Ich hatte mich inzwischen derart an das geringe Licht gewöhnt, daß ich deutlich das Leben des Meeres um mich her wahrnahm. In allerlei wunderlichen Formen schwammen seltsame Geschöpfe an mir vorüber. Manche standen wie lauschend still zwischen dem Takelwerk des gesunkenen Schiffes. Da zog lautlos ein Pelikan-Weitmaul heran, ein mißgestalteter Geselle, wohl einen halben Meter lang und nicht unähnlich einem großen Schöpflöffel, denn der ganze Bursche besteht fast nur aus einem Riesenmaul. Er war schwarz wie eine Katze und blickte blöde meinen kupfernen Helm an, bis er, sicherlich verwundert über das seltsame Wesen, das er hier traf, langsam in der Ferne verschwand. Liebliche, in allen Farben schillernde Seerosen und Medusen kamen angeschwommen, fast durchsichtig war ihr zarter Leib, und mit ihren zarten Armen flatterten sie hin und her, griffen nach unsichtbaren Dingen. Wie Spielzeuge aus Glas waren sie anzuschauen, bunt und zerbrechlich. Riesige Seesterne, mit fünf langen Armen glitten lautlos vorüber, gräßliche Tiefseekrebse mit starren Stielaugen, mit einem Gewirr von Beinen, Hörnchen, Fühlern folgten ihnen. Eine Seespinne stelzte unbeholfen auf hohen Beinen neben mir vorüber, ein Schwarm kleiner, silbern blinkender Fischlein spielte um mich her, wie Mücken um die Weide am Bach. Und wieder ein gräulicher Bursche! Ein Melancetus, ein Schlammbewohner, wie ein unförmiger Beutel anzuschauen. Vorn am Kopf trug er einen langen dünnen Fühler, wie der Zirkusklown eine Pfauenfeder balanziert. Das riesige Maul war angefüllt mit spitzen Zähnen. Er jagte einer Schar winziger Krebschen nach, die vor dem gefräßigen Beutel, der sie schlucken wollte, zu entkommen suchten. Auch leuchtende Tiefseebewohner, die in mattem, gelbgrünem Licht schimmerten wie alte Phosphorzündhölzer, sah man dann und wann. Es kribbelte und krabbelte um mich herum in seltsam abenteuerlichen Formen und Farben. Zerrbilder der Natur glitten vorüber und wundervolle Gebilde, die wie bunte Blumen anzuschauen waren.

Aber einen Augenblick nur wandte ich meine Aufmerksamkeit auf das Schauspiel, meine Zeit war knapp. Ich stieg wieder zur Luke hinein, glitt aber plötzlich auf der steilen Hühnerleiter aus und riß ein wenig an dem Seil. Da gab es plötzlich über mir einen dumpfen Ton, es wurde noch etwas dunkler, und erschreckt nach oben blickend sehe ich, wie die Falltür zugeschlagen ist. – Mein Herz pocht gewaltig, eine Hitzewelle und ein Kältestrom schießt durch meinen Körper, jeden Augenblick glaube ich, daß die Luftzufuhr unterbrochen wird, denn offenbar hat die zugefallene Klappe den Schlauch zugeklemmt. Ich haste die Treppe wieder hinauf, stemme mich mit aller Kraft gegen die Klappe, immer und immer wieder, aber sie wankt nicht. Es ist, als säße der Teufel oben drauf. Indessen, nach wie vor funktioniert die Luftzufuhr. Wie ich näher hinschaue, sehe ich, daß ein eiserner Riegel das vollkommene Zuschlagen der Falltür verhindert hat. Es ist noch eine daumendicke Spalte offen, und so ist der Luftschlauch vor dem Zusammendrücken bewahrt geblieben. Wäre es anders, ich müßte elend ersticken, aber so lebe ich in meinem unterseeischen Gefängnis und kann auf Rettung hoffen. Freilich, die Signalleine sitzt fest. Sie muß bei meinem Ausgleiten die Tür niedergerissen haben. Zeichen nach oben kann ich nun nicht mehr geben und bin ganz abhängig von der Aufmerksamkeit der Kameraden droben. Eine verteufelte und sehr ungemütliche Geschichte, denn lange kann ich es nicht mehr aushalten unter Wasser. Ein Pochen in den Schläfen, ein Summen im Ohr zeigt bereits an, daß der Körper dem Wasserdruck nicht gewachsen ist. – – – –

Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «in Erinnerung an diese gefahrvolle Lage fand es der Taucher für nötig, sich ein neues Glas Grog zu mischen. Er machte ihn sehr nördlich, will sagen mit wenig Zucker und Wasser und viel Rum. Ich aber war damals noch ein kleiner Tunichtgut wie jetzt ihr und saß dabei und sperrte vor Erwartung den Mund so weit auf wie der Hannes da drüben, der aussieht, als wollte er sich die Ohren abbeißen. Der Taucher stopfte umständlich eine frische Pfeife, und hätte, in Gedanken versunken, beinahe in die Stube gespuckt, besann sich aber noch rechtzeitig, daß er nicht an Bord war, und erzählte weiter:

„Manches Gefährliche habe ich vorher erlebt und auch manches nachher, aber das war doch der bitterste Augenblick meines Lebens. Ich starrte lange den Eisenriegel an, meinen Lebensretter, und beschloß, ihn – wenn ich wieder herauskommen sollte aus der üblen Lage – abzuschlagen und mitzunehmen. Es konnte lange dauern, bis die Leute oben merkten, daß etwas nicht in Ordnung war, und schließlich war es fraglich, ob Nils Nielsen, der einzige, der es wagen durfte so tief zu tauchen, mich befreien konnte. Allerlei traurige Bilder stiegen vor meiner Phantasie auf. Ich erinnerte mich verschiedener Kollegen, die elend durch ähnliche Begebenheiten umgekommen waren. Da hatte sich der eine mit dem Kopf in eine Tauschlinge verwickelt, und als seine Kameraden ihn hochzogen, schnürten sie ihm die Luft ab, so daß er erstickte. Viel später erst merkte man oben, daß der Mann da drunten offenbar nicht mehr am Leben war, und ein zweiter Taucher brachte ihn tot nach oben.

Indessen, langsam fand ich mich in meine Lage. Wie Gott will, sagte ich mir. Und um die Zeit wenigstens nützlich auszufüllen, ging ich wieder an die Arbeit. Ich schnitt das Signalseil, das mich an der Falltür festband, durch und eilte in die Kajüten. In der dritten bereits fand ich die Mutter, die ihre Kinder zu sich holen wollte. Angekleidet lag sie, von den hereinbrechenden Wassern überrascht, an der Tür, eine Tasche, offenbar mit ihren wichtigsten Habseligkeiten, fest an sich drückend. Auch im Tode noch war ihr Gesicht freundlich, aber ein Zug von unendlicher Traurigkeit lag darauf, die Trauer um ihre Kinder. Auf dem Tisch fand ich ein Tagebuch. Reiseeindrücke und Betrachtungen über ihre Kinder hatte die Mutter da niedergeschrieben. Auf der letzten, aufgeschlagenen Seite aber stand; wenige Stunden vor ihrem Tode, angesichts des nahen Landes niedergeschrieben, ein kleines Gedicht:

Verglüht ist nun im Westen der Sonne letztes Gold,

Horch, wie an ferner Küste der Schlag der Wogen grollt!

Es schmiegt sich in die Segel ein warmer, sanfter Süd,

Und stiller Abendfrieden hin durch den Dämmer zieht.

Wenn nun der junge Morgen umspielet unsren Kiel,