Man schraubte das Helmfenster zu. Die Männer an der Luftpumpe traten in Tätigkeit, Cook befestigte die Signalleine, mit der der Taucher durch ein- oder mehrmaliges Ziehen von unten sein Zeichen gibt, an meinem Gürtel, und dann schlurfte ich mit meinen schweren Bleischuhen der Strickleiter zu, die über Bord hing.

Das Letzte, was ich sah, war der Zylinderhut des Mannes mit dem Glasscherben im Auge, dann war ich unter Wasser, und Kühle drang zu mir. Am Ende der Strickleiter ergriff ich das Seil und zog kräftig daran. Da ließ man mich an ihm langsam und vorsichtig hinab, tiefer und tiefer. – Um mich war die grünliche, klare Flut. Über mir, der dunkle Schatten, war der Boden des Taucherschiffes.

Ganz langsam glitt ich tiefer und tiefer, hin und wieder hing ich mal eine Weile unbeweglich am gleichen Ort, denn es ist von großer Wichtigkeit, daß der Taucher seinem Herzen und seinen Lungen Zeit gibt, sich an den veränderten Wasserdruck zu gewöhnen, ehe er in immer größere Tiefen hinuntertaucht. Das Wasser war von gläserner Durchsichtigkeit, und weithin konnte ich kleine, zierliche Fischchen blinken sehen. Unter mir gewahrte ich nach einiger Zeit auf gelblichem Grunde undeutlich eine verschwommene dunkle Masse; offenbar war es das gesunkene Schiff, doch war ich noch nicht tief genug, um Einzelheiten zu erkennen.

Ich glitt, immer wieder meine Fahrt unterbrechend, tiefer und tiefer hinab, und langsam wurde es dunkler um mich her. Selbst in sehr klarem Wasser ist es in dreißig Metern Tiefe am hellen Mittag schon schummrig, wie droben auf dem festen Lande zur Zeit der Abenddämmerung, und nun gar dreißig Faden oder fünfundfünfzig Meter tief kann man nicht mehr viel sehen, denn soweit dringt das Sonnenlicht nur in günstigsten Fällen. Hier aber lag heller Sand am Grunde, und er war bedeckt mit Millionen silbrig schimmernden Muscheln und Muschelsplittern, und so ging es einigermaßen. Außerdem sind wir Taucher an das Arbeiten bei dieser Beleuchtung gewöhnt und sehen, wie die Maulwürfe, fast noch im Dunkeln.

Nicht überall ist der Meeresgrund so günstig. Ich tauchte an Stellen, wo er mit einem zähen Schlamm bedeckt war, in dem man leicht versank. Das war freilich an der englischen Küste, in der Nähe der Einmündung eines großen Flusses, der viel Sand und Schlamm am Grunde ablagert. An anderen Orten wieder sah der Boden wie ein wilder Wald aus, bedeckt mit einem Gewirr von Schlingpflanzen, worin man sich fortwährend verhedderte und aller paar Minuten auf der Nase lag. Dann aber gibt es auch Stellen, da ist es bergig. Es geht auf und ab, Schluchten und Felswände stehen da, oder Korallenriffe steigen aus der finsteren Tiefe auf.

Der alte Cook machte seine Sache wirklich vorsichtig! Nach acht Minuten berührte mein Fuß den Grund. Ich gab durch Ziehen an der Leine Nachricht, daß ich drunten angekommen.

Zwanzig Schritt von mir entfernt hob sich vom Grunde die dunkle Masse der ‚Isabella‘ ab. Sie lag schräg gegen eine Sandwelle, ihre Masten ragten gespenstisch aufwärts, und Segel und Tauwerk hingen in abenteuerlichen Formen hernieder. – Unten bist du nun, alter Knabe, sagte ich zu mir, jetzt nimm dich zusammen, daß du auch wieder gut nach oben kommst. Eile mit Weile. Abrackern darf man sich in solcher Tiefe nicht, sonst ist man in fünf Minuten so erschöpft, daß man schleunigst das Aufzugsignal geben muß, wenn man nicht ein schlimmes Ende nehmen will. Langsam und bedächtig kletterte ich an über Bord hängendem Tauwerk hinauf auf Deck. An zwei Stellen sah ich Seeleute liegen, aber ich hielt mich nicht auf, denn zu helfen war den armen Teufeln ja nicht mehr, und hier unten sind die Minuten kostbar. Eine Viertelstunde konnte ich es wohl aushalten, aber was sollte in dieser Zeit alles geschehen!

Hier oben war weder etwas vom Kapitän noch von dem Gesandten noch von der Mutter jener Waisen zu sehen. Sicher befanden sie sich unter Deck. Vorsichtig, immer meinen Luftschlauch und meine Signalleine vor Verwicklungen mit dem Segelwerk schützend, wandte ich mich zu der Treppe, die hinabführt zum Schiffsinnern, zu den Kajüten. Aber da war nicht durchzukommen. Die ‚Isabella‘ war ein alter, unmoderner Kasten. Die Tür am Ende der Treppe war durch einige Fässer und Balken, die im Augenblick des Sinkens ins Rollen gekommen waren und sich vor die Tür gelegt hatten, gesperrt. Bald entdeckte ich aber einen zweiten Eingang, eine einfache Öffnung, die mit einer Falltür zu verschließen war. Eine steile Stiege führte hinunter, und ich kroch vorsichtig hinein.

Es war stockdunkel da unten. Ganz allmählich gewöhnte sich mein Auge an das schwache Licht, das durch die mit dicken Glasplatten bedeckten Bullaugen, den Oberlichtfenstern und Seitenfenstern, hineindrang. Gleich am Ende des schmalen Ganges lag die Kajüte des Kapitäns. Er selbst war nirgends zu sehen. Aber der eiserne Kasten unter dem Kartentisch enthielt sicher Schiffspapiere und Schiffskasse. Ich beschloß, erst einmal dieses eiserne Ungetüm nach oben zu bringen. Droben auf dem festen Lande hätten zwei starke Männer ihre ganze Kraft nötig gehabt, das schwere Ding zu bewegen, aber unter Wasser sind alle Gegenstände viel leichter. Es ist, als ob das Wasser den eingedrungenen Fremdling wieder nach oben drücken will, und dieser Druck bewirkt, daß wir ihn weitaus leichter halten und emporheben können. – So schleifte ich denn den großen Kasten bis zur Luke und bugsierte ihn die steile Stiege hinauf. Endlich stand er oben, und ich gab das Signal, ein Seil herabzulassen. Nach einer Minute schwebte es, mit Eisenstücken beschwert, nahe bei mir. Die Kiste wurde befestigt, ein Zug am Tau, und langsam wurde die kostbare Last von den Kameraden droben emporgewunden. Sie entschwand meinen Augen im grünlichen Schimmer über mir.