Da er nun schon ein alter Mann und gezwungen war, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, so blieb ihm nichts anderes übrig, als dem fremden Herrn, der so seltsame Arbeiten machte mit geheimnisvollen Instrumenten und Gläsern, zu dienen. Dieser Herr war gut, und man konnte mit ihm leben, aber dennoch mußten sie eines Tages fort, die fremden Eindringlinge, die das heilige Land der Väter beherrschten.
„Shingar,“ hatte eines Tages der Fremde gesagt, „rühre nie diese Flaschen an, und sollte ich einmal plötzlich sterben, so nimm die eisernen Kästen, grabe ein tiefes Loch in die Erde und verscharre sie, daß kein Mensch sie findet. Der Tod sitzt in diesen Flaschen. Ein paar Tropfen davon in das Trinkwasser, und viele Menschen können sterben.“
Shingar hatte es schweigend gehört. Leise nur nickte er mit dem Kopfe, aber ein dämonischer Gedanke zog durch sein haßerfülltes Herz. Wenn man mit diesem rätselhaften Tod in der Flasche doch all die Fremden vernichten könnte, die Fremden dieser Stadt und die des Landes!
Hätte Doktor Gravesgrave geahnt, welche Gedanken der Inder in seinem Hirn bewegte, er hätte ein großes Unheil verhüten können!
Eines Tages aber kam das Unglück über Bangalore. Der europäische Stadtteil hatte sich immer weiter ausgedehnt und man baute eine neue Straße. Da stand ein alter indischer Tempel im Wege, und da er schon ein halber Trümmerhaufen war und nur wenig besucht wurde, so zerstörte man ihn ganz, um Platz zu schaffen. Die Inder aber waren voll Zorn über die Tat und glaubten, die Fremden wollten ihnen damit ihre Mißachtung beweisen, ihre heiligen Stätten hohnvoll vom Boden tilgen, ihre Religion schmähen. Aufs neue flammte ihr Haß auf, der Wunsch, die Eindringlinge zu züchtigen, zu verjagen, ein Blutbad unter ihnen anzurichten wie damals, als vor Jahrzehnten Nena Sahibs und Tantia Topis Scharen die verhaßten Engländer niedergemetzelt.
Da schien dem fanatischen Shingar die Zeit gekommen, die Europäer in Bangalore zu vernichten. Sein Haß war stärker als alle Überlegung, und als der Zufall auch noch zu Hilfe kam und den gelehrten Doktor, seinen Herrn, zu einer kleinen Reise nötigte, da stand sein Entschluß fest.
Am späten Abend, als alles ringsum still und einsam und nur aus der Fremdenstadt leise von einem Fest Musik herübertönte, erbrach er die Tür zum Studierzimmer des Doktors, erbrach er den Schrank, der die eisernen Kästen mit den Flaschen, die immer warm stehen mußten, enthielt. Lange arbeitete er an den Schlössern, doch widerstanden sie all seinen Bemühungen. Endlich meißelte er die ganze Rückwand des einen Kastens ab, und nun hatte er die gefährliche Flasche, die Flasche des Todes, in der Hand.
Da stand er, von einer Kerze nur matt beleuchtet, schwarz fiel sein riesiger Schatten auf Wand und Decke. Sein braunes Gesicht verzog sich zu einem wilden und teuflischen Grinsen, das Weiße in seinen Augen flimmerte wie Perlmutter, sein eisengrauer Bart sträubte sich am dürren, spitzen Kinn weit vor, triumphierend schwenkte er in der knochigen Hand die bauchige Kolbenflasche mit dem langen Hals, den ein großer Wattepfropfen verschloß, und auf dem das Totenkopfsiegel zur größten Vorsicht warnte.
Seltsame indische Sprüche murmelte er vor sich hin, und dann flüsterte er: „Wenige Tropfen in das Trinkwasser und viele Menschen können sterben, sagte der gelehrte Mann, der mit den Flaschen so ängstlich ist wie die Mutter mit dem Kind im Schlangenbusch. O weiser Mann, du gabst uns selbst das Mittel, euch alle zu vernichten. Nicht Pulver haben wir, Flinten und Kanonen wie ihr. Ihr fühlt euch sicher im Schutz der Feuerrohre, dies aber ist eine Waffe, die schnell und lautlos eine ganze Stadt vernichtet!“
Er verbarg die Flasche des Todes sorgfältig unter der braunen Kutte, verließ rasch das Haus und verschwand im Walde. Langsam stieg der Weg an, und nach einer halben Stunde hatte er den kleinen Hügel hinter der Stadt erreicht, wo sich die Wasserleitung befand, die das europäische Viertel versorgte. Das große Bassin lag in einer niederen Halle aus Mauerwerk. Leise schlich Shingar herzu. Es war dunkel ringsum, nur das Blattwerk der Bäume hob sich vom gestirnten Himmel ab. Schwach hörte man das Wasser in dem großen Rohr rauschen, das zur Stadt niederführte. Nur wenig Licht war in der Halle. Durch das niedere Fenster sah man den Wärter in einer Ecke sitzen. Er rauchte seine Pfeife und las in den letzten Zeitungen, die die Post aus dem fernen England herübergebracht in das indische Wunderland. Neben ihm hingen an einem Brett große eiserne Schlüssel und Hebel zum Öffnen des Wasserbassins, zum Abdrehen der Leitung.