Da trollten wir denn von dannen. Draußen war es dunkel und etwas neblig, aber die Kupfernase des alten Cook leuchtete wie eine Backbordlaterne durch die Finsternis.»
Doktor Ulebuhle unterbrach hier seine Erzählung, um sich eine frische Pfeife zu stopfen, und die alte Christine brachte Tee für uns Kinder und einen guten Abendtrunk für ihren Herrn. Dann stocherte sie noch ein wenig im Kamin herum und schlurfte wieder davon.
«So ein Taucher hat ein gefahrvolles Handwerk, Kinder,» hub der Alte wieder an. «Es ist keine Kleinigkeit, auf den Boden des Meeres hinabzusteigen, und das ist überhaupt nur für eine ganz geringe Tiefe möglich, so etwa bis auf rund sechzig bis siebzig Meter. Damals, als John Dolland tauchte, war das noch ein großes Wagnis, und man begreift, daß er keine Lust verspürte, das dreißig Faden, also fünfundfünfzig Meter tief liegende Schiff aufzusuchen.
Was aber ist es, das die Arbeit unter Wasser so schwierig macht? Nun, es ist der Druck der Wassermassen auf den menschlichen Körper! Seht, wir alle leben ja eigentlich auf dem Grunde eines Meeres, nämlich des Luftmeeres, und da die Luft viele Kilometer hoch emporreicht, so drückt sie auch auf uns, und wir könnten uns viel leichter bewegen, wenn der Raum um uns luftleer wäre, wie es auf dem Monde der Fall ist.
Das Wasser aber ist fast achthundertmal schwerer als die Luft, was ihr ja alle merkt, wenn ihr mit dem leeren Eimer, in dem nur Luft ist, nach dem Brunnen geht, und mit dem gefüllten Eimer zurückkommt. Steigt der Taucher nun ins Meer hinab, so drückt die Wassermasse mit immer größerer Wucht auf ihn, je tiefer er geht. Dieser Druck aber wirkt auf den menschlichen Körper, der eben nicht für das Meer, sondern für die Erdoberfläche gebaut ist, schädlich ein. Herz und Lungen werden in ihrer Tätigkeit sehr gestört. Bei alten Tauchern findet man zudem häufig Blindheit, fast immer aber Taubheit und allerlei Herzkrankheiten.
Läßt man eine leere Blechbüchse tief herab auf den Meeresgrund und zieht sie dann wieder herauf, so ist sie zusammengedrückt, und eine Kugel aus Kork wird fast so flach wie ein Taler. Aber das ist freilich erst in mehreren tausend Metern Tiefe möglich. Ja, ihr Buben, so tief ist das Meer. An manchen Stellen, bei den Japanischen Inseln, ist es neuntausend Meter tief, und wenn man da den höchsten Berg der Erde hineinstellen würde, der in Asien liegt und Gaurisankar heißt, dann guckte er nicht einmal mehr mit der Nasenspitze heraus, denn er ist nur achttausendachthundertvierzig Meter hoch.
Nun denkt einmal an, daß die Taucher noch nicht einmal hundert Meter tief heruntersteigen können. Wie wenige Schiffe, die gesunken sind, liegen in so flachem Wasser! Auf ewig bleiben also die versunkenen Menschen und Schätze in diesen Tiefen unseren Augen verborgen. Sie liegen in der grausigen Finsternis da unten, wo ewiges Schweigen herrscht, denn weder das Sonnenlicht noch der Wellenschlag dringen hinab auf den Grund des Ozeans.
Aber nun will ich euch weiter berichten, was John Dolland der Taucher erzählte!
„Am andern Morgen, bei Sonnenaufgang,“ so sagte er, „waren wir alle auf dem Taucherschiff versammelt. Der alte Cook, mein Kamerad Nils Nielsen, der Beamte der portugiesischen Regierung, der sogar ein Bild von dem ertrunkenen Gesandten mitgebracht hatte und alle Leute, die dienstlich bei der Taucharbeit zu tun hatten. Als wir eben nach Porto Santo hinausfahren wollten, kam noch eine fromme Schwester mit den beiden Kindern, deren Mutter mit der ‚Isabella‘ in die Tiefe ging, denn da nirgendwo ein Rettungsboot angekommen war, mußte man annehmen, daß das Unglück nächtlicherweile und urplötzlich erfolgt sei und niemand ihm entgangen war.
„Hier, ihr Kinder,“ rief der alte Cook, „seht ihr den Mann, der hinabsteigen will zu eurer ertrunkenen Mutter! Er wird euch mit heraufbringen, was sie an Gütern bei sich trug. Wünscht ihm Glück und Gottes Schutz. Er ist ein tapferer Mann, und hauptsächlich um euch zu nützen, wird er tauchen!“