Was war zu tun! Der Seemann sieht den Tod oft an sich vorbeischreiten, und trifft seine Sense einen Kameraden, so zieht er seinen Ölhut, betet für das Seelenheil des Entschlafenen und gedenkt seiner noch lange, wenn er bei seiner Pfeife Tabak und seinem Grog von Wind und Wellen spricht und von alten Freunden, mit denen er so manches Mal gewirkt und fröhlich gezecht.

Das Meer ist grausam. Einmal fallen wir ihm alle zum Opfer, wenn wir nicht beizeiten unsere Gebeine auf dem Lande verstauen. Wir alle trauerten ehrlich um unsern Freund. Reiche Belohnung ward uns allen zuteil, und ich verwendete ein hübsches Sümmchen, um Nils Nielsen einen würdigen Grabstein zu setzen. Auf dem Friedhof zu Funchal, wo hohe Zypressen zum Wellenschlag des Meeres rauschen und die weißen Grabsteine weithin in der blendenden Sonne leuchten, schläft Nils Nielsen den langen Schlaf. Jene beiden Kinder, denen ich damals ihr Erbe aus dem gesunkenen Schiff heraufholte, und die noch einen guten Teil meiner Belohnung durch die portugiesische Regierung abbekamen, sind inzwischen große und verständige Menschen geworden. Noch heute schmücken sie am Jahrestage des Unterganges der ‚Isabella‘ das Grab des Tauchers, und auch mir haben sie ein treues Andenken bewahrt. Dann und wann kommt von da unten, wo die Sonne heißer ist und der Wein feuriger, eine Kiste herüber in die kalte, neblige Seestadt da oben an der deutschen Küste, wo ich nun hause, und allemal ist sie gefüllt mit einem Wein, der des alten John Dolland Herz wieder erwärmt. Dann fülle ich zwei Gläser, rücke zwei Sessel an den Tisch in meiner kleinen Stube und trinke und plaudere mit dem alten Nielsen, als ob er mir gegenüber säße!“

Damit schloß der Taucher seine Erzählung, und mein Vater stieß mit ihm an, und sie sprachen noch lange von Jugendtagen. Der eiserne Riegel aber blieb in unserem Hause. Nun habt ihr seine Geschichte gehört und wißt, warum ihn der alte Ulebuhle in seinem Raritätenkasten aufbewahrt. Menschenschicksale hängen daran. Ja, so ist es zuweilen mit den toten Dingen, Sie greifen ein in das Leben der Menschen, bringen Glück und Unglück, wie dieses rostige Eisenstück, für das der Lumpenmatz keinen Dreier zahlen würde!»

Das Herz und die Taschenuhr

«Seht,» sagte der alte Ulebuhle, «da lag ein reicher Mann auf seinem Sofa und hielt sein Mittagsschläfchen. Er hatte den Mund weit geöffnet und scharrte und rasselte wie ein Sägewerk. Sonst aber war es so still im Zimmer, daß man die Fliegen summen hören konnte. Sie tranken mit ihren kleinen Rüsseln von dem Weinrest, der im Glase stand, und machten sich über die Kuchenkrümchen her, die auf dem zarten Porzellantellerchen lagen. Ja, hier war es gut sein, aber deshalb tanzten sie dem Manne, bei dem sie ungeladen zu Gaste waren, dennoch auf der Nase herum, denn Undank ist der Welt Lohn.

Aber in der Brust und auf der Brust des Schläfers war es lebendig. Wenn man genau hinhörte, so hörte man es leise und geschwätzig wispern: „Ticktickticktick-Ticktickticktick,“ und von drinnen antwortete es dumpf und taktfest: „Poch-Poch-Poch-Poch!“ Die Taschenuhr war es und das Herz. Sie lagen dicht beieinander, und jedes tat seine Arbeit.

„Unser Herr schläft,“ sagte das Herz, „ich darf nicht schlafen, ich schlafe niemals, dann wenn ich einschlafen wollte, würde mein Herr nie wieder aufwachen!“

„Was machen Sie eigentlich da drinnen?“ fragte die Taschenuhr.

„Ich halte den ganzen Krempel in Schwung. Ich bin ein großes Pumpwerk und pumpe das Blut durch die Adern meines Herrn. Ja, das ist keine Kleinigkeit. Wenn ich auch nur eine Minute aussetzen wollte, dann könnte sich mein Herr begraben lassen. Seit fünfzig Jahren arbeite ich nun ununterbrochen, aber Dank hat man nicht davon. Sehen Sie, fünfzig Jahre, das sind achtzehntausendundzweihundertsechzig Tage oder mehr als vierhundertachtunddreißigtausend Stunden. Es sind also über sechsundzwanzig Millionen Minuten vergangen, seit mein Herr geboren wurde, und seitdem ich unablässig das Blut durch seinen Körper pumpe. Wenn Sie nun aufpassen, so werden Sie leicht zählen können, daß ich in jeder Minute siebzig Schläge mache, ich habe also in den fünfzig Jahren achtzehnhundertvierzigmillionenmal geschlagen, ohne auch nur einmal auszuruhen!“

„Ja, das ist wirklich ein Stück Arbeit, das sich sehen lassen kann,“ meinte die Uhr. „Das sind treue Dienste, und Ihr Herr müßte Sie fürstlich belohnen.“