„Habt Ihr die Papiere, Meister?“ fragte zögernd der Portugiese.

Ich schüttelte den Kopf und erzählte dann in kurzen Worten, was sich zugetragen. Die Schiffskasse war oben, die Habseligkeiten der Mutter waren gerettet, nur die vertrackten Papiere waren noch drunten. Da ließ der alte Tauchermeister schleunigst eine Schiefertafel hinab zum Grund, auf der die Worte standen: „Nielsen, sucht die Papiere des Portugiesen.“

Ein Zug an der Signalleine von unten gab Kunde, daß der Kamerad, der jetzt in dem versunkenen Kasten umherstöberte, die Weisung richtig empfangen.

Ich hockte noch immer in meinem Taucherkleide am Boden und ließ mich von der Sonne bescheinen. Ja, schon hatte ich wieder Appetit auf meine Tabakspfeife.

„Es war ein schweres Stück Arbeit, Jung,“ sagte der Alte, „und Ihr habt es zum größten Teil geleistet. Wäre die verdammte Klappe nicht zugefallen, sicher wären die Papiere jetzt in unseren Händen, aber der Deibel hält seine Krallen drauf, wie es scheint, und wenn der Eisenriegel nicht gewesen wäre, so wäret Ihr ein toter Mann und rauchtet jetzt Eure Gipspfeife droben bei den Engeln, kalkulier ich. Der alte Cook aber könnte gar nicht genug Rum auftreiben, um auf Eure ewige Seligkeit zu trinken.“ So schwatzte Oll Cook noch eine Weile in seiner lustigen Art, ich aber fing an ein wenig einzunicken bei dem dumpfen, eintönigen Geräusch der Luftpumpe, die unserem Nils Nielsen den Lebensodem auf dem Meeresgrunde in Gang erhielt.

Ich mochte etwa ein Viertelstündchen geträumt haben, als ich durch hastiges Laufen und erregte Stimmen aufgeweckt wurde. Ich hörte die Stimme des Tauchermeisters. „Der vermaledeite Dreideibel muß heut sein Spiel haben,“ schrie er, „ich wundere mich schon lange, daß Nielsen es da unten so tapfer aushält, aber da er gar keine Signale gibt, zieh ich endlich selbst dreimal am Seil, und nichts antwortet. Ich zieh noch einmal und noch einmal, doch kein Antwortzeichen kommt. Es muß Nielsen nicht gut gehen in dem vertrackten Kasten da unten, Maate! Ist es zu glauben, die beiden besten Taucher zwischen den Wendekreisen holt der Geier bei dieser Geschichte. Aber der alte Cook läßt seine Jungens nicht stecken, er wird seine alten Knochen selbst noch einmal in den Wasserfrack stecken, und wenn er dabei das Atmen vergißt. Reicht mir schleunigst den dritten und letzten Taucheranzug, Maate, schnell, schnell, sonst hat es keinen Zweck mehr!“

Aber schon sprang ich empor. „Cook,“ sagte ich, „laßt den Unfug sein. Ihr seid ein altes Uhrwerk und Eure Räder stehen still, ehe Ihr noch halb unten seid. Muß noch einer hinunter, so bin ich der Mann, denn Nils Nielsen sprang mir bei, und so ist es Seemannspflicht, ihm gleiches mit gleichem zu vergelten. Nur gut, daß ich das Gelump noch am Leibe habe. Den Helm her, und in einer Minute bin ich im Wasser.“

Die anderen stimmten mir bei. Oll Cook gefährde nur zwecklos sein Leben. Es sei sein sicherer Tod, und wenn John Dolland fühle, daß er wieder bei Kräften sei, so mag er’s wohl ein zweites Mal auf einige Minuten nur wagen. – Schon brachte man mir den Helm, ich nahm all meine Energie zusammen. Zwei Minuten später war ich bereits im Wasser und glitt, noch langsamer als das erstemal, in die Tiefe. Ich kam gut unten an, stieg an Bord, kletterte durch die Luke und fand Nils Nielsen zusammengesunken in einer Ecke des Ganges zu den Kabinen. Ich schüttelte ihn, er rührte sich nicht. Ob er ohnmächtig sei oder gar bereits ein toter Mann, konnte ich nicht erkennen. Mit großer Anstrengung schleppte ich ihn nach oben, ließ ihn emporziehen, wie er es mit mir vor kaum einer halben Stunde getan, denn nur droben in der frischen Luft konnte ihm Hilfe werden, wenn dem alten Kameraden solche noch nützen mochte. Sollte Nils Nielsen, der herabgestiegen war, um mir beizustehen, wirklich sein Leben verloren haben? Der Gedanke ließ mich nicht los und stimmte mich natürlich so traurig, daß ich kaum fähig war, noch das letzte Werk hier unten zu tun. Dennoch durchschritt ich eilig die Kajüten, denn ich gedachte nicht länger als zehn Minuten auf Grund zu verweilen, selbst wenn ich die Staatspapiere der Herren in Lissabon nicht nach oben bringen konnte. Und ich fand jenen Senor Cabrella in der Tat in der vornehmsten Kabine. Er lag zwischen Sessel und Stühlen, alles war umgestürzt in dem wilden Wirrwarr, da der Mann in der Dunkelheit von den hereinbrechenden Wassermassen aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich erkannte ihn nach dem Bilde, das man mir gezeigt. Auch trug er einen Ordensstern auf der Brust. – Nach längerem Suchen fand ich endlich eine dicke, versiegelte, schweinslederne Tasche in seinen Kleidern, die wohl jene Papiere enthielt. In der Tat hat man sie dann darin gefunden.

Ich hielt mich keine Minute länger auf, denn schon brauste es wieder in meinen Ohren. Ich stieg zur Luke hinaus, ergriff ein schweres Eisenstück, schlug damit den Riegel an der Falltür, der mir das Leben gerettet, los, und gab das Aufstiegsignal. – Langsam schwebte ich höher und höher, bis mein blanker Kupferhelm im Sonnenlicht der Meeresoberfläche glänzte.

Ich kletterte an Bord, man befreite mich von meiner Kleidung. Da lag der arme Nielsen als ein toter Mann in der Morgensonne auf den nassen Planken, von den Kameraden umgeben, die sich vergeblich abgemüht hatten, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Ein Herzschlag hatte ihn im dunklen Kajütengang des gesunkenen Seglers schnell und schmerzlos von allen Sorgen und Freuden der Zeitlichkeit befreit.