlich von Porto Santo in der Nacht untergegangen, und der alte Cook wolle mit mir über die Sache sprechen.
Ich saß mit meinen Kameraden bei einem guten Schluck Portwein in der uralten verräucherten Taverne ‚La Paloma‘; wir spielten Karten und rauchten, daß die alte Ölfunzel an der Decke kaum noch durchdringen konnte. „Kinder,“ sagte ich zu meinen Kumpanen, „der Mensch kann nicht mehr als ein ehrliches Stück Arbeit tun, und dann hat er seinen Schluck Wein und seine Pfeife Tabak verdient; Wenn der alte Wassermolch glaubt, daß ich zu dem weggesackten Kasten vor Porto Santo heruntersteige, dann hat er falsche Segel gesetzt. – Sagt ihm das, Jüngling, und laßt Euch auf meine Kosten eine Pinte Roten vom Wirte geben.“
Der Bote tat so, und ging wieder mit starker Schlagseite unter Segel.
Als wir noch so ein Stündchen gespielt hatten, ging plötzlich die Tür auf, und aus dem dichten Tabakrauch tauchte Oll Cook auf, rund wie ein Oxhoft Wein.
„Jungens,“ sagte er, „ich denke, wenn der Berg nicht zu Sankt Peter kommt, dann kommt Sankt Peter zum Berg.“ Und damit ließ er sich schnaufend an dem breiten Eichentisch nieder.
„Wirt,“ schrie ich, „einen großen Humpen, einen ganz großen Humpen vom Allerbesten für Seine Eminenz Oll Cook, die bravste Teerjacke zwischen den Wendekreisen.“