— und zwar besonders aus dem Grunde, weil man nach so viel Zeit eine Lippe riskieren und ohne Gefahr einer Majestätsbeleidigung verraten darf, besagter Igel von dunnemals sei eine Respektsperson gewesen, gewissermaßen der Statthalter des Königs von Preußen am Müggelsee, nämlich etliche Monde lang stellvertretender Amtsvorsteher von Friedrichshagen. Sein bürgerlicher Name war Friedrich Hegel, und es ist nicht ausgeschlossen, daß er irgendwie verwandt war mit jenem Philosophen, den eines Schwabendichters Loblied wetteifern läßt mit den Guanovögeln:

„Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,

Schafft ihr den vortrefflichsten Mist.“

Um die Kassenführung eines ostelbischen Städtchens war unser Fritz Hegel so verdient, daß ihn die allgerechte Obrigkeit mit dem Kronenorden vierter Güte und dem Titulo Rechnungsrat dekoriert hatte. Anfangs nannten ihn die Fritzenwalder Herr Rechnungsrat. An sein früheres Rechnen schien er freilich nicht sonderlich gern zu denken; er hatte auf diese Anrede zunächst einen stechenden Blick, dann näselte er mit einem Lächeln gemachter Leutseligkeit: „Bitte nennen Se mich einfach Rat.“ O freilich, Rat Hegel, das klingt vornehm; was ist dagegen Amtsvorsteher! Vorstehen kann schließlich jeder Bäckermeister. Aber Rat — das läßt auf Geist und Bildung schließen; Ratgeber hat man „oben“ nötig. Der Herr Landrat des Kreises Niederbarnim ist auch einfach Rat!

Der „Alte Fritz“, Gründer von Friedrichshagen, war Hegels besondere Schwärmerei und ja auch Friedrich getauft; deshalb nannte den Rat sein Stammtisch im „Waldhaus“ gern den „Jungen Fritz“. Allerdings war unser Igel durchaus kein Jüngling mehr; immerhin wäre ja der Große Friedrich, wenn er jetzt noch lebte, jetzt viel älter als der Amtsvorsteher Hegel. Übrigens wollte man ein unterscheidendes Merkmal gegenüber dem Alten Fritz geltend machen. Und schließlich gehörte es zu den Eigentümlichkeiten des Jungen Fritz, immer noch jugendlich aufzutreten, zumal der Damenwelt gegenüber, für die er eine nie versiegende Verehrung empfand.

Auch wie er zu dem Spitznamen Igel kam, will ich nicht verschweigen. Schon der Name Hegel hat die Anlage, in Egel, Igel umgewandelt zu werden. Und als ich zum erstenmal mit dem Rate zu tun hatte, ging es mir durch den Sinn: den mußt du schon mal gesehn haben! Wo denn aber? Da ward mir auf einmal klar, daß dieser Würdenträger Ähnlichkeit mit dem wettlaufenden Swinegel hat, wie ihn Ludwig Richter gezeichnet. Hier war ja dieselbe kurze Gestalt, derselbe kleine Duckmäuserkopf mit den listigen Schweinsäugelchen, dieselbe rattenhafte Spitzmäuligkeit — seine schmalen, rasierten Lippen wurden durch ein paar Nagezähne schräg nach vorn geschoben — hier war auch der huschende Leisegang des Igels.

Was die Pedale des Herrn Rat betrifft, so will ich beileibe nicht andeuten, daß sie krumm waren, wie die Schleichkrüppelchen des Buxtehuder Swinegels. Kurz und zierlich, ja das waren sie, deshalb würdigte sie der selbstbewußte Eigentümer auch einer besonderen Sorgfalt. Auf den Tanzkränzchen der Bürgerressource staunte man nicht bloß über die Elastizität der Hegelschen Hüpforgane, sondern auch über ihre patente Bekleidung. Beim Contretanz, den er mit den nasalen Lauten eines französischen Mäters zu kommandieren pflegte, kokettierte er in Lackstiefeletten, während er sonst gelbe Promenadenschuhe trug, die Beinkleider stutzerhaft aufgeschlagen. Sein Ideal war eine Mischung von Landrat und Friseur, emeritiertem Hauptmann und Tanzmeister.

Sein rastloser Ehrgeiz hatte ihn ins Fritzenwalder Amt befördert. Anfangs hatte er nur als Pensionär am Müggelsee leben wollen, als passionierter Angler, Tänzer und sonstiger Lebenskünstler. Dann in den Gemeinderat gewählt, fühlte er immer bestimmter, sein Genie sei noch lange nicht welk, vielmehr zu erneuter Karriere berufen. Damals fügte es sich, daß ein Friedrichshagener Amtsvorsteher, der sonst so tüchtige Herr Drachholz, wegen seines plötzlich gesteigerten Asthmaleidens auf Urlaub nach Ägypten gehn mußte, und nun war ein stellvertretender Amtsvorsteher nötig. Durch geschicktes Aufgebot all seiner Gönnerinnen gelang es dem Jungen Fritz, seinem gefährlichen Mitbewerber, dem reichen Klempnermeister Kuhlicke, viele Stimmen abspenstig zu machen. Nunmehr provisorischer Regent der „Kolonie“, hoffte er, dem Herrn Landrat und „den Herren da oben“ ebenso wie den Spießern bald zeigen zu können, daß Rat Hegel ein ganzer Kerl und Preuße sei, zum definitiven Amtsvorsteher fraglos vorherbestimmt.

Wenn der kleine Gernegroß den eleganten und gebildeten Weltmann herauszubeißen suchte, so kamen auch Entgleisungen vor, die dem Bierbankgelächter willkommene Nahrung boten. Als Beispiel mag eine Begebenheit dienen, die nach Errichtung einer biologischen Station für Binnenfischerei am Gestade des Müggelsees vorfiel. Ein fremdländisch aussehender Herr war von Berlin auf dem Bahnhof Friedrichshagen angelangt, als er in sichtlicher Ratlosigkeit, an einen Bahnbeamten gewandt, in gebrochenem Deutsch stammelte: „Wo ist biologische Station?“ — „Hier ist Station Friedrichshagen“, lautete die Antwort. Der Ausländer blieb bei seiner Formel: „Ich will zu biologische Station.“ — „Ach, Sie meinen wohl Station Zoologischer Garten?“ Der Ausländer protestierte: „Nicht zo — sondern bi, bi!“ Dies Zwiegespräch hatte Rat Hegel mit angehört, und um seine weltmännische Gewandtheit darzutun, schüttelte er vornehm mitleidig das Haupt über des Bahnschaffners unbeholfene Art: „Aber Mann! Erraten Sie denn gar nicht, was dieser Pariser will, hä?“ Und er blinzelte den Fremdling an: „Oui oui, monsieur, je comprends! Kommen Sie!“ Vertraulich seinen Arm ergreifend, führte er ihn nach jenem Bretterhäuschen, das von den Reisenden der wenig komfortablen Vorortzüge oft mit sehnsüchtiger Hast erstrebt wird. „Ici bibi! Ici biologische Station!“ Mit einem Blick der Entrüstung wandte sich der Fremdling ab; Rat Hegel, über solche Wirkung seines Ratschlags verdutzt, ratschlagte hin und her, ob er es an Takt habe fehlen lassen, oder ob dieser Pariser doch etwas anderes gemeint habe.

Als er sein Abenteuer im „Waldhaus“ erzählte, platzte der dicke Wirt heraus: „Warum haben Se’n denn nich zu mir geschickt, Herr Rat? Er meinte doch offenbar die Bierologische Station!“ Zufällig saß auch der Leiter der biologischen Station am Stammtisch, der schlug die Hände zusammen: „Also Sie, Herr Rat, sind das gewesen? Wissen Sie denn nicht, was für einen Beruf und Posten ich hier in Friedrichshagen habe!“ — „Sie — hä? Natürlich weiß ich das! Herr Professor sind Leiter des Instituts für Binnenfischerei am Müggelsee.“ — „Na das ist doch die biologische Station!“ War das ein Reinfall für unsern Igel! War das ein gefundenes Fressen für die auf Ulk erpichten Bürger des Kreises Niederbarnim! Zu seiner Entschuldigung machte er mit wehmütigem Lächeln geltend: „Wenn ich bei der Frage des Ausländers nicht sofort erraten habe, daß Biologie Binnenfischerei bedeutet, so ist das verzeihlich bei einem Manne, der auf seiner Realschule zwar ein leidlicher Franzose gewesen, aber natürlich kein Lateiner. Auch bin ich eben ein schlicht konservativer Patriot, und in meiner bald vierzigjährigen Amtstätigkeit sind mir immer nur Preußische Formen und Aufgaben vorgekommen, keine kosmopolitischen Probleme. Übrigens weiß man oben schon, was man an Rat Hegel hat, dem die Kolonie des Großen Friedrich anvertraut worden — oder etwa nicht, hä?“