Der Alte schwieg.

«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «sitzt der Tod noch immer in der Flasche?»

«Nein, er ist längst gestorben, aber mit gefährlichen Dingen muß man auch dann noch vorsichtig umgehen, wenn sie schlummern. Auch dem toten Löwen nähern wir uns mit Scheu und Vorsicht, und wir sprechen leise am Orte, wo die Sense des Knochenmannes durch die Halme ging!»

Als die Sonne feierte

«Die Menschen,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «waren einmal wieder mit sich, mit Gott und der Welt unzufrieden. „Ach,“ sagten sie, „es ist ein Kreuz. Das Leben ist viel Arbeit und wenig Vergnügen. Es müßte umgekehrt sein, und kurz und gut, wir wollen nun endlich einmal eine schöne Weile ausruhen!“

Da ließen sie alles stehen und liegen und sagten Feierabend! Alle Räder standen still, und keine Esse rauchte mehr. Die Häuser ragten halbfertig mit großen Gerüsten in den Himmel hinein, die Schneider rührten keine Nadel mehr an, die Schuster drehten keinen Pechdraht mehr und klopften kein Leder, die Kaufleute schlossen ihre Läden, die Bergleute fuhren nicht mehr zur Grube, und kein Fischer warf mehr Netze aus. Am meisten freuten sich die Ochsen und die Kälber. Sie brummten und blökten vergnügt in die Welt hinein, denn niemand wollte ihnen mehr das Fell über die Ohren ziehen.

Die Bauern draußen auf dem Lande, Hinz und Kunz und Jochen Päsel, kamen im Kruge zusammen, rückten ihre Zipfelmützen von einem Ohr auf das andere und sagten: „Ja, wenn die Lüt in de Stadt nischt mehr duhn, wat wulln wie da noch dat Feld bestelln, da duhn wie ook nischt mehr!“ Und so ruhten Pflug und Egge, Sense und Dreschflegel. „Macht wie ihr wollt,“ meinten die Städter. „Wir haben noch alle Speicher bis an die Decke voll Korn und alle Keller voll Kartoffeln, wir brauchen vorläufig eure Feldfrüchte nicht!“

Die Sonne stand droben im Blauen und machte verwunderte Augen ob all der sonderbaren Geschehnisse auf Erden.

„Ja,“ sagte der alte Mond zu ihr und rauchte noch eine Wolkenpfeife an, „der Teufel ist in die Menschen gefahren. Ich habe schon manches Jahrhundert lang den Erdball umwandert, ich habe schon viele verrückte Geschichten auf Erden mit angesehen, aber so toll waren sie bisher noch nicht. Ich glaube, es nimmt ein schlechtes Ende mit den Menschen, denn die Arbeit hält doch alles in Ordnung beieinander, aber wenn sie nun nicht eine Hand mehr rühren wollen, werden sie bald ganz zugrunde gehen. Mir soll es recht sein. Ich mache nach wie vor meine Nachtbeleuchtung und führe die goldenen Sternenschafe auf die Weide und damit basta!“

Als nun aber auch die Bauern die Felder nicht mehr bestellten, Hinz und Kunz und Jochen Päsel den ganzen Tag im Kruge saßen, Karten spielten und Kümmel mit Rum tranken, da wurde es Frau Sonne zu viel. „Ja, wozu scheine ich denn noch,“ rief sie eines Tages unwillig aus. „Wenn ich keine Saaten mehr zu reifen habe und euch nicht mehr bei der Arbeit leuchten brauche, so hat es keinen Zweck, denn faulenzen könnt ihr auch im Dunkeln, und wenn die Sonne auf die faule Bärenhaut scheint, dann ist das nur ungemütlich. Also besinnt euch und arbeitet wieder, sonst mache ich selbst Feiertag!“