Und siehe da, je weiter der Eisberg nach Süden abtrieb, fort von seiner nordischen Heimat, je lichter und wärmer wurde es. Endlich kam auch die Sonne wieder hervor. Als ein tiefroter Ball zog sie dicht über dem Horizont dahin, wie ein feuriges Rad, das auf dem Wasser rollte. Aber wie sah unser Eisberg aus! Welch ein wundervoller Anblick! Er war zu einem Zauberschloß geworden. Von fern sah er aus wie eine brennende Festung. Die rotglühende Sonne spiegelte sich in den glitzernden Eiswänden, flammende Garben schienen aus dem Innern hervorzudringen, denn mächtige Sprünge durchzogen die kristallene Burg, in denen das Licht sich brach und in allen Farben funkelte wie im Demantstein.
Die Sonne stieg, je tiefer der Eisberg nach Süden kam, immer höher empor, und immer wärmer wurden ihre Strahlen. Sie schmolz langsam tiefe Höhlen hinein in die schwimmende Burg. Das Wasser tropfte an allen Ecken und Kanten unablässig, und Tausende von mächtigen Eiszapfen, dick wie Eichen und lang wie Telegraphenstangen hingen an den Seiten nieder. Große Tore schmolz die Sonnenwärme hinein in den kristallenen Bau, den die Kälte gezimmert, Säulen und Balkone entstanden darin, Türme und Giebel. Blendendweiß lag das Feenschloß des hohen Nordens zur Mittagszeit auf den blauen Wogen des Ozeans, rotglühend funkelte es, wenn des Abends die Sonne im Meer versank, grünlich flimmerte das Mondlicht zur Nachtzeit in seinen Eisgalerien.
Hoch wie eine Kirche ragte der Berg von Eis über dem Wasserspiegel empor, aber zehnmal tiefer und mächtiger dehnte er sich noch unter dem Wasser, dem Auge unsichtbar, denn seine Schwere brachte es mit sich, daß sein größter Teil eingetaucht blieb im Wasser.
Eines Tages aber, als ein heftiger Wind über das Wasser fuhr, gab es eine Katastrophe! Die Sonne hatte auf der Mittagsseite so viel Eis abgeschmolzen, warme Strömungen im Wasser hatten dieselbe Seite so stark benagt, daß der Eisberg aus dem Gleichgewicht gekommen war. Immer schräger stellten sich seine Wände, immer mehr hob sich der Eisfuß auf der einen Seite aus den Wellen heraus, und als ein heftiger Windstoß gegen die Eiswände anprallte, da stürzte die ganze riesige Burg um, und was unten lag, kam nach oben.
Das Meer wurde bis in seine Tiefen aufgerührt durch den umkippenden Berg. Eine halbe Stunde weit ins Meer hinaus wanderten die mächtigen Wellen, die der Sturz verursacht, weißschäumender Gischt sprühte hoch hinauf in die klare Luft, und rauschend gurgelte das Wasser um den kristallenen Riesen. Aber dann zog er wieder, von der Meeresströmung fortgetragen, langsam und ruhig seines Weges weiter, immer entlang an der Küste von Neufundland.
Scharen von Seevögeln ließen sich auf seinem Dache nieder, flogen kreischend, mit silberglänzenden Flügeln, weithinweg und kamen wieder, gefangene Fische in den scharfen Schnäbeln.
Der Eisberg aber trieb und trieb, und langsam kam er auf die große Fahrstraße der Schiffe, die von Neufundland herüberfahren nach den englischen Inseln.
Ein großer Dampfer, der „Nordstern“, fuhr langsam durch die dunkle Nacht. Droben glitzerten die ewigen Sterne, und drunten schäumten die Wellen. Ebenhard, der Steuermann, stand, den Südwester auf dem Kopfe, die Öljacke über der wollenen Strickjacke, auf seinem Posten und blickte scharf durch die Dunkelheit. Er schob sich ein mächtiges Stück Kautabak zwischen die Zähne und stapfte in seinen dicken Schmierstiefeln von einem Fuß auf den anderen.
Der Kapitän, die kurze Stummelpfeife im Munde, trat herzu. Sein langer grauer Bart flatterte im Winde. „Ebenhard,“ sagte er, „wir sind bei den miserablen Straßen, wo die verdammten Eisberge von Norden her südwärts treiben. Jetzt heißt es Maul zu und Augen auf, sonst haben wir plötzlich einen solchen Burschen in den Rippen sitzen! Ich habe noch zwei Mann nach vorn geschickt, mit Augen wie Habichte, und auch der Mann im Ausguck ist angewiesen, Löcher in die vermaledeite Dunkelheit zu gucken, aber man kann nicht genug auf der Hut sein!“
„Ich habe eine feine Nase für die eisigen Biester, Kapitän,“ sagte der alte Steuermann und spuckte nach Seemannsart kunstgerecht ein handliches Stück Priem vier Meter weit über die Planken, „ich bin ihnen oft hier herum begegnet, den niederträchtigen Burschen, und ich hab’s im Gefühl, wenn sie sich so in der Dunkelheit heranschleichen. Aber die Hauptsache sind die Thermometer!“