„Ja, das ist alles die Elektrizität und die Telegraphie,“ meinte der Hölzerne, und man sah es ihm an, daß er stolz darauf war, ein Telegraphenbeamter zu sein.
„Ich flog über die Alpen hinweg,“ sagte die Schwalbe, „o wie glänzten die vereisten Gipfel, die mächtigen Schneefelder im Sonnenlicht. Die Felszinnen ragten hoch in den Himmel hinein. Ich sah einen Eisenbahnzug drunten am Fuße der Bergwände dahinkriechen, und dann kam etwas Seltsames! Aus der Höhe rollten mächtige Schneemassen zu Tal, wahre Berge von Schnee ballten sich zusammen und fuhren abwärts. Sie rissen Felstrümmer und Geröll mit sich und knickten die hohen Tannen unten in den Bergwäldern. Es war eine gefährliche Geschichte, und man hörte den Eisenbahnzug drunten ängstlich kreischen, und dann kamen die Schneemassen über die glitzernden Schienen des Bahnstranges, ja weicher Pulverschnee hüllte selbst den Zug ein, und da saß er nun fest im weißen Meer mit allen seinen Menschen, eingegraben im Schnee zwischen den hohen Felswänden. Ich hätte gern gesehen, wie sie die Sache nun wieder in Ordnung gebracht haben. Aber ich mußte weiter und flog nordwärts.“
„Siehst du,“ sagte der Telegraphenpfahl, „ich wußte schon alles, was du berichtest. Die ganze Geschichte ist schon längst hier durch die blanken Drähte geschnurrt, und heut abend lesen es die Leute in der großen Stadt, wenn sie in Schlafrock und Filzpantoffeln gemütlich auf dem Sofa sitzen und ihren Tee trinken, in der Zeitung, denn der Telegraph hat es gemeldet. Es war eine große Schneelawine, die du da in den Bergen niedergehen sahst, und eben kam die Nachricht durch, daß es noch viele Stunden dauern wird, bis der Schienenweg wieder frei ist und der Zug weiterfahren kann. Von allen Dörfern kommen die Menschen mit Schaufeln und Picken herbei, den Schnee fortzuräumen, ein ganzes Bataillon Soldaten kämpft gegen den Racker Schnee, aber nicht mit der Flinte, sondern mit der Schippe.“
„Ja, ja,“ zwitscherte das Schwälbchen, „seit die blanken Drähte durch die Welt gehen, können wir fliegenden Boten keine Neuigkeit mehr erzählen. Wir müssen nach den Urwäldern auswandern, denn da gibt es noch keine Telegraphendrähte, aber da sieht man auch nicht so viel Interessantes wie in der großen Welt, wo die Menschen wohnen.“
„Höre,“ sagte der alte Pfahl, „was alles mit Blitzesgeschwindigkeit hier hin und her schnurrt. Gutes und Böses, Lustiges und Trauriges. Da ist ein berühmter Mann gestorben, sagen die Drähte. Eine Minute später erzählen sie, daß irgend wo eine Mutter ein Kind geboren hat. Ein Schiff ist auf dem Meere untergegangen, schnurrt es. Ein armer Mann, der für seine Kinder kaum das Brot kaufen kann, hat plötzlich das große Los gewonnen. Trauer und Freude schnurrt hier entlang, und der Wanderer, der durch die stille Waldstraße zieht, sieht nur blanke Drähte und weiß nicht, was für wichtige Dinge sie über seinem Kopf hinweg erzählen. – Aber nun mußt du weiter berichten, vielleicht weißt du eine Neuigkeit, von der die Drähte nichts berichten.“
„Ich flog durch einen dunklen Wald. Ein einsames Haus stand darin. Ich ruhte einen Augenblick auf dem Giebel. Ein schlechter Mensch kam aus dem Walddunkel herangeschlichen, er sah unheimlich aus und trug eine Flinte unter dem Mantel verborgen. Er stieg durch ein Fenster. Nur eine Frau war in der kleinen Stube, die saß am Bette ihres Kindes und wartete, daß ihr Mann, der Waldhüter, heimkehre. Ich hörte sie ängstlich schreien, hörte, wie der Bösewicht sein Gewehr abschoß, und dann war es stille.
Nach einer Weile stieg er mit einem Bündel geraubten Gutes wieder aus dem Fenster heraus. Er sah sich scheu um, niemand hatte ihn gesehn, und er verschwand schnellen Schrittes im Dunkel der Tannen. Ich allein habe den Räuber gesehen, ich flog über ihn dahin und schrie unablässig: Pitt, komm mit, Pitt, komm mit, aber er entschwand im dichten Gehölz meinen Blicken und ist entkommen.“
„Nein, er ist nicht entkommen,“ sagte der alte Stamm, „aber er wäre entkommen, wenn die blanken Drähte des Telegraphen nicht durch die Welt zögen. Der Waldhüter war nicht mehr weit, er hatte den Schuß gehört. Sein Weib lebte noch und wird wieder genesen. Mit schwacher Stimme konnte sie erzählen, wie alles gewesen und wie der Räuber ausgesehen. Sie beschrieb sein wildes Gesicht und seine Kleidung. Auf seinem blinkenden Rade fuhr der Waldhüter wie ein Sturmwind nach dem nächsten Marktflecken und berichtete alles. Und nun kam der Telegraphist an die Reihe. Er schickte durch die Drähte Zeichen und Worte, erzählte die ganze Geschichte, beschrieb genau den Täter und was er entwendet, und die Drähte trugen die Nachricht mit Blitzesschnelle von einer Bahnstation zur anderen, von einer Stadt zur anderen, so daß bald jeder Landgendarm wußte, was sich zugetragen.
Ganz spät in der Nacht wollte der Räuber, der auf dichten Waldwegen weit hinweg geeilt war, auf einer kleinen Bahnstation in den Zug steigen, um in die große Stadt zu fahren, wo niemand ihn kannte. Aber da stand ein Mann mit einer Pickelhaube und einem mächtigen Schnauzbart. Seine scharfen Augen besahen sich jeden, der daherkam, und dann verglich er sein Aussehen mit der Beschreibung, die die Drähte von dem Bösewicht gegeben. Sieh, da kommt der Vogel geflogen, sagte er plötzlich, denn der Flüchtling hatte den kleinen Bahnhof betreten. Und ehe er sich nur zur Wehr setzen konnte, hatte man ihn gepackt, mit Ketten gefesselt, und als ein Gefangener fuhr er nun der großen Stadt zu, in der er seinen Raub verbergen wollte. Wären die Drähte nicht gewesen, er wäre entwischt, denn wer kann ohne sie überallhin so schnelle Nachricht geben!“
„Alter,“ sagte die Schwalbe, „mit dir kann man sich keine Neuigkeiten erzählen, denn du weißt sie alle am besten. Ich bin aber doch froh, daß sie den Bösewicht erwischten. Lebe wohl, alter Holzkopf, künftig werde ich mich in die Wipfel der alten Tanne setzen, sie weiß nichts von den blanken Drähten, und alles, was ich ihr berichte, ist neu und interessant.“