Zu den Straßen, wo die Naturschwärmer wohnten, gehörte die Kastanienallee mit meiner Mietswohnung. Mir gegenüber ein verwilderter Laubpark, wo im April die Amsel pfiff, im Fliederbusch Nachtigallen schlugen. Waren die Bäume entlaubt, so sah man vom Balkon durch das Gezweige den Bahndamm und die blauschwarze Wand des Forstes. Das Hinterhaus zeigte Beete mit Blumen und Beeren, Spargel- und Obstgärten. Aus entfernten Birkengruppen lugten die schlichten Villen der noch ungepflasterten Nachbarstraße, die den rätselhaft stolzen Namen „Breestpromenade“ führt. Bis gestern blieb auch die Kastanienallee ungepflastert. Das ist ja nicht immer angenehm — wenn zum Beispiel im Winter auf hartgefrorenem Boden der nasse Schneebrei nicht weichen will. Doch weil sich Fuhrwerke selten in den Sand meiner Kastanienallee wagten, hat es ein Sinnierer, mit der Feder arbeitend, hier ein viertel Jahrhundert ausgehalten ...

Sonst hat sich Friedrichshagen seit Anno dunnemals arg verändert. Am See, wo Kiefernheide war, ragen die Schlöte und roten Ziegelwände der Berliner Wasserwerke. An Stelle der dummen Ackerstreifen mit ihren unrentablen Ähren und nichtsnutzigen Blumen lauter gerade geschnittene Baustellen, von Stacheldrähten umhegt. Straßendämme, aus deren Sande schon die Kopfstücke der unterirdischen Kanalisation ragen. „Aufschwung!“ höre ich ein paar Herren aus Berlin sagen, die sich offenbar auf Bauspekulation verstehen, und mit Ehrfurcht konstatieren, was aus der Feldlandschaft geworden. Überall buddelt man den Naturboden um: jene künstlichen Eingeweide müssen angelegt werden — abziehen soll durch sie der viele Unrat, den die funktionierende Kultur mit sich bringt. Überall bekommt Mutter Erde einen Panzer vor den Busen. Nicht mehr nach Kuhstall duftet es, sondern nach Benzin; hupende Autos sausen die Friedrichstraße entlang, und die hat nichts mehr von der alten Dorfstraße. Der grasige Sandweg verschwunden; gediegenes Pflaster, Straßenbahnschienen. Keine Vorgärtchen mehr, dafür breite Bürgersteige. Die ländlichen Häuschen abgelöst durch hohe Mietshäuser mit Schaufenstern. Die knorrigen Maulbeerbäume verschwunden, ersetzt durch Bäume von vorschriftsmäßigem Wuchs. Ach, und die holländische Windmühle hinter Conrads Tanzsaal verschwunden. Gänzlich weggeräumt vom märkischen Sande, der früher unverwüstlich konservativ erschien. Und dieser Sand selbst — wo ist er jetzt? Die Mühle stand doch auf einem Hügel! Wo blieb der Hügel? Mit Kalk vermischt, ward er in all die rings emporgewachsenen Mauermeisterstücke vermauert.

Horch, was für ein weltstädtisches Tosen auf der Friedrichshagener Friedrichstraße? Aus dem Berliner Zuge hat sich ein stampfender, schwatzender Menschenstrom ergossen. Diese hastenden Arbeiter, abgespannten Verkäuferinnen und Bürobeamten bringen die dumpfige Luft ihrer Arbeitskasernen mit und all die andern Segnungen des Maschinenzeitalters. Elektrische Flammen bestrahlen ein grellbuntes Plakat. Unter dem Titel eines Theaters hat sich ein Kientopp etabliert, von Stiergefecht und Detektivromantik flimmern seine Filme. Uff, und Grammophone lassen ihre Walzen wetteifern! Bei mildem Wetter sind ihre Besitzer so uneigennützig, die Fenster zu öffnen, damit nur ja die weite Nachbarschaft lauschen kann dem schelmisch quäkenden Damencouplet und der Arie eines Baßbuffo, der Stockschnupfen hat oder sich beim Singen die Nase zuhält. Und wenn auch noch das oberste Luftreich von der neuen Ära bebt! Wenn vom nahen Flugplatze Johannisthal eine Rumplertaube in brummenden Kreisen naht oder ein Parseval wie ein Fabeldrache angeschnoben kommt ... O Himmel, was für einen Aufschwung hast du über das gute Fritzenwalde verhängt!

Einen andern Aufschwung meinte ich, als die Osterlerche über dem Forsthaus jubilierte. Doch den will man noch nicht gelten lassen in Preußisch-Schilda. Nach Gesinnung und Verfassung ist lieb Vaterland so geblieben wie Anno dunnemals, als es den Chronisten hinter Schloß und Riegel steckte. — Ob’s endlich mal anders wird? Ob es Schildbürgern gelingen wird, die Seelen so fliegen zu lassen wie ihre Maschinen? Ein Trost, daß es noch singende, springende Löweneckerchen gibt.

Der Igel

Den Igel von der Buxtehuder Heide haben wir als Kinder bejubelt — wie er mit dem langbeinigen Junker Hasen um die Wette lief: seine Frau hatte er am Ziel versteckt, so daß der Hase, als ihm Fru Swinegelin zurief: „Ick bün all hier!“, meinte, nun sei ihm der krüppelbeinige Konkurrent doch zuvorgekommen. Im wiederholten Wettlauf ging dem Hasen die Puste aus, tot streckte er seine Stelzen.

Guter Meister Igel, was bist du trotz deiner Stacheln für ein herziger Bursche! Nicht nur der Heidebauer jubelt dir zu, weil du verschmitzter Kerl dir zu helfen gewußt mit deiner wackern Ehehälfte und weil du’s dem Junker Hochmut gründlich eingetränkt hast, daß er zu spotten gewagt über den geringen Mann. Glaube nun beileibe nicht, daß ich dich herabsetzen will, wenn ich deinen Namen einer zweibeinigen Kreatur gebe, die ihn nicht ganz verdient; denn der menschliche Igel, auf den ich zu sprechen komme, besaß deinen charaktervollen Schlaukopf bloß in seiner Einbildung, und seine Ähnlichkeit mit dir erstreckt sich fast nur auf das duckmäuserische Exterieur. Auch stand ihm keine Swinegelin zur Seite, sintemalen er bis in sein sechstes Jahrzehnt den Junggesellenstand beibehalten. Friedrichshagen, wo dieser Igel hauste und waltete, war damals noch dörflich, hatte an ländlichen Häuschen mit Rohrdach und Fliedergärtchen nicht Mangel, besaß noch keine Pflasterung, keine Kanalisation, keinen Kientopp und keinen Bürgermeister.

„Es ist schon lange her —

Das freut mich um so mehr“ —