Und mit einem Male wuchs undeutlich eine graue Wand voraus empor. Schwach beleuchtet von den Lichtern des Schiffes. Wie ein Gespenst stand sie plötzlich in abenteuerlichen Formen da, mit hängenden Girlanden von Eis, mit ragenden, verschnörkelten Türmen, ein Ungetüm, das sich riesenhoch im Nebelwallen verlor. Der Eisberg!
– Kalt wehte es herüber. Die Männer erschauerten.
Aber das alles dauerte nur einen Augenblick, dann war jeder am Werk. Das Steuerruder drehte vom Eisberg ab, die Schiffsschraube arbeitete mit voller Kraft rückwärts, alles wurde getan, um dem drohenden Zusammenstoß zu entgehen. Nur langsam hemmte das nun einmal in Bewegung nach vorn begriffene Schiff seinen Lauf. Schiff und Eisberg schienen wie zwei bissige Hunde drohend um einander herumzugehen. Da knisterte und knasterte es am Schiffsboden, kreischte und schleifte. Der Kiel des „Nordsterns“ hatte den unter Wasser liegenden Eisfuß des Berges erreicht, aber schon war seine Bewegung so verlangsamt, daß eine starke Beschädigung des Fahrzeuges verhindert wurde. So nah waren jetzt die glitzernden Wände des Eisberges, daß sich die rote Backbordlaterne an ihnen widerspiegelte. Flämmchen schienen in den Sprüngen und Brüchen des Eises zu tanzen. Der „Nordstern“ erzitterte bei der Berührung mit dem kristallenen Sockel des Riesen, er legte sich ein wenig seitwärts, das Ruder wurde verstellt, die Maschine manövrierte hin und her, kreischend glitt der Kiel wieder von dem splitternden Eise ab. Langsam, ganz langsam zunächst, dann aber mit wachsender Geschwindigkeit trieb das Schiff rückwärts, vom Eisberge ab.
Vom Schein der Positionslaternen beleuchtet, zog die glitzernde Burg lautlos und gespenstisch dicht vor dem „Nordstern“ vorüber, jetzt glänzte eine spiegelnde Fläche grünlich im Schein der Steuerbordlampe, dann entschwand der Gefährliche, südwärts treibend, wie ein blasser Schemen im dichten Nebel.
„Himmel und Hölle,“ sagte Steuermann Ebenhard, „das war eine ganz unchristliche Geschichte, und nicht für einen Wald voll Affen möcht’ ich sie noch mal erleben!“
Dann entdeckte er, daß er keinen Priem mehr zwischen den Zähnen hatte, und schüttelte bedenklich den grauen Kopf, denn das war ihm noch kaum passiert seit zwanzig Jahren, und er ersah daraus, daß es eine aufregende Sache gewesen mit diesem Burschen, den sein Dufthorn richtig erschnuppert hatte, ehe noch ein Auge ihn sah.
„Ja, Oll Ebenhard,“ meinte der Kapitän, „da sind wir nochmal mit Gottes Hilfe so drum herum gekommen, aber um ein Zimmermannshaar breit, und der verdeubelte Nordländer hätte uns den ‚Nordstern‘ zusammengeknickt wie eine alte Hutschachtel! Jungens,“ rief er dann, „ich denke, daraufhin geziemt uns ein gutes Glas Grog, und dafür will ich sorgen!“
Er stapfte davon, und aufs neue nahm der „Nordstern“ seinen Kurs auf, ostwärts, dem Lande Europa zu.
Der Eisberg aber trieb langsam weiter und weiter, immer wärmeren Gegenden zu. Die Sonne fraß mit immer zunehmender Glut an ihm herum, das immer wärmer werdende Meer umschmeichelte ihn, unterhöhlte ihn, so daß er mehr und mehr zusammenschmolz. Er verlor alle Augenblicke das Gleichgewicht, überschlug sich, seine ragenden Türme zerflossen, die Säulen zerfielen, die hängenden Zapfengalerien tropften ab wie Wachsfäden von der brennenden Kerze, er wurde klein und unansehnlich.
So trieb der eisige Sohn des hohen Nordens bis nahe an die afrikanische Küste, und als in der Ferne die Palmenhaine Marokkos sich im Meer spiegelten, zerfloß die letzte dünne Scheibe von Eis in den warmen Wellen und der Eisberg hatte aufgehört zu sein.»