Da saßen wir denn und pokulierten und schmokten, daß einer den andern nicht mehr sah, aber so gegen Mitternacht meinte der alte Wassermolch plötzlich ganz ruhig: „So, und morgen früh fahren wir mit dem Taucherschiff raus und John Dolland sieht nach der gesunkenen ‚Isabella‘. Sie liegt bei dreißig Faden[3] tief, und wenn John Dolland nicht heruntergeht, ein anderer kann’s schon gar nicht; höchstens Nils Nielsen, aber der fühlt sich seit Tagen nicht so recht wohl, sein Magen, sagt er, muß kalfatert[4] werden.“
„Dreißig Faden,“ sagte ich, „das ist ein hübsches Ende. Da kann einem die Puste bei wegbleiben. Da hab ich aber auch kein Quentchen Lust zu! Was ist es denn mit diesem Kasten von ‚Isabella‘? Hatte er Goldbarren geladen?“
„Jung,“ antwortete die alte Wasserratte, „hast du je erlebt, daß der alte Cook einem ehrlichen Christenmenschen ein Stück schwierige Arbeit andreht, wenn nicht auch eine anständige Seemannsmütze voll Zechinen dabei zu verdienen ist? Aber es kömmt noch was anderes bei in Betracht, und eine Extra-Belohnung von der portugiesischen Regierung!“
„Dunner Hagel, Oll Cook, dat ist ja eine ganz Handvoll!“
„Tja, dat is es auch. Und nun seid man still und hört genau zu, wie die Sache liegt. Also die ‚Isabella‘ kam von Lissabon, und an Bord war ein ganz hohes Tier von der Regierung, ein Gesandter oder so was, und er hatte wichtige Papiere bei sich, an den Gouverneur dieser Insel. Auch Waffen und Pulver für die Hafenkanonen waren an Bord. Es muß irgend ein Unglück damit geschehen sein, eine Explosion, denn sonst hätte das gute Schiff in der ruhigen und windstillen Nacht nicht plötzlich und schnell sinken können. Der Leuchtturmwächter bei Porto Santo hat auch draußen im Meer in der Nacht einen grellen Lichtschein und einen starken Knall wahrgenommen. Das hängt wohl mit dem Unglück zusammen. Die portugiesische Regierung zahlt einen hohen Preis für die Papiere. Ihr Vertreter war heut bei mir und hat mich gebeten, für einen zuverlässigen Taucher zu sorgen, und ich sagte ihm, daß dreißig Faden für einen Christenmenschen mit einem gewöhnlichen Herzen und Lungen, die nicht aus Büffelleder sind, zu viel wären. Ich kenne nur einen, der es versuchen könnte, und das ist John Dolland, aus dem der Herrgott eigentlich einen Zugochsen machen wollte und sich im Teig und in den Knochen vergriffen hat!“
„Einen Schluck zu Ehren Oll Cooks,“ sagten lachend meine Freunde, „das ist ein wahres Wort!“
Ich war immer noch im Zweifel, ob ich das schwierige Stück Arbeit übernehmen sollte, aber da rückte der schlaue Fuchs noch mit einer neuen Geschichte heraus.
„Früher, als ich noch ein junger Kerl war, Maate, habe ich manches ähnliche Stück vollführt, und da waren die Taucheranzüge und die Luftpumpen noch nicht so gut wie heut, aber jetzt kann ich das nicht mehr. Indessen, beinahe würde ich es dennoch wagen, denn es befand sich an Bord der ‚Isabella‘ auch noch eine junge Frau, die ihre beiden Kinder von hier nach Spanien herüberholen wollte, in die Heimat. Ihr Gatte, ein Offizier, bei dem die Kinder hier lebten, starb vor kurzem. Nun ist auch sie mit dem Schiff zugrunde gegangen, und die armen Waisen standen den ganzen Tag am Leuchtturm und starrten weinend hinaus auf die See, die ihnen die Mutter nahm. Wahrscheinlich hat die Frau ihr Barvermögen bei sich. Auch das könnte man retten, und es wäre eine gute Tat, denn welcher Seemann hülfe Kindern nicht, die das nasse Element so schwer geschlagen!“
„Oll Cook,“ sagte ich, „Ihr sprecht wie ein Advokat und würdet eine verlorene Seele aus dem Fegefeuer herausreden. Also gut! Die Kinder sollen sehen, daß ein Seemann noch mehr kann als Grog und Portwein trinken. So will ich also herunter zur ‚Isabella‘, aber nur unter einer Bedingung, nämlich daß Ihr selbst auf dem Taucherschiff alle Arbeiten leitet, denn wenn nicht alles bis aufs I-Tüpfelchen seine Ordnung hat, riskiert man Kopf und Kragen bei dem Geschäft!“
„Selbstverständlich, Maat!“ rief der Alte freudig und hieb mir mit seiner noch immer eisenfesten Pranke kräftig auf die Schulter. „Und nun, Jungens, schnell noch ein paar Augen voll Schlaf, denn morgen früh bei Sonnenaufgang geht’s hinaus auf die See.“