Ein Patriot — nun ja, das war Rat Hegel — was mancher Beamte, um die Gunst seiner Vorgesetzten beflissen, so unter einem Patrioten versteht. Die politische Gesinnung gehört dabei zum Dienst, wie der Soldat vorgeschriebene Uniform zu tragen hat und stramm seinen Griff macht, wenn das Kommando erfolgt „Helm ab zum Gebet!“ Obwohl der Junge Fritz gelegentlich mit Fridericianischer Aufgeklärtheit kokettierte, so war er doch auch von jenem Geist erfüllt, der einem Polizeimenschen zu Anfang der neunziger Jahre, wenigstens einem Preußischen, eigen war, nachdem man durch das Ausnahmegesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen lange genug zum Unratschnüffeln abgerichtet war. So nahe beim blutroten Hexenkessel Berlin hatte Rat Hegel ein klein wenig von dem Grundsatz, den sein Kollege in Erkner, „Wehrhahn“ in Gerhart Hauptmanns „Biberpelz“, mit den schneidigen Worten verkündet: „Meine Aufgabe hier ist mustern und säubern. Was hat sich nicht alles für Kehricht am Orte angesammelt! Dunkle Existenzen, politisch verfehmte, reichs- und königsfeindliche Elemente. Die Leute sollen zu stöhnen bekommen.“

So schlimm wie dieser Bramarbas hatte es Rat Hegel nun freilich nicht vor, dazu liebte er zu sehr seine Ruhe. Ein paarmal raffte er sich indessen zur hurrapatriotischen Attacke auf gegen die erwähnten dunklen Existenzen. Nicht geheuer schien ihm jene Gruppe von Schriftstellern, die in einigen Literaturgeschichten „die Friedrichshagener“ heißen. Als Menschen, die sich im Punkte der Überzeugung keinerlei Vorschriften machen ließen, um vielmehr von ihren Ideen oder mindestens ihrer gutgemeinten Schwärmerei geleitet zu werden, betrachteten sie Ungebundenheit als ihr Lebenselement und waren in Wort und Werk verblüffend unpreußisch.

Das Generalquartier der Friedrichshagener, mit denen es auch allerlei Berliner Genies hielten, war jahrelang das Haus der Brüder Streitmüller in der Ahornallee. Zweier Soziologen, die, begeistert von Güte für die Massen armer Volksgenossen, einem Sozialismus huldigten, der selbst den Sozialdemokraten zu frei war, daher „Anarchismus“ genannt wurde. Benno Streitmüller, der jüngere Bruder, verkehrte überdies in Paris und London mit Leuten wie Réclus und Fürst Krapotkin. Persönlichkeiten, die man später, als ihre geistige Bedeutung nicht mehr abzuleugnen war, mit dem entschuldigenden Etikett „Edelanarchisten“ bezeichnet hat, die aber in den achtziger und neunziger Jahren für den normalen Polizeiverstand Hochverräter und Bombenwerfer waren. Kein Wunder, daß der Preußische Statthalter von Friedrichshagen, den auch noch die Berliner Polizei scharf gemacht hatte, ein Auge auf seine Literatenkolonie hatte.

In diese amtliche Stimmung platzte eines schönen Tages eine Bombe hinein. Wenigstens ähnlich einer Bombe wirkte eine Postkarte, die aus London anlangte, adressiert an Herrn Benno Streitmüller in Friedrichshagen. Auf einem obskuren, doch wohl einfachen Wege war ihr Inhalt zur Kenntnis des Amtsvorstehers gelangt. Der ging hoch wie ein gärender Vulkan, als er die Worte las: „Produkt wohlgeraten. Zur größern Sicherheit läßt Freund die Kiste lieber von Hamburg abgehen; damit unterwegs nichts passiert, ist Inhalt als leicht zerbrechlich bezeichnet. Wohl bekomm’s! Dein Krapotkin!“ — Oh! Da war ja nun die Bescherung, die längst von dieser Tintenkulibande zu erwarten war. In der Kiste mußte Dynamit oder so was sein, darauf ließen die Worte wie die Personen schließen. Vollends verdächtig war folgende Nachschrift der Postkarte: „Deinen Gruß an Fifi kann ich nicht bestellen. Denke dir, er hat sich fortgemacht — vor fünf Tagen fand man seinen Käfig leer.“ Also ein Verbrecher war ausgebrochen; kein Zweifel, dies rebellische Gesindel hatte gefährliche Anschläge. Gott sei Dank war ja nun Rat Hegel rechtzeitig dahinter gekommen, der Himmel hatte ihn zum Retter auserkoren. Ja, ja! Wer hat jetzt noch die Stirn, den Amtsvorsteher eines märkischen Dorfes gering zu schätzen? Der Mann kann ja für den Staat Friedrichs des Großen ähnlich wichtig sein, wie für das römische Kapitol die Gänse waren, die durch ihr Schnattern vereitelten, daß es der Feind bei Nacht überrumpelte.

Natürlich überbrachte Rat Hegel seine Entdeckung brühwarm dem Berliner Polizeipräsidium. Mit dem Erfolge, daß ein Dutzend handfeste Detektivs in aller Herrgottsfrühe die Friedrichshagener Anarchistenspelunke umzingelten, und daß der Igel, flankiert von zwei Revolverfritzen, in das Verbrecherhaus eindrang, sobald die erste Post mit der avisierten Dynamitkiste zu erwarten war. Streitmüllers Haushälterin wollte eben mit dem Marktkorb einholen gehn, als ihr der Amtsvorsteher eröffnete, daß Haussuchung stattfinde. Zuerst wurde der Korb der verblüfften Madam visitiert, dann hieß es: „Führen Sie uns zu Herrn Benno Streitmüller, wir wissen, daß er hier ist.“ — „Ach, der ist ja in Paris!“ — „Leugnen ist überflüssig — wenn Sie ihn verborgen halten, werden Sie ernste Unannehmlichkeiten haben.“ So ging die Untersuchung nach allen Regeln der Polizeikunst los. Doch kein Benno Streitmüller, nicht einmal sein Bruder Paul wurde aufgestöbert. Wie dann die Postkiste angelangt war, fanden sich darin Blechdosen. Das war ja nun bedenklich. Darin mochten die Dynamitbomben verwahrt sein. Mit größter Behutsamkeit ging man vor — konnte doch so’n Dings einem vor der Nase explodieren — und das Gesicht konfiszieren ... „In Wasser legen!“ krähte Rat Hegel und retirierte, als ein waghalsiger Polizeier eine der Höllenmaschinen öffnete ... Huhu brrr! Es waren rätselhafte Kugeln darin, faustgroß und dunkelrot. Jetzt hatte der heldenhafte Detektiv sein Käsemesser gezogen und wagte in solch eine Kugel — höchst schauderbar — hineinzupieken. „Det sieht ja aus wie Paradiesäppel!“ meinte er schnüffelnd — „Jotte doch, richtije Paradiesäppel, wo neierdings Tomaten heeßen. Wat will die Bande mit Obst?“ Nun bestätigte die Haushälterin, in den Blechdosen seien eingemachte Tomaten, und als man ihr den Inhalt der Postkarte mitteilte, gab sie unter Gelächter die Aufklärung: Fürst Krapotkin, ein passionierter Tomatenzüchter, habe Benno Streitmüller für seine Züchtungsmethode interessieren wollen. Und Fifi, der aus dem Käfig Ausgebrochene, war ein Kanarienvogel Krapotkins — in seiner Unerfahrenheit hatte das Tierchen sein Freiheitsideal außerhalb des Vogelbauers, im wüsten London gesucht.

Nicht ganz so harmlos wie die geschilderte Begebenheit, doch ebenso charakteristisch, verlief jene andere, die mich persönlich mit dem Igel aneinander brachte. Es mochte ihm bekannt sein, wer seinen zoologischen Spitznamen geprägt hatte, der ihn ebenso wurmte, wie der „Junge Fritz“ eine Schmeichelei bedeutete. Vollends gehörte ich zu der Literatursippe und war einer der Schlimmsten. Genug, ich witterte längst, daß er mir nicht grün; ja von Anfang an hatte mich der lauernde Zug in den Schweinsäugelchen ahnen lassen, dieser Igel werde mal einen listigen Gang mit mir tun und trage sich mit dem Vorsatz: „Warte nur, frecher Langbein, ich werde dich noch zur Strecke bringen, wie mein Namensvetter von Buxtehude!“

Na ja, an Diensteifer ließ er ’s nicht fehlen, als die Reiberei losging. Die Einleitung war ein Schriftstück, das vom Amtsdiener Bolle in meine Wohnung gebracht, mich „zur Vernehmung“ aufs Amt lud. Mein erster Gedanke war: Du hast wohl was Impertinentes in einer Rede gesagt oder durch Druck veröffentlicht? und nun will dir der Staatsanwalt zu Leibe? Aber nein doch! Wohl nur als Zeuge sollst du vernommen werden; vielleicht auch wollen diese Büropedanten einfach das Personalregister berichtigen. Sei’s, wie es sei — wir werden ja sehen!

Die Vernehmung

Das Fritzenwalder „Amt“ war einstalliert in einem gemieteten Landhäuschen, das nur ein Erdgeschoß mit einem großen Zimmer und ein paar kleinen hatte. Längs der Wände lagen die Akten aufgestapelt, in den Fächern hölzerner Gestelle ohne Verschluß, dem Staube, der Vergilbung, den Motten preisgegeben. All diesen Akten hing gewissermaßen die Zunge zum Halse heraus, und diese Aktenzunge war gelb, grün, blau, rot, ein Kennzettel, um Rede zu stehen über den Inhalt des Schriftstückes. Ein paar Schreiberseelen hockten an Pulten, und wenn sie nicht frühstückten, rauchten oder plauderten, hörte man ihre Federn kritzeln, dazu im Sommer den ländlichen Fliegenschwarm summen und beim Nachbar die Hühner gackeln.