Ja, die Thermometer waren die Hauptsache. Da hingen zwei links und rechts am Schiff im Wasser, und zwei andere hingen beim Steuerhause in der Luft. So konnte man genau verfolgen, ob die Temperatur im Wasser und in der Luft fiel, denn die mächtigen Eisberge strahlen so viel Kälte aus, daß es schon auf weite Entfernung an den Wärmemessern zu spüren ist, wenn sie in der Nähe eines Schiffes dahintreiben.
„Ich werde die Wasserthermometer im Auge behalten, Ebenhard, seht Ihr nach den Luftthermometern,“ sagte der Kapitän, und dann ging er mit wiegendem Seemannsgang davon.
Die Wellen rauschten leise, die roten und grünen Signallichter und die weißen Positionslaternen spiegelten sich im Meer, am Horizont tauchte das Sternbild des Orion auf, und die Milchstraße zog als leuchtendes Band über den Himmel hinweg. Viele Augen starrten durch das Dunkel nach schimmernden Wänden, die plötzlich und verderbenbringend haushoch neben dem Schiff auftauchen konnten.
Aber langsam verschleierten sich die Gestirne, die Positionslaternen warfen wie ein Scheinwerfer kleine Strahlenbündel voraus, denn dünner Nebel kam auf. Erst war er nur gering, aber er nahm schnell an Dicke zu, und nach einer Stunde war man mitten in einem weißlichen Schwaden. Da konnte kein Auge durchdringen.
Des Nebelhornes schauriger, langgezogener Ton hallte weit durch die Einöde des Meeres, um entgegenkommende Schiffe, die die Lichter des „Nordsterns“ nicht mehr zu sehen vermochten, zu warnen, und auch die Ohren der Seeleute lauschten nun angestrengt hinaus, ob aus der Ferne der gleiche Ton zu ihnen herüberdrang.
Oll Ebenhard wetterte allerlei zwischen den Zähnen hindurch und verbrauchte mehr Priem, als es christlich war. In dicken Tropfen rann der Nebel an seiner Öljacke nieder, und sein Bart war naß. Da kam auch der Kapitän wieder.
„Das ist eine schöne Teufelei, Ebenhard,“ schimpfte er. „Nebel ist hier immer verdächtig, denn die vermaledeiten Eisbiester können ihn durch ihre Abkühlung der Luft hervorrufen. Ich wette, es sind welche in der Nähe, aber wie soll ein ehrlicher Christenmensch durch diese Waschküchenluft hindurchblicken? Jetzt können wir uns nur noch auf den alten Herrgott und die Thermometer verlassen.“
„Tjä,“ meinte der Steuermann, „es is die schwere Not in dieser gottverlassenen Gegend bei den Neufundlandbänken. Da soll der Deubel zur See fahren. Aber ich habe einen Riecher für die Biester, und noch wittert mein Dufthorn nüscht!“
„Wenn wir nur erst diese Nacht hinter uns haben, Alter,“ sagte der Kapitän, „morgen früh sind wir aus der Zone der Gefahren heraus, und bei Tage sind alle Deibel halb so schlimm. Aber jetzt gehe ich an die Thermometer!“
Er verschwand im Nebel.