Fern auf den Höhen aber standen die Bewohner glücklicherer Orte und sahen Herculanum und Pompeji untergehen.

Als am vierten Tage der Himmel sich wieder ein wenig geklärt, das unterirdische Rollen nachgelassen, die Sonne wieder ein wenig die noch immer mit Asche gefüllte Luft durchdrang, wagten sich mutige Männer heran an die Stätten des Grauens, aber keine Spur mehr fanden sie von den Ortschaften, die hier gestanden. Bis an den Knien versanken sie in der heißen Asche, Herculanum und Pompeji waren vom Erdboden verschwunden, versunken im Aschenmeer, und in der Ferne ragte der Feuerberg düster und drohend aus der stauberfüllten Luft.

Da wandten sie sich verstört und traurig um und verließen das weite Aschenfeld, auf dem vor wenig Tagen noch zwei reiche Städte gestanden.»

Der Wassertropfen

«Kinder,» sagte der Doktor Ulebuhle, «heut will ich euch die Lebensgeschichte eines winzigen kleinen Tropfens erzählen, den ihr alle kennt und der euch schon überall in der Welt angenehm und unangenehm begegnet ist, und dieser kleine Wicht ist der Wassertropfen

«Ulebuhle, das wird aber nur eine kurze Geschichte werden, denn so ein Wassertropfen ist eins, zwei, drei hin und beim Teufel, und dann ist die Geschichte aus!»

«Schnedderengteng, ihr Naseweise und Galgenvögel!» schnob der Alte los und putzte sich mit seinem großen, buntgeblümten Taschentuch die Hornbrille. «Erst einmal abwarten! Und wem’s nicht paßt, der drückt sich. So ein Wassertropfen hat mehr erlebt als ihr, und ist vor allen Dingen nützlicher und alten Leuten weniger ärgerlich.»

Da saßen wir Kinder denn schnell nieder, schluckten unseren Tee und hackten mit dem Sägewerk unserer Zähne gewaltige Stücke aus dem Kuchen der alten Christine, denn der war allemal gut und voller Rosinen.

«Seht,» hub der alte Ulebuhle an, «da saß ein kleines Mädchen im Garten auf der Rasenbank unter dem Holunderbusch, und eine Träne rann ihm über die Wange. Des Mädchens Mutter war zu Grabe getragen worden, und das ist der traurigste Augenblick im Leben eines Menschen, denn Leute gibt es viele auf der Welt, aber nur eine Mutter. – Die Träne funkelte wie ein Diamant auf der Wange des Mädchens, denn die liebe warme Julisonne spiegelte sich in ihr. Das war die Geburtsstunde unseres Wassertröpfchens, denn eine Träne ist ja nichts anderes als ein Wassertropfen edelster Art; der Schmerz ist seine Mutter.

Aber unser Wassertröpfchen selbst war gar nicht traurig. Dem kleinen Wicht gefiel es ganz gut auf der Welt. Er saß da schön weich und warm und liebäugelte mit der Frau Sonne, die hoch oben im Blauen stand, als unentgeltliche Zentralheizung im großen Weltgebäude. Da hinauf zu der hellen Lampe möchte ich auch einmal, dachte das Tröpfchen, und es war, als ob es die Sehnsucht nach der Sonne verzehrte, denn es wurde immer kleiner und kleiner, und schließlich ward es ganz unsichtbar für ein menschliches Auge.