Schon war er dicht heran – da geschah etwas ganz Greuliches!
Die Mittagshitze lag drückend über dem Walde, und die alten Bäume schwitzten in dicken Tropfen das Harz aus. Auf einmal fiel von droben ein dicker Harztropfen, goldgelb in der Sonne funkelnd, nieder, klatschte gegen den Stamm und begrub unter sich die Fliege und Spinne.
Da war es nun aus mit dem Putzen und mit dem Schmausen, Freund und Feind waren eingeschlossen in der zähen gelben Träne des Baumes, zappelten noch ein wenig hin und her, und dann waren sie tot.
Aber neues Harz tropfte von oben hernieder und auf das alte darauf, und schließlich war es ein ganz dicker Batzen geworden, in dessen Innern die beiden Tiere lagen wie in einem durchsichtigen Sarge.
Aber die Weltgeschichte geht ihren Gang ruhig weiter, und alles kommt, wie es kommen muß. Jahrhunderte gingen hin und Jahrtausende. Viele neue Sommer waren gekommen und viele Millionen neue Fliegen mit grünen Flügeln und Spinneriche mit acht Beinen, und niemand dachte mehr an die beiden, die vor langer Zeit da in dem Harztropfen begraben wurden, der unansehnlich und dick an dem Stamm des alten Baumes hing, der längst vermodert im Waldboden ruhte.
Da geschah wieder einmal etwas Neues! Langsam hatte sich das Land gesenkt, und die Wassermassen des Meeres da oben, wo heut die Ostsee rauscht, kamen immer dichter an den alten Wald heran. Eines Tages hatten sie ihn erreicht, und nun spülten die Wellen zwischen den Stämmen, entwurzelten sie, und der Wald mußte sterben. Ein Baum nach dem anderen sank in das nasse Wellengrab, in den Kronen des sterbenden Waldes rauschte der Seewind wilde Gesänge, und die alten Stämme ächzten und stöhnten, wenn sie niederstürzten in das Meer, das ihre Heimat überspülte.
So kam es, daß da, wo früher der Wald rauschte, nun die Ostsee rauscht. Auch der alte vermoderte Baumstamm mit der dicken Harzperle versank in den Fluten, das Meer wälzte Sand darüber, und langsam verweste der Stamm vollkommen. Nur die Harzperle blieb übrig und war im Sande der See begraben.
Und wieder gingen tausend Jahre hin. Da schnob ein mächtiger Sturm über die See, und die Wellen warfen Sand und Schlamm in wilder Wut an den Strand. Seht, da ging ein armer Fischer mit seinem Jungen am Ufer hin und her, der suchte das Harz, das hier vor Jahrtausenden die alten Bäume in dicken Tropfen in der Mittagshitze geweint hatten. Bernstein nannten die Menschen dieses Harz, und sie machten allerlei Perlenketten und Ohrhängerchen aus den gelben Tropfen, die das Alter zu Stein verhärtet hatte.
Der kleine Junge stieß mit seinen nackten Füßen gegen ein dickes Ding im Sande, hob es auf.
„Sieh, Vater!“ rief er fröhlich, „da habe ich ein großes Stück gefunden, das bringt wohl einen halben Taler.“