„Das sind Ammenmärchen!“ platzte mein Gegenüber hochtrabend heraus — die Rolle des Freigeistes hatte ihn hingerissen, daß er den Amtsvorsteher vergaß. Er merkte zwar an meinem spöttischen Gesicht, daß er zu weit gegangen, und suchte einzuschränken: „Das heißt naturgemäß — mißverstehen Sie mich nicht ...“ — „Aber nein! Sie haben ganz deutlich gesprochen. Und warum sollten Sie Ihr Bekenntnis auch verhehlen? Selbst im heutigen Preußen darf man schließlich nach seiner Fasson selig werden, — wofern man seine Freigeisterei für sich im Geheimkabinett behält.“
Wenn in der Nähe eines ländlichen Gehöftes ein Swinegel vom Kater überrascht wird, rollt er sich zur Kugel zusammen — krallt nun der Kater nach der Kugel, so piken ihn die Swinegelstacheln in die Pfote. Auch der Amts-Igel zog sich auf seine borstige Schutzstellung zurück. Nach mißtrauischem Lauern bemerkte er gereizt: „Aber erlauben Sie mal, Herr Doktor! Mein Glaube kommt hier ganz und gar nicht im Betracht! Was ich in meinem Boudoir denke — Gedanken sind naturgemäß zollfrei! Vorausgesetzt — und darauf kommt’s an —, daß man sie nicht ins Volk trägt! Davor muß man sich hüten! Sie protestieren? Sehen Sie — das ist eben unsere Meinungsverschiedenheit. Sie haben Ihre Freigeisterei ins Volk getragen — tun es grundsätzlich — na also! Und eben diesen Mißgriff verübelt man Ihnen oben. Die Regierung steht naturgemäß auf dem Standpunkte, daß die unteren Schichten des Volkes nicht reif sind für Freigeisterei. Was versteht auch der Proletarier von Kaviar, hä? Dies Bedenken hat schon der große König gehegt — und dem möchte ich mich auch in dieser Hinsicht anschließen!“
Ich nickte lächelnd. In der Tat, es war, wie ich vermutet hatte: Auch das Betreten seiner Waldkirche gestattet dieser aufgeklärte Despot von Fritzenwalde nur mit geschlossener Tabakspfeife. Ja, ja! So sind die Philister-Freigeister! Für sich nehmen sie die Zollfreiheit der Gedanken in Anspruch — sie gereicht ihrer religiösen Gleichgültigkeit zum Lotterbett. Aber die Freigeisterei soll beileibe nicht ins Volk getragen werden!
„Na also! Und nun wollen wir darüber unser Protokollchen aufnehmen, hä? Sie machen keinen Hehl daraus, daß Sie Atheist sind — mündlich haben Sie das ja auch schon zugegeben, hä?“ — Nun wurde mir die Geschichte doch zu bunt, und ich trumpfte auf: „Na hören Sie mal! Zugegeben? Wer hat hier was zugegeben? Sie, Herr Rat, haben zugegeben!“ Er starrte mich betroffen an: „Na, da hört doch alles auf! Ich soll Sie hier vernehmen als Ihr amtlich Vorgesetzter, — und Sie versuchen, den Spieß umzukehren? Bin ich etwa hier der Atheist, oder sind Sie es, hä?“
„Atheist? Ah, ich verstehe! Das ist des Pudels Kern! Um dies Thema also dreht sich die Vernehmung!“ Er wehrte ab und suchte mildere Saiten anzuschlagen: „Aber verehrter Herr Doktor! Veruneinigen wir uns doch nicht! Wie können Sie denn sagen, ich hätte hier was zugegeben. Auf meinen Standpunkt kommt es doch gar nicht an.“
„Sie selber haben ihn geltend gemacht.“
„Na ja doch!“ begütigte er. „Aber das war unter uns gesagt — rein menschlich! Lassen wir das doch beiseite! Amtlich bin ich hier nur der Vernehmende. Und zu meiner Amtspflicht gehört das Protokoll — ich will nur objektiv protokollieren ...“ — „Nette Objektivität!“ — „Ich kenne Sie nicht wieder, Herr Doktor! Sie sind sonst ein freimütiger Bekenner! Daß Sie Atheist sind, na das ist doch einfach notorisch!“
„Wenn’s notorisch ist, was soll dann noch Vernehmung und Protokoll?“ — „Über die Vernehmung habe ich dem Provinzial-Schulkollegium zu berichten!“ — „Berichten Sie immerzu! Aber wenn Sie protokollieren wollen, hier sei irgend etwas eingestanden worden, wie Sie sich ausdrücken — als wären Sie hier Untersuchungsrichter — und ich Angeklagter — so vergessen Sie wenigstens nicht, wer hier eingestanden hat!“
„Eingestanden?“ Hegel wurde blaß. „Ich doch etwa nicht?“ — „Wer denn sonst? Haben Sie nicht gesagt, auch Sie seien im Grunde Ihres Herzens Freigeist? Ihre Kirche sei der Wald? Und schließlich noch, Auferstehung des Fleisches und so weiter seien Ammenmärchen? Wissen Sie, wenn ich hier so etwas gesagt hätte, mir wäre man mit Paragraph 166 gekommen!“ Das war kein Igel mehr, das war eine sich bäumende, zischelnde Viper. Er war aufgesprungen und machte heftige Armbewegungen. Es war die Wut der Angst. Doch er kämpfte sie nieder, ließ sich geknickt in seinen Sessel fallen und raunte heiser: „Sie werden mich doch nicht denunzieren wollen?“ — „Denunzieren? Dummes Zeug! Ich denunziere nicht! Aber Sie, Sie möchten den Herren da oben helfen, mich zu verketzern.“
Ächzend wiegte der Swinegel seine Perücke hin und her: „Mein Gott ja! Das ist nun so ein stellvertretender Amtsvorsteher! Da bilden sich die mißgünstigen Herren vom Gemeinderat ein, ich lebe hier wie der große Friedrich in Sanssouci, mein Amt sei eine Sinecure. Hat sich was mit Sinecure! Die Verhältnisse hier werden immer komplizierter! Wenn ich aber eines Tages die Karre hinschmeiße — naturgemäß, wofern das so weiter geht — so werden die Herren vom Gemeinderat noch einsehen, wen sie verloren haben. Von denen ist keiner den hiesigen Anforderungen gewachsen! Ein gewisser Herr Blechschmidt, vulgo Klempnermeister, erst gar nicht! Mein Nachfolger müßte schon ein studierter Jurist sein. Ob sie den aber kriegen? Allenfalls einen durchgefallenen Referendar! Aber der schon wird andere Ansprüche machen als ich! Und das werdet Ihr Steuerzahler merken, naturgemäß — na wartet man!“