Der rätselhafte Tod aber wütete weiter.

Da hörte der Doktor Gravesgrave von den Dingen, und er erkannte, daß grade dort für ihn der rechte Platz sei, denn Seuchen zu studieren und zu vertreiben, das war sein Wunsch und Wille. So schiffte er sich denn ein zu der weiten Reise und landete endlich nach glücklicher Fahrt an Indiens Küste. Furchtlos durchstreifte er die Stätten des Schreckens, ausgestorbene Städte und Landstriche. Er studierte unablässig, wie gesunde Leute in wenigen Stunden erkrankten und starben, wie der geheimnisvolle Tod sie wie der Räuber hinterm Busch anfiel und zu Boden schlug, ohne daß sie selbst wußten, wie es kam und warum es kam.

Doktor Gravesgrave grübelte Tag und Nacht, Woche um Woche, er untersuchte Lebende und Tote, Gesunde und Kranke und konnte das Rätsel der Krankheit nicht entdecken. Er wurde aber nicht mutlos. Wie ein tapferer Soldat stürzte er sich immer aufs neue in den Kampf gegen den geheimnisvollen Würger, und wie durch ein Wunder entging er selbst der Krankheit und dem Tode. Eines Tages, als er wieder in seinem Studierzimmer saß und bei einer Pfeife darüber nachdachte, daß all seine Arbeit bisher erfolglos gewesen sei und die armen Menschen im Lande noch immer zu vielen Tausenden starben, kam er auf den Gedanken, daß man vielleicht den unsichtbaren Feind im Blute der kranken Menschen entdecken könne. Da ging er hin und nahm das allerstärkste Vergrößerungsglas, das er unter all seinen vielen Instrumenten hatte, ein mächtiges Mikroskop, mit dem man die Dinge dreitausendmal vergrößern konnte. Dann rief er seinen jungen Diener, der kerngesund war, stach ihn mit einer kleinen Nadel ganz wenig in den Arm, so daß ein kleines Tröpfchen Blut hervortrat, und brachte den kleinen Blutstropfen unter sein mächtiges Vergrößerungsglas.

Habt ihr schon einmal einen Tropfen Blut unter dem Mikroskop gesehen? Das sieht gar sonderbar aus. Da sieht man eine helle Flüssigkeit und in der schwimmen Millionen gelbliche runde Blättchen, wie kleine Tellerchen. Das sind die roten Blutkörperchen. In einem winzigen Blutstropfen sind an die zwanzig Millionen dieser kleinen Scheiben enthalten, und an die fünfzigtausend Milliarden kreisen unablässig durch eure Adern, wie in der großen Stadt das Wasser in den Wasserleitungen durch tausend Kanäle und Röhren strömt. Und dann sind da noch andere kleine Scheiben, die sind weiß, und es sind ihrer viel weniger. Das sind die Polizeisoldaten in den Adern. Dringt irgend ein böser Feind, der die roten Blutkörperchen zerstören will, in das Blut ein, so stürzen die weißen Blutkörper über ihn her und suchen ihn zu töten. Ja, es ist ein wunderbares Leben in den Adern unseres Körpers, ein Gewimmel wie in einer großen Stadt. Sobald aber die Millionen und Abermillionen Blutkörperchen krank werden oder gar absterben, dann ist es um uns geschehen, dann erstirbt das Leben in den Straßen unseres Leibes, dann sterben wir selbst.

Der gelehrte Doktor Gravesgrave schaute durch sein wundervolles Glas hinein in den Tropfen Blut seines Dieners, er sah die roten und die weißen Blutkörperchen, aber sie waren frisch und lebendig, und es war alles in Ordnung.

Am anderen Morgen jedoch lag der arme braune Teufel bereits auf seiner Matte und murmelte, schwerkrank, Gebete. Der geheimnisvolle Tod hatte ihn in der Nacht überfallen. Sein Herr stand dabei und konnte ihm nicht helfen. Aber er hatte einen guten Gedanken. Er nahm wieder eine Nadel und stach ein Tröpfchen Blut aus dem Arm des Burschen hervor, und wieder besah er ihn unter dem mächtigen Glase. Ja, das war ein guter Gedanke, denn nun machte er eine wichtige Entdeckung! Da sah er, wie winzig winzige Lebewesen in dem Tröpfchen Blut hin und her schossen, die gestern noch nicht darin gewesen. Deutlich konnte man sehen, wie sie die roten Blutkörperchen anfielen und verzehrten. Er sah, wie die weißen Blutkörper, die Polizisten der Adern, sich den gefräßigen Räubern entgegenwarfen, viele von ihnen töteten, aber ihre Zahl war so groß, daß die Weißen mit ihnen nicht fertig werden konnten und immer mehr rote Scheibchen zerfressen und vernichtet wurden. Es war ein wilder Kampf in diesem Tröpfchen Blut, und ein viel wilderer Kampf mußte im Körper, in den Adern des kranken jungen Inders vor sich gehen.

Da sprang der gelehrte Doktor fröhlich auf. „Ha,“ rief er, „nun habe ich den geheimnisvollen Tod entdeckt. Mit eigenen Augen habe ich ihn gesehen. Im Blut der Kranken schwimmt er, ein gefräßiger Räuber, den Lebenssaft vernichtend und zerstörend. In den Adern der kranken Menschen kämpft ein ungeheures Heer von Räubern gegen die Schutzgarde der weißen Blutkörper. Er überwindet sie, tötet die roten Träger des Lebens, und der Mensch muß sterben!“

Aber dann wurde Doktor Gravesgrave wieder still und traurig. „Ach,“ klagte er, „was nützt es mir, und was kann es den Kranken nützen, daß ich nun weiß, weshalb sie sterben müssen, helfen, helfen kann ich ihnen auch damit nicht, und darauf allein kommt es an. Ja, wenn ich wüßte, wie dieses Heer von Räubern, wie diese seltsamen winzig winzigen Geschöpfe in das Blut, in die Adern der Menschen hineingelangen, dann vielleicht könnte ich helfen. Aber, ach, ich werde es niemals erfahren!“

Da ging er wieder hinab zu dem jungen Inder, der sterbend auf seiner Matte lag. Er legte nasse Tücher um seine heiße Stirn und gab ihm kühle Getränke, aber jener fühlte all das kaum noch. In seinen Adern ging der Kampf zu Ende.