Da erwachte der Alte wie aus einem Traum. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und sagte: «Kinder, ich war mit meinen Gedanken weit fort und habe euch nicht eintreten hören. Laßt mich erst die Flasche wieder verschließen und bleibt davon!»

Da tat er den gläsernen Kolben wieder behutsam in den eisernen Kasten und verschloß ihn dreimal sorgfältig. Dann verschloß er den Schrein und langte nach seiner Pfeife.

«Was war in der Flasche?» fragten die Kinder.

Da sah sie der alte Ulebuhle lange eigentümlich an und sagte ernst: «Der Tod!»

Das klang so schön gruselig und geheimnisvoll, und die Kinder witterten eine schöne Geschichte hinter der ganzen Sache. So bestürmten sie den gelehrten Alten mit tausend Fragen, bis er knurrig Ruhe gebot und – tief in seinem Lehnstuhl vergraben – sich anschickte, die Geschichte vom Tod in der Flasche zu erzählen.

«Schweigt,» sagte er, «denn es ist eine lange Geschichte, und wenn man nicht gut aufpaßt, kann man sie nicht verstehen, denn es handelt sich um eine gelehrte Sache und um ein großes Unglück.»

Da setzten wir uns still rings um den Alten herum, und er begann:

«Ich hatte einen Jugendfreund, der hieß Gravesgrave. Er war klüger als wir alle zusammen und studierte später auf allen möglichen Universitäten die schwere Kunst, die Krankheiten der Menschen zu erkennen und zu heilen. Aber ganz besonders wollte er herausbekommen, wie man die Pest, die Cholera, die schwarzen Pocken und andere böse Krankheiten bekämpfen könne, die mit einem Male über die Erde hereinbrechen wie der furchtbare Würgeengel selbst und ganze Städte, ganze Provinzen, ganze Länder aussterben machen.

Eines Tages, als er sich in England befand, hatte er gehört, daß im fernen Indien eine furchtbare Pest wüte, an der Hunderttausende starben. Kein Mensch wußte, woher sie kam, wie sie zu heilen sei. Sie griff um sich wie ein Feuer, das zur Hochsommerzeit einen ausgedörrten Kiefernwald befällt, von Baum zu Baum springt und erst erlischt, wenn der ganze Wald verkohlt am Boden liegt. So auch erlosch die Krankheit an manchem Ort erst, wenn nichts mehr zu töten war.

Machtlos standen die berühmtesten Ärzte, die aus Europa hingeschickt wurden nach dem fernen Indien, ja sie mußten trachten, sich selbst zu retten im großen Sterben. Die Inder aber taten gar nichts. Sie beteten zu ihrem Gott und sagten, es sei sein Wille. Der Mensch könnte dagegen nichts tun.