Nach einer halben Stunde tönte plötzlich die Stimme Oll Ebenhards durch das grauliche Dunkel: „Kapitän, es riecht sengrich. Es kommt so eine gewisse Luft über Backbord, dat is Eis.“

„Um Himmels willen,“ sagte der Kapitän, „es wird doch nicht! Es kommt mir freilich so vor, als ob das Wasserthermometer um einen halben Strich gefallen sei, aber es ist so wenig, daß man nichts drauf geben kann!“

„Aber es riecht sengrich, Kapitän, da bin ich gut vor, und dat is Eis!“

Der Kapitän ging wieder zu seinen Instrumenten. Kurz darauf kam er eiligen Schrittes zurück. „Ebenhard, weiß Gott, die Thermometer fallen!“

„Tjä, das Luftthermometer auch. Deubel nochmal, jetzt sind wir richtig dran an so ein infamigtes Biest!“

„Ja, und wo mag er liegen, von wo mag er uns zutreiben?! Ist er vor uns, hinter uns, kommt er von Backbord? Sind wir vorüber, kommen wir ihm näher, ist er fern, ist er nah? Man weiß nicht aus noch ein!“

Tiefe Sorgenfalten standen im Gesicht des Mannes, dem das Schiff mit seiner Ladung, seinen Passagieren und seiner Besatzung anvertraut war. Ein gefährlicher Feind war in der Nähe des „Nordsterns“, und keine Seemannskunst der Welt konnte vor ihm schützen, denn da man den Ort des Eisberges nicht kannte, so war jedes Manöver überflüssig. Was man auch tat, immer konnte man gegen den kristallenen Riesen anrennen.

„Kapitän,“ sagte der Steuermann, „wir müssen es nehmen, wie es kömmt, denn wir können nicht gegen an. Vielleicht, daß wir im letzten Augenblick, wenn der Berg uns zu Gesicht kömmt, noch das Unheil abwenden. Alles andere ist Gott befohlen!“

Der Kapitän eilte fort. Er rief die Mannschaft zusammen, gab Anweisungen zur Rettung bei einem Zusammenstoß mit dem schwimmenden Feind und ließ die Maschinen langsamer laufen, um die Gewalt eines Zusammenstoßes zu mildern. Mehr aber konnte er auch nicht tun. Alle Augen spähten hinaus in das Dunkel.

Es war unheimlich still. Ganz in der Ferne, kaum hörbar, dröhnte dumpf ein Nebelhorn. Die Wellen gurgelten leise an den Seiten des Schiffes, das nur langsam noch dahintrieb, auf der Hut vor seinem eisigen Gegner. Noch war er unsichtbar, verborgen im Unbekannten.