Da graben sie denn bis zum Abend und graben da und dort und finden überall unter der viele Meter dicken Aschenschicht Mauerreste, Teile von Dächern, Säulen, auch manches kleine Kunstwerk noch, und endlich, gegen Abend, das Knochengerüst eines Menschen.
Da wissen die gelehrten Männer, hier unter dem Acker liegt eine alte Stadt. Eine Stadt, die vor vielen Jahrhunderten versunken ist, verschüttet wurde durch den Steinregen und Ascheregen, den der feuerspeiende Berg da hinten über die unglückliche Stadt schüttete.
„Freund,“ sagen die gelehrten Männer zu dem Bauern, „Ihr habt einen großen Fund gemacht und sollt dafür reich belohnt werden, so daß Ihr Euch ein schönes Häuschen kaufen könnt, und neue Äcker und wohl gar ein Weingut. Diese Schätze aber und Euren alten Acker, den müßt Ihr freigeben, denn wißt, Ihr pflügt über einer versunkenen Stadt, die hier unterging, bald nachdem Jesus Christus am Kreuze verschieden. Wir wissen es lange aus alten Schriften, daß hier zwei Orte standen, Herculanum und Pompeji geheißen, die der Vesuv verschüttete. Ihr habt endlich ihre erste Spur gefunden, und nun wollen wir sie wieder ausgraben, die alten Städte.“
So sprachen die Männer, und so geschah es. Der Bauer wurde reich belohnt, er zog ein wenig weiter hinunter in die Ebene und wurde bald ein wohlhabender Mann. Auf seinem Acker aber, und weit in der Runde, ging es nun geschäftig her. Hunderte von Arbeitern kamen, die schaufelten und pickten Tag um Tag, Monat um Monat, rollten unablässig die Aschenmassen fort, unter denen die alten Städte versanken, und langsam kamen sie zum Vorschein.
Ja, das war wie ein großes Wunder! Nach Jahr und Tag konnte man wieder durch die Straßen von Herculanum und Pompeji wandern, in die Häuser eintreten, die siebzehn Jahrhunderte früher versanken. Der alte Berg im Hintergrunde, der noch immer ein klein wenig schmauchte, blickte verwundert herüber. Da kamen all seine Schandtaten wieder ans Tageslicht. Der gute Mond aber, der sein bleiches Licht in die öden, toten Gassen der ausgegrabenen Städte warf, machte ein verdutztes Gesicht. Ja, vor siebzehn Jahrhunderten sah es hier anders aus, da liefen fröhliche Menschen in langen weißen Gewändern in den Gassen einher, spielten Kinder, tönte Gesang durch die Straßen, fuhren hohe zweirädrige Wagen mit schönen, kräftigen Männern ratternd hinaus in die Ebene. Nun war die Stadt tot, aber sie war wieder auferstanden, und der alte Mond konnte wieder sein Licht auf die weißen Wände der Häuser werfen, die so lange Zeit unter der Erde verborgen waren, begraben durch den rauchenden Berg.
Die Menschen aber wanderten durch die Ruinen und konnten sich nicht satt daran sehen, wie hier ihre Vorväter gewohnt und gearbeitet, gelebt und gelitten hatten.
Ja, da sah man noch alles so deutlich, als sei es erst gestern geschehen! Die Straßen waren grade und sauber, schöne Tempel standen da und kreisrunde Zirkus-Theater, Säulentore und steinerne Badehäuser, Gärten und Türme. Wundervolle Malereien waren an den Wänden, Tische und Bänke, Leuchter und Spiegel, Kannen und Krüge, Teller und Messer, Betten und Schränke fanden sich noch überall in den Häusern. Da sah man noch allerlei Ankündigungen an den Mauern der Häuser, sah noch allerlei Kritzeleien, die auch damals schon ungezogene Buben eingeritzt, und konnte in Kaufmannsläden und Schenken, Apotheken und Bäckereien eintreten.
Noch heute ist das alles zu sehen, und wer hinunterreist nach dem sonnigen Lande Italien, da, wo der Vesuv raucht, der sieht sie noch jetzt so stehen, die versunkenen Städte, kann dahinwandeln in den Gassen und die Bilder beschauen, die vor fast zweitausend Jahren die alten Künstler an die Wände malten.
Aber wenn die Männer, die die Städte ausgruben aus dem Aschenmeer, hineingingen in die Häuser, dann fanden sie zusammengekauert die Skelette der Menschen, die damals gelebt, die der Berg lebendig begraben. Da konnte man sehen, wie die Mutter ihre Kinder an sich preßte, wie sie nahe der Tür kauerten, die nicht mehr aufging, weil der Steinregen sie zusperrte. Da konnte man noch sehen, wie die Männer sich abgemüht hatten, die Hauswände zu durchbrechen, und fand in den Gassen Fliehende, die vom Steinregen erschlagen wurden.
Ach, es war ein trauriges Bild, und es gab wohl Leute, die noch weinen konnten über die Armen, die vor vielen Jahrhunderten hier mitten im friedlichen Glück des Hauses grausam getötet wurden von dem schrecklichen Berge.