Shingar kauerte sich nieder und wartete, überlegte, wie er unbemerkt an das Wasserbassin gelangen könne. Die Nacht war schwül und drückend. Es war heiß in der niederen Halle, und die Luft war dumpf. Schon war es spät. Da sah Shingar, wie dem Wärter der Kopf tiefer sank, wie die Zeitung seinen Händen entglitt. Ein Lächeln ging über das Gesicht des Inders. Alles ging ihm gut an diesem Tage. Er wartete noch ein Weilchen, dann eilte er auf leisen Sohlen zu der Tür. Aber sie war von innen verschlossen. So mußte er den Weg durch das Fenster nehmen. Das war gefährlich, denn es konnte Geräusch machen, aber es mußte geschehen. Sein oberer Flügel war ein wenig geöffnet, um frische Luft hereinzulassen; da hindurch mußte der Weg gehen. Der Inder zog seine Sandalen aus. Jede Bewegung überlegend, langsam, ganz langsam erkletterte er den Sims, das Auge fest auf den Schlummernden gerichtet, jeden Moment bereit, wieder herabzuspringen, wenn der erwachte. Aber die schwüle Luft, die späte Stunde hielt den Wärter weiter in traumlosem Schlaf.
Die dürre Gestalt des Inders zwängte sich durch das schmale Fenster. Zentimeter um Zentimeter drückte er es vorsichtig weiter auf, immer spähend, ob sein leises Knarren den Schläfer störte. Er trug das gefährliche indische Messer bei sich, es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den Mann stumm zu machen, aber vielleicht hätte man die Tat zu früh entdeckt, Verdacht geschöpft, das Wasserwerk abgestellt.
Endlich stand er mit beiden Beinen auf dem inneren Fensterbrett. Nun glitt er geräuschlos nieder, trat auf leisen Sohlen an den Tisch, löschte die Lampe. Er tastete sich an das Wasserbassin, steckte die Flasche des Todes tief hinein in die Flüssigkeit, schlug vorsichtig mit dem Griff seines langen Messers dagegen. Nur ein leises Klingen hörte man unter Wasser, dann fielen die Scherben lautlos nieder zum Boden des Kessels.
Ein wildes Triumphieren ging über die eingefallenen Wangen des Fanatikers. Er lauschte einen Augenblick, dann glitt er wie eine Katze zum Fenster zurück, schwang sich lautlos empor und stand nach wenigen Minuten wieder draußen im Freien. Durch den dichten Busch eilte er heimwärts. Nicht eine Spur von seinem Tun war zurückgeblieben, und nie hat man erfahren, wie das grausige Werk geschah.
Wenige Tage nach dem nächtlichen Rachewerk Shingars brach in dem Europäerviertel von Bangalore eine Krankheit aus. Nur wenige wurden zunächst befallen, aber ihre Zahl wuchs von Tag zu Tage, aus Hunderten wurden Tausende. Voll Grauen erkannten die Ärzte, daß es die Cholera sei. Niemand wußte, woher sie kam, und weshalb sie gerade in dem reinlichen Europäerviertel ausbrach, nur mitten im Lande, in dieser einen Stadt hauste, statt wie früher die schmutzigen, engen, ungesunden Stätten der Hindus zu befallen. Ganze Familien starben aus, ganze Häuser, ganze Straßenzüge. Der Tod raste mit mähender Sense durch die Europäerstadt. Der Vater verließ die Seinen, der Bruder den Bruder, alles floh, was noch fliehen konnte, aber der Tod eilte ihnen nach, erschlug sie auf der Flucht. Niemand konnte helfen, niemand wußte Rat. Ein böses Ahnen zog durch das Herz der wenigen Ärzte, die noch am Leben waren. Sollte die schreckliche Seuche aus dem Hause des Doktor Gravesgrave kommen? Er war verschwunden, verreist, sagte man. Sie eilten hinaus zu seinem Hause. Es war verschlossen. Man erbrach es. Im Vorflur lag zusammengekrümmt mit schrecklich verzerrtem Gesicht der Leichnam seines Dieners Shingar. Ihn hatte als einen der ersten der Tod aus der Flasche erreicht, er hatte ihn mit eigenen Händen nach Hause gebracht. An seinen Fingern hafteten genug der tödlichen Keime, zwei Tage nach seiner Tat schon verendete er hilflos in dem einsamen Hause. Zur selben Stunde auch erlag der Mann im Wasserwerk dem Feinde, der von hier aus seinen Weg nahm in die unglückliche Stadt.
Aber seine Tat zog immer weitere Kreise, wie der Raubvogel, der in den Höhen sein Reich umzirkelt. Der Sensenmann machte nicht Halt im Viertel der Fremden, er sprang hinüber in die dicht gedrängten Vorstädte der Eingeborenen, raste durch ihre engen Gassen, machte sie zu stillen, ausgestorbenen Stätten. Der Schrecken lief mit Sturmeseile durch das Land, ergriff Nachbarstädte, wanderte mit den Kleidern der Entflohenen von Ort zu Ort, saß verborgen in den Frachten der Güter, die mit Bahn und Wagen von Bangalore zu anderen Handelsplätzen wanderten. Die Sense des Todes mähte und mähte.
Längst war Doktor Gravesgrave zurück. Die Stadt war wie ausgestorben. Er eilte in sein Haus, Schreckliches ahnte ihm. Er fand den toten Diener noch an der alten Stelle. Er fand in seinem Schrank den zertrümmerten Eisenkasten. Die eine der Flaschen war fort. Er sah die Werkzeuge Shingars umherliegen, er ahnte alles. Es war zu spät, er konnte nicht mehr helfen, niemand konnte es. Da packte er seine Sachen in eine große Kiste, auch den anderen Kasten mit der zweiten Flasche. Längst waren die Keime darin während seiner langen Abwesenheit abgestorben und unschädlich. Aber auch er sollte dem Ort des Schreckens nicht mehr entfliehen, dem sein Tun, das nur Gutes schaffen wollte, so schweres Unglück gebracht. Auch ihn ergriff die Krankheit, einsam starb er in dem totenstillen Hause, und er starb gern, denn es schien ihm eine Sühne für die grausige Tat, die doch nicht seine Schuld war. Der Tod aber stand triumphierend an seinem Sterbelager. Er hatte seinen Feind besiegt.
Langsam erlosch die furchtbare Seuche, die die winzigen Kobolde in der Flasche hervorgerufen. Der Tod lehnte die Sense in die Ecke und ruhte von seiner Arbeit. Langsam auch kam wieder Hoffnung und Freude über die Stadt. Die Entflohenen kehrten zurück, die Arbeit begann wieder, das Leben ging seinen alten Gang.
Ein Freund des Doktor Gravesgrave zog in das ausgestorbene Haus. Er fand die Kiste mit den prächtigen Vergrößerungsgläsern, mit gelehrten Büchern und einem Bericht über das Unglück von Bangalore. Er fand auch einen Brief an den Doktor Buhle, fern in Deutschland, und sandte Brief und Kiste her. So kam der alte Ulebuhle in den Besitz der Flasche des Todes und der genauen Nachrichten über das Unheil, das sie oder ihre Gefährtin angerichtet. Seht, da steht sie im Schrank, und man sieht es ihr nicht an, daß sie eine große Vergangenheit hat, gelehrte Sachen, ein großes Unglück und weite Reisen erlebte.»