Der Vater nahm das Bernsteinstück und reinigte es vom Sande, dann hielt er es gegen das Licht.
„Potztausend, Junge!“ rief er vergnügt. „Das nenne ich ein Glück am frühen Morgen! Zwei Tierchen sind drin eingeschlossen in dem gläsernen Sarg, eine Fliege und eine Spinne. Das Stück kaufen die gelehrten Herren drinnen in Greifswald wohl um ein Goldstück, denn zwei Tiere in einem Bernsteintropfen, das ist eine Seltenheit.“
Ja, die gelehrten Herren in Greifswald kauften den gläsernen Sarg, und endlich kam er an den alten Ulebuhle, und nun wollen wir ihn gemeinsam betrachten. Seht, da liegen die beiden Tierchen noch so, wie sie der Tod vor vielen Jahren überraschte. Die Jungfer Fliege, die da im hellen Sonnenschein auf dem Stamm saß und ihr Röcklein putzte, der arge Spinnerich, der auf der Jagd nach dem Mittagsbraten war. Man sieht noch jedes Härchen an ihnen und sieht noch, wie sie im Sterben die Beine streckten. Man sieht, wie sie vergeblich in dem zähen Harzbrei umherruderten, denn rings um die Beine sind lauter trübe kleine Ringel und Kringel. Ja, da kann man die ganze Geschichte, die sich vor zehntausend Jahren zugetragen hat, in allen Einzelheiten anschauen, als ob man damals dabei gewesen, und sieht, daß es damals schon niedliche Fliegen und böse Spinneriche gab. Ja, die Welt ist uralt!»
Gebrüder Sturm
Das war ein böses Ungewitter! Der Sturmwind hatte sein ganzes Orchester aufgeboten; er sauste und brauste, heulte und winselte, pfiff und klirrte durch Stadt und Land und über die Bergwälder. Auf den Schornsteinröhren pfiff er wie auf Klarinetten, er harfte in den Telegraphendrähten, rasselte mit den blanken Barbierbecken wie mit Schellenbäumen, klirrte mit den Fensterflügeln, die er auf und zu warf, winselte an den Ritzen und Schlüssellöchern der Türen, raufte brausend den Bäumen den dichten Haarschopf des Blätterwerks und heulte um die Dachgiebel und kreischenden Wetterfahnen. Er balgte sich mit großen Papierfetzen, die er bald hoch emporwirbelte, bald am Boden dahinschleifte, er kollerte den runden Hut des alten dicken Gerichtsrates einen Kilometer weit fort, hielt ihn an und blies ihn hohnlachend weiter, sobald sich der Herr Rat schnaufend bückte, bis er ihn endlich mit einem kühnen Wuppdich ins Wasser warf. Er drehte Tante Juliens Regenschirm vollkommen um, so daß es aussah, als wollte die gute Tante zum Himmel hinauffliegen, und dem Registrator, der am Fenster stand und darüber lachte, warf er plötzlich einen Blumentopf durch die Scheiben, und da lachte er nicht mehr.
Ja, so war es, und dazu kam der Regen, der den wilden Sausewind in all seinen Schandtaten kräftig unterstützte, und die beiden hatten es fertiggebracht, daß die Straßen der Stadt wie ausgestorben waren und die Kinder die Nasen gegen die Fensterscheiben drückten, um zu sehen, ob denn der graue Himmel sich nicht endlich lichten wolle, denn mit dem Herumtollen draußen war es nichts. – Am Abend aber trippelten sie doch mit flatternden Mänteln und wehenden Halstüchern hinüber zum alten Hause des Doktor Ulebuhle, denn das war just das rechte Wetter, um eine gute Geschichte zu hören, besonders wenn man eine Tasse süßen Tee dazu trinken konnte.
Der alte Ulebuhle hockte in Schlafrock und Filzschuhen in seinem noch älteren Lehnstuhl, rauchte wie ein Postdampfer aus seiner langen Pfeife und knurrte dann und wann, denn das Zipperlein plagte ihn bei solchem Wetter und zwickte und zwackte in seinen alten Knochen.
«Kinder,» sagte er knurrig, «das ist ein Tausend-Teufel-Wetter, und der Sturm wirft mit Dachziegeln und Blumentöpfen nach anständigen Leuten. Da sitzt es sich gut in der warmen Stube bei einem gemütlichen Schnickschnack. Aber draußen in der weiten Welt geht es noch ganz anders her mit dem Unwetter, und was ein richtiger Seemann und Wandergesell ist, der ferne Länder und Meere gesehen hat, der lacht über die Mütze voll Wind, vor der wir Stadtmenschen uns in unseren Höhlen verkriechen, denn was so ein echter Sturm ist, das wissen wir gar nicht. Seht, Kinder, es geht den Menschen so ähnlich wie den Fischen in der Meerestiefe. Die haben um sich und über sich den Wasserozean, und wir haben über uns den Luftozean und leben auf seinem Grunde. Und wie der Fisch auf dem Trockenen ersticken muß, so wir, wenn man uns aus dem lufterfüllten Raum herausnehmen würde. Und wie im Meere gewaltige Strömungen sind, so im Luftmeer. Die Sonne aber ist es, die diese Luftströmungen macht. Sind sie gering, so nennen wir sie Wind, und sind sie stark, so heißen sie Sturm. Die Sonne erhitzt die Luft in heißen Ländern, und dann wird sie leicht und steigt empor, und von allen Seiten strömt dann die schwerere kalte Luft herbei, und so entstehen Wind und Sturm. Wenn man in einem ganz schnell fahrenden Eisenbahnzug sitzt, dann saust man in jeder Sekunde fünfundzwanzig Meter dahin, die Stürme aber rasen mitunter fünf- und sechsmal schneller über die Erde, und dann zerstören sie alles, was Menschen geschaffen haben, und sind gefährliche Bösewichter. Davon aber will ich euch heute etwas erzählen. Rückt näher herzu und spannt eure Lauscher weit auf, denn jetzt kommt die Geschichte von den Stürmen!
Die wilden Brüder Sturm sahen sich das ganze Jahr nicht. In allen fünf Weltteilen wirbelten sie umher und plagten die Menschen, aber an einem ganz bestimmten Tage kamen sie zu einer Familiensitzung zusammen, und dann war es ruhig in der Luft, kein Blättchen regte sich, und die Matrosen auf den großen Segelschiffen, die weit herüber fahren nach Westindien, brannten sich behaglich die Tonpfeifen an und freuten sich, daß sie nicht viel zu tun hatten. Immer an diesem Tage im Jahre kamen die Winde zusammen. Sie trafen sich auf dem Berge Demawend, tief unten in Persien, der über viertausend Meter hoch in den Himmel strebt. Da war eine gewaltige Höhle tief in den Felsen eingegraben, um den die Wolken zogen wie Vögel um den Kirchturm. Am frühen Morgen schon war der erste der Gebrüder Sturm erschienen. Es war der Samum oder Sandsturm. Der hatte es nicht weit. Er kam geradenwegs aus der heißen Wüste Afrikas, der Sahara, und war quer über das Mittelländische Meer geflogen. Die Perser, die da drunten umherwanderten mit ihren großen Lammfellmützen, wunderten sich, wie warm es plötzlich wurde, denn der Samum brachte einen ganzen Strom Sonnenglut aus seiner heißen Heimat mit und schüttelte gelben Wüstensand aus seinen mächtigen Schwingen, so daß die ganze Luft davon erfüllt war und ihn die Perser zwischen den Zähnen knirschen fühlten.