Kommt ihr hinunter in den schönen Süden, vergeßt sie nicht aufzusuchen, die Stätte des Schreckens: Herculanum und Pompeji!

Seht, da wandeln die kleinen Menschen vergnügt auf der Erdkugel umher, wie die winzig-winzigen Bazillen, die auf einem Apfel leben. Sie bauen ihre Häuser und Städte, sie säen ihr Korn und pflanzen ihre Bäume und tummeln sich in tausenderlei Geschäften. Aber die Schale eines Apfels ist nur ganz dünn, und dann kommt das Fleisch, und die Schale der Erdkugel ist auch nur ganz dünn, und drunten ist alles Glut und Feuer. Die kleinen Menschlein aber spazieren da oben auf der Erdschale herum und denken gar nicht daran, daß unten das Feuermeer brodelt, wie in einer wahrhaftigen Hölle. Die dicke Schale von Stein und Sand wird es schon da unten schön beieinander halten, denken sie. Aber die Schale hat tausend kleine Risse und Löchlein, und da hinein läuft auch dann und wann das Wasser des Meeres. Es rinnt durch allerlei geheimnisvolle Gänge und Schluchten tief hinunter in die Gesteine, und plötzlich kommt es dahin, wo das unterirdische Feuer glüht und sprüht. Da vermischt es sich mit der heißen Höllenglut, und mit einem Male ist der Teufel losgelassen von seiner Kette. Die Höllenglut und das Wasser vertragen sich nicht. Das dampft und zischt und explodiert wie Millionen Granaten, wie hunderttausend Dampfkessel, und schleudert mit wilder Wut gegen die Erdschale. Da reißt sie entzwei, das wilde Feuer bricht aus dem Innern hervor, schleudert Steine und Erde ringsum, und der feuerspeiende Berg ist fertig. Aus dem Loch in der Erdschale aber fließt glühendes Gestein als ein siedeheißer Brei immer weiter hervor, heiße Asche und Millionen Steine schießen aus dem schrecklichen Berge, der sich über dem Höllenloch türmt, tagelang hervor wie aus einer Kanone, und alles ringsum wird verwüstet und vernichtet. Die Menschlein aber kriegen es mit der Angst! Die Erdschale ist zerrissen, das wilde Feuer steigt heraus, sie fliehen entsetzt von der grausigen Stätte.

Es war am 23. August des Jahres 79. Ein blauer Himmel lag über dem Meere, und aus Blütengärten zog ein süßer Duft über das Land. Die weißen Häuser der Städte Herculanum und Pompeji glänzten in der Sommersonne, und im Hintergrunde stand der Kegel des Feuerberges, umgeben von grünen Weingärten.

Die Menschen wanderten fröhlich durch die Straßen, saßen bei allerlei Handwerk vor ihren Hütten, und die Kinder spielten zwischen den steinernen Säulen der Torbogen. Am Abend, bei Sonnenuntergang, sollte in dem großen Zirkus ein Wagenrennen sein, und die Frauen saßen in ihren Gemächern und schmückten sich.

Als die Sonne sich hinabsenkte zum Meere, da stand über dem Berge eine dunkle Rauchwolke, und wenn es einen Augenblick still war in den Straßen, hörte man unter der Erde ein dumpfes Brausen und Grollen, aber niemand achtete darauf, denn jahrhundertelang war der brennende Berg friedlich gewesen und die Menschen hatten vergessen, daß er wie ein Panter heimtückisch auf der Lauer lag, sie zu überfallen. Sorglos noch, eilten sie festlich gekleidet zu dem Schauspiel, aber immer dunkler stand über dem Berge die Wolke, immer lauter grollte es in der Tiefe, und ganz leise zitterte der Boden unter den Füßen. Da wandten viele den Blick zu dem Berge, und ein dunkles Ahnen kommenden Schreckens stieg auf in den Herzen der Menschen.

Die Nacht verging noch ruhig, am nächsten Morgen aber stieg die Sonne blutig rot auf, und unheimlich rumorte es in den Schlünden der Erde. Über dem Berge stand eine seltsame schwarze Wolke, riesenhoch. Wie ein Baum erhob sie sich und breitete sich in der Höhe aus gleich einem breiten Blätterdach. Immer weiter und weiter schwebte ihre Masse, sie verdunkelte die Sonne, machte den Tag zur Nacht, und ungeheure Aschenregen senkten sich aus ihr hernieder. Dumpf grollte der Donner vom Berge her, grelle Blitze zuckten durch die zunehmende Finsternis. In der Ferne aber lag im Sonnenschein das Meer und die Küste, und in den Ortschaften dort standen die Menschen und sahen entsetzt nach dem furchtbaren Berge und betrauerten die Menschen, die an seinem Fuße wohnten.

Zur Mittagszeit ringelten sich plötzlich glühende Schlangen aus dem Rachen des Berges hervor, flossen in die Weingärten, verbrannten alles ringsum, zerstörten die Wohnungen der Menschen. Da liefen die Bewohner von Herculanum und Pompeji wehklagend durch die Gassen, eilten mit ihrer Habe fort aus der Stadt, weiter hinaus in die Ebene. Aber ein neues Unheil kam vom Feuerberge! Aus seinem Innern schoß ein unendlicher Hagel von glühenden Steinen, stundenlang, tagelang, der erschlug Hunderte der Fliehenden, und die Landstraßen und Felder waren bedeckt mit Männern, Weibern und Kindern, die in der tiefen Finsternis mitten im hellen Tag untergingen. In Todesangst eilten die andern weiter, umwallt von der sinkenden Asche, umrauscht vom Steinhagel, umzuckt von den Blitzen aus der Höhe. Der Donner rollte. Aus dem Erdboden, der da und dort barst, stiegen giftige Schwefeldämpfe auf, dunkelrot glühend krochen die Schlangen des Feuerbreies, der dem Berge entquoll, immer weiter hinein in die Ebene. Jeder dachte nur an die eigene Rettung. Der Freund verließ den Freund, schreiend wälzte sich der Strom der Fliehenden dahin.

Mit Schiffen wollte man vom Meere her den Bedrohten Rettung bringen, aber der Steinregen vertrieb die Seeleute, und einige, die gelandet, erstickten in den giftigen Dämpfen, die dem Boden entstiegen.

Viele von den Einwohnern der unglücklichen Städte waren in den Häusern zurückgeblieben. Sie fürchteten in dem Steinregen umzukommen und verkrochen sich in ihren Gemächern vor dem dichten Staub, der die Luft erfüllte. Da harrten sie der Stunde der Erlösung von all den Übeln. Aber drei Tage und drei Nächte wütete der schreckliche Berg. Immer dichter fiel der Staub, immer höher türmten sich die Steine. Die Häuser versanken darin, die Menschen wurden begraben in der heißen Asche, und jeder Laut erstarb.