Vor uns im Schmuck der Wälder liegt unsrer Sehnsucht Ziel;

Laßt flattern dann im Winde der Segel blankes Weiß,

Der Anker falle nieder, dem Herrn sei Lob und Preis!

Es wurde mir beim Anblick der Zeilen weh ums Herz, und meine eigene trübe Lage kam mir doppelt zum Bewußtsein. Die Mutter hatte den so nahen Hafen nicht erreicht. Wer wußte, ob auch ich ihn wiedersehen würde!

Plötzlich wurde ich aufgeschreckt! Was war das?! Laute Glockenschläge tönten an mein Ohr, und dann schnarrte etwas, und dröhnende Musik erfüllte den Raum. Ich war so entsetzt, daß ich alles um mich her vergaß und wie besessen hinausstürzte in den Gang, der Treppe zu. Allmählich kam ich wieder zum Bewußtsein. Eine lustige Tanzweise schallte noch immer laut zu mir herüber. Plötzlich schnarrte es wieder, und die Totenstille im versunkenen Schiff, die dem Lärm folgte, war nicht minder unheimlich. Ich lief zurück. Alter Junge, sagte ich mir, alles in der Welt geht natürlich zu. Es lebt hier außer dir niemand mehr, und ein Geisterkonzert kann es nicht gewesen sein. Ich blickte mich in der Damenkajüte um und entdeckte schnell über der Tür den Grund meines Schreckens. Da hing eine große Spieluhr, die noch ging und alle Stunden ein Stücklein zum Besten gab. Nun muß man wissen, daß das Wasser den Schall vielmals kräftiger und besser weiterleitet als die Luft. Da das ganze Schiff mit Wasser angefüllt war, so war die Schallwirkung inmitten der lautlosen Stille derart gewaltig, um so mehr, als kein Mensch hier Musik erwarten konnte, daß mich vor Schreck fast der Schlag getroffen hätte. Heute lache ich über die verrückte Geschichte, aber damals dachte ich, die Hölle wäre hinter mir her! Als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, ergriff ich das Tagebuch der Ertrunkenen, nahm ihre Reisetasche an mich und begab mich zur Treppe zurück, denn mir war fürchterlich elend zumute. Ich spürte es deutlich, meine Zeit hier unten war abgelaufen. Mein Schädel brummte wie eine Baßgeige, Blut sickerte mir aus der Nase, die Glieder wurden schwer. Ich ließ mich auf der Stiege nieder, nahe daran ohnmächtig zu werden. Alles um mich herum erschien in verschwimmendem, grünlichem Licht, es wallte und wogte wie ein Meer von wogenden grünen Halmen und Büscheln, und dazu summte eine sonderbare, klagende Melodie eintönig an mein Ohr. Es war nichts weiter als die verbrauchte Luft, die in Bläschen zischend am Ablaßhahn meines Kupferhelmes austrat, aber mein Denken war so verwirrt, daß ich das alles nicht mehr richtig auseinanderzuhalten wußte.

Plötzlich war es mir, als erwache ich aus einem bleiernen Schlafe. Es pochte in dumpfen Schlägen über mir, und dann gab es einen ohrenbetäubenden Lärm, ein Krachen, als stürze ein Haus ein. Erst später begriff ich, was es war. Nils Nielsen war zu meiner Hilfe heruntergekommen. Er sah Luftschlauch und Signalleine in der Luke enden, sah die zugefallene schwere Klappe, über die sich beim Fallen noch ein schweres Eisenstück geschoben hatte, und begriff nun, weshalb ich gar keine Zeichen mehr nach oben gegeben hatte. Mit Mühe wälzte er die Hindernisse beiseite, warf im Wege liegendes Gerümpel fort, steckte eine Brechstange durch die Luke und vermochte sie so endlich zu öffnen. All diese Geräusche, durch die große Schallstärke unter Wasser hundertfach gesteigert, waren mir in halber Ohnmacht wie wildes Krachen erschienen.

Der gute Kamerad zog mich empor, befestigte das Aufzugtau an meinem Gürtel und gab das Signal, mich emporzuwinden. Die Tasche mit dem Eigentum der Kinder hielt ich mit starren Händen fest, als wollte sie mir jemand entreißen. Ich tat es unbewußt, aber es war in meinem müden Hirn wohl noch dieser letzte Gedanke, daß ich sie auf alle Fälle den Kindern bewahren müßte. – So wurde ich langsam, ganz langsam höher gezogen, im Wasser auf dem Rücken treibend, wie ein gefühlloser Sack.

Diese Langsamkeit des Emporwindens war wieder eine verständige Maßnahme des alten Meisters Cook, denn ebensowenig wie man zu schnell in die Tiefe gehen darf, immer stärkerem Wasserdruck entgegen, darf man das Gebiet des Druckes, auf den sich inzwischen die Organe des Körpers eingestellt haben, schnell verlassen. So mancher Tiefseetaucher hat solche Unbedachtheit schwer gebüßt! Es treten dann Lähmungen aller Organe ein, ja es dringen Luftbläschen in Herz und Adern ein und führen den Tod herbei.

Endlich aber war ich doch oben, man zog mich über Bord, schraubte den Helm ab, legte mich lang in der Sonne auf die Planken des Schiffes, und schnell wie die Schwäche über mich gekommen, verschwand sie wieder. Da schien die liebe Sonne wieder, ein warmer Wind strich daher, köstliche, reine Luft strömte in die Lungen und Seevögel umschwirrten kreischend das Schiff. Neben mir hockte Oll Cook, und der Mann mit dem Zylinderhut und der Fensterscheibe vor dem Auge stand dabei und schien darüber nachzudenken, daß das Tauchen im Meer doch keine ganz einfache Sache sein müsse.

„Jung!“ schrie Oll Cook und spuckte kunstvoll eine halbe Handvoll Kautabak über das Ankerspill hinweg, „wat in aller drei Deibel Namen machst du für verzwickte Geschichten. Dachten wir doch alle, der Haifisch habe John Dolland zum zweiten Frühstück auf der Speisekarte gehabt!“