„Nun muß ich aber ernstlich ersuchen: zur Sache, Herr Amtsvorsteher! Was hat denn mein Fall mit Ihrer Abdankung zu tun? Wenn Ihnen das Amt verleidet ist, so legen Sie’s doch einfach nieder!“ — „Ach, ich denke ja gar nicht daran, niederzulegen, freiwillig nicht! Aber gewisse Leute lauern drauf, daß ich mir einen Schwupper zuschulden kommen lasse.“ — „Na, ich gehöre nicht zu denen — von mir aus bleiben Sie ungeschoren — keine Sorge, kein Lamento! Zur Sache endlich! Bitte, teilen Sie mir ohne Umschweife mit, worüber Sie mich vernehmen sollen! Will das Provinzial-Schulkollegium in der Tat wissen, ob ich Atheist bin? Kaum glaublich!“
„Ja — in der Tat!“ sagte der Igel erleichtert. „Darauf kommt es an. Und nun bitte, äußern Sie sich!“ — „So mag die Behörde doch einfach meine Schriften lesen — oder zu mir in meine Vorträge kommen! Und wenn Sie mich schon für einen notorischen Atheisten hält, na gut — wozu dann noch die Umstände? Atheist! Solch ein Schlagwort paßt mir überhaupt nicht, ist ja rein negativ und inhaltlos!“ Kleinlaut bemerkte mein Gegenüber: „Ich werde also schreiben, daß Sie zur Kennzeichnung Ihres Standpunktes auf Ihre Schriften verweisen, hä?“
Ich murrte weiter: „Amt Friedrichshagen ist doch kein Inquisitionsamt! Und was versteht ein Amtsvorsteher überhaupt von Theologie? Ebensowenig wie von Biologie!“ Der Igel keuchte, als ob ihn ein Schlaganfall bedrohe, und brauchte eine Weile, um sich halbwegs zu fassen. Dann ergriff er mit zittriger Hand die Feder und kritzelte die Worte, die er mir vorlas: „Der Vorgeladene verweigert die Aussage.“ — „Na wissen Sie,“ erwiderte ich, „dies Ergebnis hätten Sie rascher erzielen können — und gemütlicher!“
Er sah mir tückisch ins Gesicht, reichte mir die eingetunkte Feder und wies die Stelle, wo ich unterschreiben sollte. Ich lehnte ab: „Bilden Sie sich etwa ein, daß ich etwas Unrichtiges unterschreiben soll?“ — „Aber Sie verweigern doch die Aussage!“ — „Umgekehrt, Herr Rat! Sie verweigern die Aussage! Ich frage ja in einem fort: Was will eigentlich das Provinzial-Schulkollegium? Sie aber weichen einer deutlichen Antwort aus. Ich kann doch nicht glauben, daß diese Behörde Ihrer Mitwirkung bedarf, um meinen Atheismus festzustellen! Die Sache hängt offenbar anders zusammen. Das Schreiben des Provinzial-Schulkollegiums wird ja meine religiösen Meinungen berühren — ich glaubs schon. Es kann aber unmöglich anordnen, daß Sie mich darüber vernehmen sollen. Machen wir die Probe, Herr Amtsvorsteher! Lassen Sie mich das Schreiben einfach lesen! Sie wollen nicht? Das ist bezeichnend, da haben wir’s! Die Untersuchung über meinen Atheismus — das ist eine Aufgabe, die Sie selber sich gestellt haben. Aus Anlaß einer Anfrage des Provinzial-Schulkollegiums. Sie möchten sich hervortun, möchten bald definitiv Amtsvorsteher sein ... Albernes Zeug! Ich gebe mich nicht her für solche Manöver!“
Da ich mich erhob, um zu gehen, klappte Hegel die Akten zusammen und schmiß sie wütend hin. In Kassandras hohlem Tone sprach er, warnend die Hand erhoben: „Passen Sie auf, Herr Doktor! Das Provinzial-Schulkollegium ist Ihre vorgesetzte Behörde — die wird Ihnen den Brotkorb höher hängen!“ —
Als ich das amtliche Haus verlassen hatte und das Vorgärtchen durchschritt, wurde mein Auge gefesselt durch die „zur Zier“ zwischen Rosen aufgestellte Spiegelkugel. Betroffen sah ich hier mein Spiegelbild ins Groteske verzerrt — ich war kurz und breit, die Backen waren wie Buttertonnen, ich sah wie ein Nilpferd aus. Hm! Auf die Art des Sehens kommt alles an, und die ist oft putzig verschieden. Was ist Schein, was ist Sein? — Spöttisch klang es mir in den Ohren: „Und es schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Ei ja, Ihr Persönlichkeits-Karikaturen! Es paßt Euch in den Kram, die eigene Kläglichkeit zu beschönigen durch den Hinweis auf das schöpferische Urbild.
Dann fiel mir das Goethewort ein:
„Wie einer ist, so ist sein Gott.
Darum ward Gott so oft zum Spott.“
Ich dachte auch an die Geschichte vom Swinegel un sine Fru, die am andern Ende der Ackerfurche duckmäuserisch saß, ihm zum Verwechseln ähnlich. Ei natürlich! Ist der Mensch ein Swinegel, so hockt drüben im Jenseits sein Konterfei und echot herüber: „Ick bün all hier!“