Doktor Gravesgrave betrachtete ihn traurig. Eine kleine grünliche Fliege saß auf des Kranken brauner Brust. Nun flog sie fort und schwirrte um des Doktors Hand, um sich dort niederzulassen. Dem Doktor war sie widrig. Eine Fliege, die eben auf dem Körper eines Sterbenden gesessen, mochte er nicht dulden, und er verjagte sie. – Aber wie er das tat, da zuckte plötzlich ein Gedanke durch seinen Kopf. Wenn nun diese Stechfliege, die ihren kleinen Rüssel hineinsenkt in das Blut der Menschen, von einem Kranken zu einem Gesunden fliegt, erst dort sticht, das kranke Blut hineinsaugt, und dann ihren Rüssel wieder in das Blut des Gesunden senkt? Konnte sie nicht auf diese Weise die winzigen Lebewesen, die gefährlichen Räuber in die Adern der Gesunden hineintragen?“
Der Doktor sprang plötzlich wie ein Besessener im Zimmer herum, er jagte mit seinem Hut hinter der grünen Stechfliege her, und endlich fing er sie. Dann stürzte er in sein Studierzimmer, zerlegte mit feinen Zänglein, winzigen Nadeln und Messerchen den Rüssel und den Körper der Fliege und brachte alle Teile nacheinander unter sein Mikroskop. Da sah er denn hinein in die ungeheuer vergrößerte Stachelröhre, die unter dem Glase wie ein Rohr aus einem Pumpwerk aussah, besetzt mit Tausenden von spitzen Härchen. Er sah, wie in diesem Stachel der Fliege winzige Spuren von dem Blut des Kranken hingen, mit zertrümmerten roten Blutkörperchen und mit vielen jener winzigen Wesen, jener Räuber der Adern. Er sah, daß sie noch immer lebten, und wenn jene kleine grüne Stechfliege ihren Stachel in seine Hand gesenkt, dann hätte auch ihn die Krankheit befallen, dann wären jene winzigen Räuber, die die Fliege aus dem Blut des Kranken mit sich geführt, in seine Adern eingedrungen, hätten sich millionenfach vermehrt, hätten ihn in wenigen Tagen getötet. Die grüne Fliege war der Verbündete jener unsichtbaren Heerscharen der Pest, und wenn man sich vor dem Stich der Fliege schützte, so blieb man gesund.
Das war die große Entdeckung des Doktor Gravesgrave. Er reiste so schnell es ging nach der Hauptstadt des Landes, erzählte den Fürsten und Herren, den Männern, die das Land regierten, alles, was er wußte, von den Räubern im Blut und von der grünen Fliege, und zeigte ihnen durch sein Vergrößerungsglas, was er selbst gesehen. Und in alle Welt drang der Ruhm des gelehrten Doktors, der endlich ein Mittel gefunden hatte, die indische Pest zu verjagen, Millionen Menschen vom Tode zu retten. Und nun begann ein furchtbarer Kampf gegen die grüne Fliege. Sie wurde verfolgt mit Feuer und Gift, ihre Brutstätten in den sumpfigen Niederungen der Flüsse, wo sie im hohen Schilf lebte, wurden abgemäht und ausgeräuchert, vom kleinsten Hindububen bis zum ältesten indischen Weisen jagte alles auf die grüne Fliege, und wenn wirklich noch jemand wo erkrankte, so brachte man ihn in einen Raum mit Fenstern, die durch dichte Drahtnetze verschlossen waren, so daß keine Ameise, viel weniger eine Fliege hineingelangen konnte. Da starb die Pest langsam aus, der besiegte Würgeengel zog sich grollend zurück in die Einöden der Sümpfe, wo allein noch an wenigen Stellen die grüne Fliege hauste und selten ein armer Fischer seinem Geschäft nachging.
Doktor Gravesgrave aber wurde fürstlich belohnt. Die Kaiserin von Indien ernannte ihn zu ihrem Oberhofarzt und ließ ihm ein Mikroskop bauen, noch größer und wertvoller als sein eigenes, und die Großen des Landes kamen mit kostbaren Geschenken, reich besetzt mit Edelsteinen.
Das war eine glückliche Zeit für den braven Doktor, aber auf gute Tage folgen schlimme, und sie treffen oft schuldlos den Guten wie den Bösen. Der Doktor zog sich nun in die große indische Stadt Bangalore zurück. Da mietete er draußen vor den Toren, inmitten eines großen Gartens, ein kleines Landhaus, und hier, wo es so friedlich war, so seltsame Bäume grünten, so farbenprächtige Blumen blühten, so fremdartige Vögel pfiffen, rächte sich der unerbittliche Tod, dem er so viele Opfer abgejagt, an dem gelehrten Doktor Gravesgrave.
Und das ging so zu! Ihr wißt, daß der allgewaltige Tod zuweilen der Kleinarbeit müde wird und durch Krieg, durch Erdbeben und verheerende Seuchen in kurzer Zeit so viele Menschen fortrafft wie sonst in Jahren. Eine solche Krankheit ist die Cholera, die in früheren Zeiten ganze Länder verödet hat, vor allem aber das ferne Indien seit Jahrtausenden plagt. Tausend und abertausend Millionen winziger Lebewesen, die Bazillen, dringen in den Körper ein und sie bringen die Cholera, vernichten das Leben.
„Ich werde ein Mittel finden,“ sagte Doktor Gravesgrave, „ein Mittel, das die gewaltigen Heere der kleinen Räuber im Körper zerstreut und tötet. Hier will ich unablässig sitzen und arbeiten, bis ich es gefunden habe, denn ich bin der Doktor Gravesgrave, der gegen den Tod kämpft.“
Da reiste er an einen fernen Ort, wo ein paar Menschen an der furchtbaren Krankheit daniederlagen. Weit draußen hinter hohen Zäunen, in niederen Häusern eingepfercht, fern von allen Menschen gehalten, damit sie nicht alle anderen mit in den Tod jagten, fand er sie. Er hatte zwei solche Flaschen mitgebracht wie die, welche hier in meinem Schrank steht, und in ihnen eine Flüssigkeit, in der die winzigen Teufelchen weiterzuleben vermochten. Mit größter Vorsicht brachte er auf der Spitze einer Nadel eine kleine Menge hinein in die Flaschen, mit größter Vorsicht verschloß er sie und brachte sie wohlverwahrt in eisernen Kästen, die er nie aus seinen Händen ließ, nach Bangalore in seine stille Studierstube. Mit rasender Schnelligkeit vermehrten sich die gefährlichen Teufel von Bazillen in den Flaschen. Aus Hunderttausenden wurden Millionen, Milliarden, tausendmal tausend Milliarden, und wenn er nur eine Nadelspitze von der Flüssigkeit unter sein wundervolles Vergrößerungsglas brachte, so sah er sie als winzige Pünktchen, wie ein Komma geformt, in unzähliger Menge darin herumwimmeln.
Da versuchte er denn alle möglichen Mittel, die man den Menschen als Medizin eingeben konnte, versuchte, ob die argen Feinde starben, wenn er einen Tropfen davon hineinwarf in das Gewimmel. Ganz vorsichtig mußte er das alles machen, denn wehe, wenn er auch nur die Nadel, mit der er aus seinen Flaschen ein winziges Tröpfchen der Todesflüssigkeit herausnahm, unachtsam fortgeworfen. Ein Mensch konnte sie ergreifen, die winzigen Kobolde hafteten an seinen Händen, kamen in seinen Mund, vermehrten sich rasend schnell in seinem Körper, er mußte sterben und steckte alle um sich her an, und immer weiter und weiter zog dann der schwarze Tod. Stets waren die Flaschen, in denen der Tod millionenfach hockte, in den eisernen Kästen verborgen, und die Schlüssel trug Doktor Gravesgrave um den Hals.
Der Doktor hatte einen eingeborenen Diener, der hieß Shingar. Er war lang und mager, die Backenknochen standen weit hervor in dem dürren Gesicht. Dunkle Augen glühten darin, und ein eisgrauer kurzer Kinnbart stand mit stachlichten Haaren weit vor. Er trug einen Turban auf dem Kopfe, und eine braune Kutte schlotterte um seine dürren Glieder. Ein wilder Haß glühte in dem Inder gegen die Fremden, die aus dem fernen Europa hierher gekommen waren, das Land seiner Väter zu beherrschen, jene Fremden, die an einen anderen Gott glaubten und den Inder verachteten. Ja, er haßte sie und gehörte einem über das ganze Land verbreiteten Geheimbunde an, der einstens aufzustehen hoffte, die Fremden zu verjagen.