Die weinenden Kleinen flüsterten kaum hörbar ihre Bitten. Die fromme Schwester schlug ein Kreuz und betete für gutes Gelingen, und dann gingen wir unter Segel und verließen die Bucht von Funchal.
Wir wendeten nach Norden. Noch war es frisch; ein leichter Dunst lag auf dem Wasser, aus dem in der Ferne da und dort, wie weiße Schmetterlinge, ein paar Segler auftauchten. Ein schwacher Wind nur strich über das blaue, fast glatte Meer; zum Tauchen ein vortreffliches Wetter.
Bei Porto Santo kam der Leuchtturmwärter zu uns an Bord, um die Stelle zu zeigen, bei der etwa die ‚Isabella‘ gesunken sein mußte. Bald hatten wir diese dem Lande nahe Gegend erreicht. Wir ließen einen Anker bis fast zum Meeresgrunde herab und fuhren nun ganz langsam kreuz und quer, bis nach etwa einstündigem Suchen der Anker faßte. Wir zogen ihn empor und umfuhren das Hindernis von allen Seiten, immer wieder mit dem Anker seine Lage prüfend. Kein Zweifel, hier lag ein gesunkenes Schiff. Einmal saß der Anker fest, und als wir ihn losrissen und emporwanden, hing Takelwerk zwischen seinen Klauen. So hatten wir also die ‚Isabella‘ aufgefunden, schneller als wir erwartet hatten. Das Taucherschiff wurde nun mit mehreren Ankern festgelegt, und jetzt begannen die Vorbereitungen, die Oll Cook, der erprobte Tauchermeister, mit gewissenhafter Sorgfalt leitete.
Wir Taucher da drunten auf dem Meeresgrund sind ja mit Leib und Leben abhängig von der Luft, die uns von oben her durch den Schlauch zugepumpt wird. Geht der Schlauch entzwei oder die Luftpumpe, dann ist es mit der Herrlichkeit vorbei, wenn man nicht selber schnell nach oben kommt, was nicht immer möglich ist. Aber gottlob passiert es selten, daß die Apparate versagen. Die Druckpumpe, die mir die Luft zuführen sollte, wurde genau untersucht, zuverlässige Leute zu ihrer Bedienung wurden ausgewählt, und dann zog ich mir in aller Ruhe meinen Taucheranzug an, von Oll Cook unterstützt. Der Anzug war fast neu und vollkommen wasserdicht. Gummimanschetten schlossen ihn an den Hand- und Fußgelenken ab. Dann zog man mir die schweren Taucherstiefel an, mit den dicken Bleisohlen, die dafür sorgen, daß man im Wasser einen festen Stand hat und nicht umkippt wie ein leichtes Holzmännchen. Endlich kam die runde Kupferkugel des Helmes an die Reihe, die den Kopf umschließt. Sie wurde am kupfernen Halsring des Taucheranzuges festgeschraubt. Ein Gummistreifen schützte auch hier gegen das Eindringen des Wassers. Nun den Gürtel um, mit dem Dolchmesser, das gegen Haifische und andere gefährliche Burschen schützen kann, und wir sind soweit.
Oll Cook schraubte bereits den Luftschlauch, der von der Luftpumpe kommt, an meinem Helm fest, und Nielsen hatte schon das Verschlußstück des Helmes, mit dem dicken Glasfenster, in der Hand, um mich ganz von der Außenwelt abzuschließen, aber ich nahm noch einmal schnell meine geliebte alte Tabakspfeife, um einige Züge zu tun. „Nils,“ sagte ich, „alter Bursche, man kann nie wissen, was der Teufel mit einem vorhat, und ob man noch einmal einen Gipskopf voll Kanaster in die Luft paffen kann, und darum soll man’s beizeiten tun!“
„Richtig,“ sagte der alte Cook. „Das habe ich auch immer so gehalten, Maate. Und noch eins, mein Junge! Für die Schiffskasse und die Schiffspapiere bekommen wir einen ganz hübschen Batzen extra, der für jeden mindestens ein Stückfaß vom besten Rum und eine Klafterkiste voll Holländer Tabak ausmacht! Sieh zu, daß du den Krempel heraufbringst.“
Da trat auch der Portugiese heran, der bisher neugierig zugeschaut hatte, wie ich in meinen Wasseranzug schlüpfte. Er hatte ein viereckiges Glasstück, mit einer seidenen Schnur daran, in das eine Auge geklemmt und trug einen hohen Zylinderhut, der uns Teerjacken ringsum sehr komisch vorkam. „Seht noch einmal das Bild des Senor Cabrella an, Meister Dolland. Tausend Peseten in Gold zahlt meine Regierung für die Papiere, die er bei sich trug. Geht ans Werk und die heilige Jungfrau sei mit Euch!“
Ich nickte und versprach zu tun, was sich ermöglichen ließ. Tausend Peseten – hörte ich Oll Cook brummen. Und sicher berechnete er im Kopfe, wieviel Stückfässer Rum man dafür kaufen könne, denn sein roter Riechhaken schnupperte verdächtig in der Luft herum.
„Fertig!“ rief ich.