Und immer glänzender wurde der schreckliche Komet, immer strahlender sein Stern, immer größer sein schimmernder Schweif. Die Menschen standen ängstlich in den Gassen und zitterten vor dem Zorn des Herrn der Welt.

Da kam ein fremder Mönch von weither in die Stadt gezogen. Er hatte ein blasses, strenges Gesicht, in dem zwei dunkle Augen düster brannten. Eine graue Kutte trug er, mit einem hänfenen Strick darum, und barhäuptig wandelte er durch die Gassen. – Als es Abend wurde und die Menschen wieder hinaus liefen, den wunderbaren Stern zu sehen, da stand der Mönch am Toreingang auf dem Steinblock und hatte die Hände erhoben zum Himmel, an dem der Komet in magischem Glanze leuchtete.

„Männer und Frauen dieser Stadt,“ sagte er, „seht ihr den vom Himmelsvater gesandten Stern droben erschrecklich leuchten? Seht ihr die feurige Rute, die der zürnende Gott drohend über euch erhebt? Euch droht die gerechte Strafe für alle Missetat, die ihr begangen. Habt ihr nicht einer den anderen bestohlen, wo es ging? Hat nicht der Kaufmann betrogen und gefälscht, hat nicht selbst Mord und Aufruhr durch die stillen Gassen der Stadt getobt? Wer hat dem Nächsten in seinen Nöten geholfen, wie Gottes Sohn am Kreuz geboten, und wer hat Vater und Mutter Ehrfurcht erwiesen, wie das Gesetz es befahl? Immer weiter habt ihr euch vom Wege des Heils entfernt. Die Kirchen sind verödet, ihr habt den alten Gott in frevelhaftem Übermut abgesetzt, nun wird er euch mit dem himmlischen Feuer kommen, da ihr seine Güte nicht verstanden. Er sendet den schrecklichsten Kometen, den die Welt gesehen, über die Erde hin, Pest und Hungersnot, Krieg und Mord, Feuersbrunst und Weltuntergang wird er euch bringen, die ihr des Heilands vergessen, die ihr den Herrn geschmäht und verraten. Der letzte Tag ist gekommen, der Tag der Rache und der Vergeltung für alles, was verharrt in Unglauben und Sünde. Macht euch bereit, vor den Richterstuhl des Herrn der Welt zu treten. Wenige Tage noch, und der Komet wird sich niedersenken zur Erde, mit Feuer und Tod!“

So sprach der Mönch. Er stand mit bleichem Gesicht wie ein Rächer, der unbekannt aus fernen Landen kam. Der Schein des Kometen leuchtete auf seinem Antlitz gespenstisch, seine Arme reckte er drohend in den Himmel, das Kruzifix in seiner Rechten funkelte, sein graues Büßergewand wehte im Winde. Die Menge sank nieder auf die Knie und betete. – Der Mönch aber verschwand still wie er gekommen, doch lange noch stand seine ernste Gestalt, sein bleiches Gesicht mit dem strafenden Blick im Gedächtnis der Menschen, und seine Worte vergaßen viele nach Jahrzehnten nicht.

In feierlichen Prozessionen bewegten sich in den nächsten Tagen die Massen zur Kirche, um den Himmelsvater zu bitten, den schrecklichen Kometen, der den Untergang der Welt bringen sollte, wieder fortzunehmen vom Sternenzelt. Die Glocken läuteten noch nie so oft zum Kirchgang wie jetzt, und frommer Gesang und Orgelspiel tönten allenthalben aus den Gotteshäusern.

Aber ein noch größerer Teil der Menschen hatte nun ganz den Kopf verloren. „Das Ende der Welt ist gekommen, der jüngste Tag,“ sagten sie, „nun ist es zu spät, Buße zu tun, nun müssen wir doch sterben und verderben, was wollen wir uns da noch plagen! Der Komet wird uns alle hinwegraffen, die Guten und die Bösen, laßt uns die letzten paar Tage noch fröhlich sein. Was sollen wir noch arbeiten und schaffen? Das Ende der Welt ist da!“

Sie warfen Hammer und Kelle, Nadel und Elle, Axt und Spaten hin und schmausten und pokulierten Tag und Nacht. Überall quiekte die Flöte, brummte der Dudelsack, zirpten die Geigen, und die Menschen tanzten, bis sie umfielen. Die Frommen wollten ihnen wehren, da gab es blutige Kämpfe in den engen Gassen. Die Stadtwache hieb mit der Waffe dazwischen, durch die nächtliche Stille tönte Tanzmusik und Orgelklang, Beten und Fluchen und das Geschrei der Kämpfenden, und über alldem leuchtete der Komet mit wunderbarem Glanze.

Ja, es war eine tolle Zeit, und niemand wußte mehr, wie es enden solle. Da trat der hohe Rat des Kurfürsten zusammen und besprach den tollen Wirrwarr des Landes und die Not und Angst und Unordnung seiner Bürger. Der Kurfürst ließ die weisen Magister und Professoren zusammenkommen und trug ihnen auf, Mittel zu finden, Unheil abzuwenden, das Volk zu beruhigen.

Die berühmtesten Sterngucker des Landes wurden herbeigeholt, damit sie ihre Meinung über den Kometen sagen möchten, und ob er wirklich sich niedersenken werde auf die Erde, alles zu vernichten.

„Nein,“ sagten die Sterngelehrten, „das wird er nicht tun, und der Mönch hat den sündigen Leuten nur Angst machen und sie zurückführen wollen auf den Weg der Tugend und der Gottesfurcht, wie es Rechtens ist.“