„Ich stehe hier schon zwanzig Jahre,“ sagte der Telegraphenpfahl, „und ich komme hier nicht weg. Ich bin ein alter getreuer Beamter. Es wäre eine schöne Geschichte, wenn die Telegraphenstangen auch so in der Luft herumfliegen wollten wie ihr Federvolk.“
„Ich komme von weit her,“ sagte die Schwalbe, „von dort, wo die Sonne wärmer scheint und der Himmel so tief blau ist wie die Kornblumen. Da liegen sonnige Küsten am Meer, Lorbeerhaine stehen am Ufer, goldgelbe Zitronen und Orangen hängen im dunklen Laub, und die Menschen sind fröhlich und singen lustige Lieder zur Laute. Ja, da ist es schön. Pitt, komm mit.“
„Ja,“ sagte der alte Pfahl, „das muß wohl schön sein. Unsereiner sieht von all dem nichts und tut hier oben seinen Dienst als alter Beamter. Wenn ich nicht Obacht gäbe auf die Drähte und ihnen den Willen ließe, dann gäbe es eine schöne Verwirrung in der Welt. Sie sind widerspenstig und zerren wie ein Fleischerhund, der an der Kette liegt, aber ich halte sie in Ordnung, denn Ordnung muß sein bei einem alten Beamten, der treu ist und pensionsberechtigt!“
„Aber es ist langweilig,“ zwitscherte das Schwälbchen und zupfte an seiner weißen Weste. „Ich komme durch die ganze Welt und höre viel Neuigkeiten. Wenn du willst, erzähle ich dir welche.“
„Ach Gott,“ meinte der Telegraphenpfahl, „Neuigkeiten kannst du mir nicht erzählen, die kommen hier alle durch meine Drähte, und da höre ich sie zuerst.“
„Aber die Dinge, die ich heute auf meiner Reise sah, die sind dir noch unbekannt, denn ich komme in eilendem Fluge herauf aus dem Süden, und was da geschah, das kannst du nicht wissen, alter Holzkopf!“
„So schnell kannst du gar nicht fliegen wie die Gedanken der Menschen hier in den Drähten, windiger Federball. Mit Blitzesschnelle sausen die Begebenheiten aus aller Welt hier an mir vorüber. Wenn man nicht aufpaßt wie ein Jagdhund, sind sie schon wieder hundert Meilen fort, ehe man noch recht verstanden hat, um was es sich handelt. Ja, die Menschen sind kluge Leute und haben es weit gebracht. Da braucht man nicht vom Ort, braucht keine weiten Reisen zu machen und hört doch alles, was in der Ferne, weit über Länder und Meere vor sich geht. Das kommt hier alles durch diese dünnen Drähte hindurch. Telegramme nennen es die Menschen. Ganz da in der Ferne, in der großen Stadt sitzen die Männer, die die ganze Geschichte machen. Da haben die Drähte in einem großen Hause ein Ende, und dieses Haus ist das Telegraphenamt. Da stellen sie in sonderbaren Gefäßen eine ganz schnurrige Sache her, eine unsichtbare Kraft, noch zarter wie der feinste Windhauch und doch mächtig und stark. Kommt man mit dem Finger an diese Geräte, dann gibt es einen Schlag und es ist, als bisse es einem in die Hand. Diese seltsame Kraft nennen die Menschen Elektrizität. Was aber das tollste ist, sie läuft schneller davon als der wildeste Sturmwind, schneller als die schnellsten Vögel fliegen, so schnell wie der Blitz, der ja auch von der Elektrizität fabriziert wird. Und mit dieser sonderbaren Kraft schicken die Menschen ihre Worte und Gedanken durch diese Drähte, so daß man sie am anderen Ende genau verstehen kann. Ja, so ist es, die Gedanken der Menschen schwirren auf elektrischen Flügeln durch diese Drähte. – Aber nun mußt du erzählen, was du auf deiner Reise erlebt hast.“
„Ich war da unten im Süden in den sonnigen Gärten. Schöne seltene Blumen dufteten. In einem Hain von alten Bäumen stand ein Schloß. Es war alles von Gold und Silber darin, und hohe Spiegel von Kristall deckten die Wände. Ein kranker König wohnte dort. Er saß im Hain bleich und elend in einem Sorgenstuhl. Seine Diener standen um ihn herum, viel Herren und Damen in kostbaren Gewändern. Alles war stumm. Die Sonne schien so warm, die Blumen dufteten so süß, die kleinen Vögel sangen so lieblich in den Zweigen, aber eine Träne rann dem König über die fahlen Wangen, denn er wußte, daß er sehr krank sei und sterben müsse. – Es war zu traurig, ich strich dicht über ihn hin und sagte: Pitt, komm mit. Er hörte es, denn er lächelte ein wenig und hob den Blick ... aber dann flog ich fort und weiß nicht, wie die Geschichte zu Ende gegangen ist.“
„Aber ich weiß es,“ sagte der alte hölzerne Wächter. „Es kam hier durch die Drähte durch. In wenigen Sekunden waren die elektrischen Boten aus dem fernen Süden bis hier heraufgeeilt in den kalten Norden, wo des Königs Reich liegt, und Trauer geht durch das Land, denn der gute König ist am nämlichen Abend, als die Sonne hinter den Bäumen des schönen Gartens ins Meer sank, gestorben.“
„Es ist schnurrig,“ sagte die Schwalbe, „ich komme im schnellsten Fluge von dort unten her, und doch weißt du besser über die Dinge, die sich da zugetragen haben, Bescheid als ich selbst.“